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Bernhard Weidinger

Wie einige bemerkt haben, habe ich meinen Twitter-Account (@bweidin) nach einer Phase der Abstinenz ganz deaktiviert. Weil manche fragten: ich wurde weder gesperrt, noch bedroht, noch gemobbt (das passiert weißen Herren Doktoren unter einer gewissen Relevanzschwelle, die sich lieber mit Nazis anlegen als mit Väterrechtlern oder Gamergatern, ja generell nicht so leicht), noch hab ich mich „mit DÖW-Kohle in die Karibik abgesetzt“ (good one), noch hab ich vor, den Account wiederzubeleben. Ausschlaggebend waren eigene Beobachtungen und Beobachtungen anderer, was ich mit Twitter mache – und was Twitter mit mir. Auf dieser Basis habe ich beschlossen, den Ego-Account einzustellen und mich stattdessen auf die Mitgestaltung der Twitter-Auftritte meiner Arbeit (DÖW) und der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) zu konzentrieren. Alles, was wichtig ist, kann auch da raus.

Zum Abschied hier mein ultimatives #ff – die 25 Must-follow-Accounts aus meiner Sicht. Mit schwerem Österreich-Bias, thematischer Schlagseite in Richtung Rechtsextremismus, vielen unfairen Auslassungen (bitte um Nachsicht, @porrporr & Co.!) und pragmatischer Aussparung von Twitter-A-Prominenz wie @NinaHoraczek und @corinnamilborn, der in Österreich eh schon alles folgt, was halbwegs bei Sinnen ist. Hier also von A wie ana nym bis Z wie zeroconf…

ana nym (@ana_nym): Äußerst unterhaltsame Tweets zwischen hoch- und irgendwie-eh-auch-politisch. At her best bei lakonischen Einlassungen zu Critical Whiteness. Allerdings unter dringendem Linksradikalismusverdacht [wie manch andere*r auf dieser Liste auch, Disclaimer entfällt im Weiteren].
Andrea Stangl (@andrangl): Historikerin, parlamentarische Mitarbeiterin bei den Grünen und in puncto Zeitgeschichte und extreme Rechte top beschlagen.
Brigitte (@denkwerkstatt): Lesenswerte Beiträge u.a. für die www.anschlaege.at und kluge Betrachtungen zu allerlei Politischem aus feministischer Perspektive.
Brigitte Bailer (@BrigitteBailer): Historikerin, ehemalige wissenschaftliche Leiterin des DÖW und Pionierin der Rechtsextremismusforschung in Österreich. Recht neu auf Twitter und (deshalb?) ärgstens underfollowed.
Cas Mudde (@CasMudde): Internationale Koryphäe zu Rechtspopulismus/-extremismus an der University of Georgia mit vielen spannenden Einsichten in europäische und US-Politik.
ChereLouise (@ChereLouise): Französisch-, deutsch- und englischsprachige Tweets und Links zu so manchem Politzeugs, das sonst leicht verpasst wird.
ChickLit (@litchicks): Die feministische, nein: DIE Buchhandlung in Wien überhaupt, mit Top-Beratung und regelmäßigen interessanten Veranstaltungen (chicklit.at). Physisch in der Kleeblattgasse 7 (1010) angesiedelt.
Dokumentationsarchiv (@doew_at): Arbeitsstätte. Viel original content zur extremen Rechten in Österreich, plus Veranstaltungshinweise aus den Bereichen Zeitgeschichte und Gedenkpolitik.
FIPU (@fipu_at): Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (Blog: fipu.at). Macht schöne Bücher, schöne Workshops/Vorträge – und schöne Tweets, v.a. zum Rechtsextremismus in Österreich.
Gospa Sommer (@gospa_sommer): Kenntnisreiche Beobachtungen zu den Politiken der Kinder-/Jugendliteratur und der Mode, zu Literatur im allgemeinen, Feminismus, Schule, Sprachen- und Volksgruppenpolitik, Minderheitenrechten und Politik überhaupt. [Anm.: Account inzwischen eingestellt.]
Gregor (@Der_Gregor): Sehr witzig. Nicht der einzige, aber ein hinreichender Grund, ihm  zu folgen.
ihf (@ihf_a): Einsichten zu Rechtsextremismus, Prävention, Sozialarbeit u.a. – oft hochfrequent, immer eloquent.
Kathrin Gloe (@kaethe_gloe): Co-Autorin von -> Natascha Strobl mit Expertise im Bereich Rechtsextremismus, vor allem hinsichtlich dessen „neurechter“ Manifestationen.
kukarina (@kukarina): Feministisch, antirassistisch, undogmatisch, brillant.
kapturak (@kapturak): Beobachtungen zur extremen Rechten in Mittelosteuropa mit Schwerpunkt Polen und Tschechien. Content, der es zu selten in deutschsprachige Timelines schafft.
Lisa Mayr (@lisa_mayr): Ressortleiterin beim STANDARD (Wissen und Gesellschaft). Lieblingsjournalistin, hands down.
Magdalena Miedl (@mmiedl): Politisch hellwache Filmjournalistin, Gourmande/Gourmette und Lebenskünstlerin mit feinem Witz.
Matthias Falter (@mat_fal): FIPU-Kollege, Politikwissenschafter mit luziden Tweets zu Rechtsextremismus, Zeitgeschichte, österreichischer und US-Politik.
Merz (@MenschMerz): Twittert viel und ebenso nerdig wie hellsichtig über Rechtsextremismus, insbesondere „Identitäre“ und deutsch-österreichische Vernetzungen.
Natascha Strobl (@rabid_glow): Politikwissenschafterin, Buchautorin und Aktivistin, die auf Twitter und ihrem Blog (schmetterlingssammlung.net/) ihr umfangreiches Wissen und lesenswerte Analysen über die extreme Rechte teilt und der folgen muss, wer immer über ihre befremdlichen Fußballaffinitäten hinwegsehen kann.
Sarah Leah de Lange (@SLdeLange): Populismusforscherin aus den Niederlanden, Tweets (mostly English) zum Gegenstand mit Blick weit über Wilders und die PVV hinaus.
stopptdierechten.at (@stopptrechte): Der Account zu jenem Blog, der am lückenlosesten, gut informiert und hintergründig über rechtsextreme Umtriebe in Österreich berichtet, und seit einiger Zeit seine Twitter-Aktivität erfreulich erhöht hat.
tanja malle (@scharlatanja): Urheberin hervorragend recherchierter Ö1-Beiträge u.a. zu Osteuropa, Rechtsextremismus und Zeitgeschichte.
vassili (@c_vassili): Kernkompetenz Nazis, Daten/Privacy und unterhaltsame Disses.
zeroconf (@zeroconf): Ihre Bio („still ♥ing queer-feminism! ★ smash fascism! ★ fight racism! ★ no border! no nation! ★“) ist Programm.

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Warum sich immer mehr Frauen rechtsextremen Gruppierungen anschließen

von Magdalena Liedl

erschienen auf Broadly

Das Klischee vom rechten Heimchen am Herd gilt schon lange nicht mehr. Nicht nur Männer, auch rechtsextreme Studentinnen schließen sich an Unis zu Verbindungen zusammen. Die österreichischen deutschnational und völkisch gesinnten „Mädelschaften“ gelten dabei als Hardliner.

Es gibt Interviewabsagen und es gibt Interviewabsagen. Die österreichische Studentinnenverbindung „Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz“ schickte mir zweiteres, als ich sie kontaktierte, um sie um ein Gespräch über ihre Gruppierung zu bitten. „Da Sie auf diversen Sozialen Netzwerken Ihre (partei)politische Einstellung offen zur Schau tragen, befürchten wir das Fehlen einer nötigen Neutralität als Fundament für eine Zusammenarbeit.“

Nach einigem Nachhaken und der Klärung des Unterschieds zwischen „ journalistischer Recherche“ und „Zusammenarbeit“ ließ mich die Führung der Iduna wissen, sie stünden „journalistischer Tätigkeit grundsätzlich skeptisch gegenüber“, man werde das Thema aber nochmals intern besprechen.

Wie ich noch erfahre, wurde bei immerhin zwei Verbindungstreffen der Iduna darüber diskutiert— mit dem Ergebnis, dass es keine Option war, mit jemandem zu sprechen, der möglicherweise eine andere politische Meinung vertrat. Mit dieser Weigerung ist die Studentinnenverbindung, die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Anneliese Kitzmüller zu ihren Mitgliedern zählen kann, nicht alleine. Auch die Wiener Mädelschaften Nike und Freya wollten nicht mit Broadly sprechen.

Dass es unter männlichen Studentenverbindungen einschlägige Gruppen gibt, die deutschnationales und völkisches Gedankengut vertreten, rechtsextreme Redner zu Veranstaltungen einladen und oft nur knapp an NS-Widerbetätigung vorbeischrammen, dafür gibt es ein zunehmenden Bewusstsein. Doch auch Frauen schließen sich, seit sie an deutschen und österreichischen Universitäten zugelassen sind, zu sogenannten Damenverbindungen zusammen.

Die deutschnationalen und völkischen „Mädelschaften“ in Österreich gelten dabei, wie auch die österreichischen Burschenschaften, als Hardliner innerhalb der Studentinnenverbindungslandschaft im deutschen Sprachraum. Liberale Verbindungen, wie es sie in Deutschland gibt—etwa die Fridericiana, die Frauen und Männer aufnimmt—sucht man in Österreich vergeblich. Hier teilen sich die Damenverbindungen in nur zwei Strömungen auf: konservativ-konfessionelle und deutschnationale—die eigentlichen Mädelschaften.

Diese treten als harmlosen Studentinnengruppen auf, die scheinbar unpolitische Partys organisieren, bei Veranstaltungen von Burschenschaften mit Kuchen Backen und Gedichtvorträgen aushelfen und Studienanfängerinnen dabei unterstützen, sich in den ersten Uni-Semestern zurecht zu finden. Tatsächlich verbreiten sie dabei aber rassistische, deutschnationale und völkische Inhalte.

„Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten.“

Gerade diese rechtsextremen Frauengruppen erfahren nun an österreichischen Unis in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Seit 2011 gab es drei Neugründungen von rechtsextremen Frauenverbindungen, darunter auch die Iduna in Linz. „Das ist doch auffallend und ziemlich beeindruckend.“, sagt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die zu rechtsextremen Verbindungen forscht, gegenüber Broadly.

„Die Partizipationsfelder von Frauen sind im modernen Rechtsextremismus breiter geworden.“, erklärt sie dieses Phänomen. „Dadurch steigt auch das Bedürfnis, sich zu organisieren.“ Die klischeehaften Rollen, die rechten Frauen von außen oft zu geschrieben werden, stimmen dabei längst nicht mehr. Sie sind in der rechtsextremen Szene genauso aktiv wie die Männer.

Aber warum es dann so schwer sei, mit Mädelschaften in Kontakt zu treten, frage ich Goetz. Burschenschafter geben durchaus Medieninterviews; rechte Gruppen wie die sogenannten „Identitären“, die aktuell auch in Deutschland Fuß fassen wollen, rufen in Wien auch schon mal zu Demonstrationen auf. „Es gibt schon eine Angst oder gewisse Scheu von Mädelschaften, an die Öffentlichkeit zu treten.“, sagt Goetz. Entscheidend ist aber ein anderer Faktor, erklärt sie: Bisher werden Mädelschaften in der Medienberichterstattung kaum beachtet. Sie waren daher nie in der Situation, ihre Positionen rechtfertigen zu müssen und meinen daher, mit Gesprächsverweigerung durchzukommen.

Rechtsextreme Frauen werden, wenn sie denn überhaupt in den Medien vorkommen, gerne als „rechte Heimchen am Herd“ verharmlost. Die einzigen spitzen Gegenstände, die Mädelschafterinnen in die Hand nehmen würden, seien keine Säbel sondern Messer und Stricknadeln, schrieb etwa die österreichische Tageszeitung Kurier. Als die deutsche Rechtsextreme Beate Zschäpe vor Gericht stand, kommentierten Medien ihre Kleidung. Inhaltlich werden rechtsextreme Frauen in der Öffentlichkeit selten konfrontiert.

Auch dass die Mitglieder von Mädelschaften den Burschenschaftern intern nicht gleichgestellt sind, verleitet dazu, sie zu unterschätzen. Mädel fechten etwa keine Mensuren. Das heißt, sie führen keine rituellen Fechtkämpfe wie ihre männlichen Kollegen in Burschenschaften durch, die so ihre „Ehre“ verteidigen und danach stolz Schnitte und Narben im Gesicht, sogenannte „Schmisse“, zur Schau stellen. „Nach der Ideologie der Burschenschaften haben Frauen keine Ehre, die sie verteidigen könnten.“, erklärt Goetz. Daher bleibt den Mädeln der Zugang zum Fechten verwehrt. Sie sind auf Männer angewiesen, die sie im Falle einer Beleidigung in Fechtduellen vertreten. Daher erhalten Mädelschaften häufig einen sogenannten symbolischen „Ehrschutz“ von befreundeten Burschenschaften.

Warum tritt aber eine junge Frau freiwillig in eine Verbindung ein, die sie dermaßen abwertet? „Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten“, erklärt Goetz. „Im weitesten Sinne kann man sogar sagen: Ausgleich für eigene Diskriminierungserfahrungen.“ Kurz: Sie werden als Frauen zwar diskriminiert, diskriminieren dafür aber andere.

„Frauen können genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Auch Leistungsduck kann ein Faktor sein: In Mädelschaften ist zu Hause bei der Familie zu bleiben ein legitimer Lebensentwurf. „Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich bei verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durchzusetzen, kann das eine attraktive Position sein.“ Gleichzeitig bieten Mädelschaften Netzwerke für die Karriere für diejenigen, die eine solche anstreben—wenn auch mit Einschränkungen. So ist etwa auch die österreichische Nationalratsabgeordnete und frühere Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Mitglied der Mädelschaft Sudetendeutschen Damengilde Edda.

Dennoch sind Mädelschaften weder reine Karrierenetzwerke noch Anhängsel von Burschenschaften, sondern stehen ihren männlichen Gegenstücken um nichts nach, was die ideologische Festigung betrifft. Zwar halten sich die österreichischen Mädelschaften bedeckt und wollten mit mir weder über ihre Ideologie noch ihre Aktivitäten sprechen, doch lassen sie in ihren Online-Auftritten einen kleinen Einblick zu, welche Art von Ideen sie bei ihren Verbindungspartys, Liederabenden und Sonnwendfeiern transportieren.

Sieht man sich beispielsweise die Iduna einmal genauer an, stößt man auf einige interessante Dinge: Eine ihrer Farben ist „kornblumenblau“. Diese Farbe stünde für Freiheit und Freundschaft, heißt es auf ihrer Website. Tatsächlich war die Kornblume Symbol und Erkennungszeichen illegaler österreichischer Nazis vor dem Anschluss 1938. Auch der österreichische FPÖ-Präsidentschaftskandidat und Burschenschafter Norbert Hofer trägt dann und wann eine blaue Kornblume am Revers. Die Mitglieder der Iduna kochen bei Veranstaltungen für die Linzer Burschenschaft „Arminia-Czernowitz“. Gegen diese ermittelte die Staatsanwaltschaft 2010 auf Anzeige der Grünen, weil die Burschenschaft NS-Sujets auf ihren Plakaten benutze. Nur ein Hakenkreuz hatten sie aus dem Originalplakat von 1931 dann doch entfernt. Anstatt „Frohe Weihnachten“ wünscht die Iduna ihren Facebook-Fans „Heil Jul!“. Die Nationalsozialisten hatten versucht, das nordische Julfest anstatt des christlichen Weihnachtsfest zu etablieren.

Aber auch die Wiener Mädelschaften Freya und Nike verwenden NS-Symbole. Die Mädelschaft Freya (mit den Verbindungsfarben Schwarz-Rot-Gold und dem Sitz in der berüchtigten Fuhrmannsgasse in Wien, wo auch mehrere deutschnationale Burschenschaften ihre „Buden“ haben) hat etwa den Text des Deutschlandliedes in der Version, in der es von den Nazis gesungen wurde, auf ihrer Facebook-Seite („Deutschland, Deutschland über alles…“). Wie die Iduna feiern auch die Mitglieder im Dezember das Julfest. Ausflüge gibt es nicht nur zu befreundeten Mädelschaften, sondern auch etwa zu einem Fallschirmjäger-Denkmal, das die Wehrmacht 1941 auf Kreta errichtete.

Die Mädelschaft Nike wiederum verkündet auf ihrer Seite, dass Südtirol zu den „deutschen Landen“ gehöre und sie den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung feiern würden, ihre Großeltern hätten das schließlich auch nicht getan. Nike tut sich auch mit einer ganzen Reihe von rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen und Seitenhieben auf Politiker_innen und Aktivist_innen hervor, die auch mal namentlich inklusive Wohnadresse genannt werden. Die Kommentare dazu können durchaus auch als Drohungen gelesen werden („Da fürchtet sich die Antifa doch glatt vor uns Mädls—na zum Glück sind wir uns am Mittwoch nicht begegnet.“)

All diese Symbole und Aussagen stehen zwar für einschlägiges Gedankengut, sind aber in Österreich nicht verboten, etwa im Gegensatz zum Hakenkreuz. Auf den ersten Blick mögen sie unverfänglich wirken—dass die Kornblume ein Nazi-Symbol ist, ist schließlich nicht unbedingt Allgemeinwissen. Für Mitglieder der rechtsextremen Szene sind derartige Symbole jedoch eindeutig.

Um sich für Frauenangelegenheiten einzusetzen, wegen der Partys oder alleine wegen der Karriere schließt sich jedenfalls niemand einer deutschnationalen Studentinnenverbindung an, schließt Goetz. Junge Frauen, die einer Mädelschaft beitreten, erkennen diese Symbolik ganz genau und schließen sich ihnen genau deshalb an. „Frauen können schließlich genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Titelbild: Illustration von Sarah Schmitt; Bild von Adolf Hitler via Wikipedia | CC BY-SA 3.0 DE

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„Gleichberechtigung ,unserer’ Frauen mit ,unseren’ Männern“

erschienen in GENDER STUDIES ZEIT-SCHRIFT des gendup

Judith Goetz

Seit der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und seine rassistisch motivierten Morde an mindestens zehn Menschen bekannt wurden, läuft die sensationsorientierte Berichterstattung über das deutsche Neonazi-Trio auf Hochtouren. Dass sich Beate Zschäpe im November 2011 den Behörden stellte und sich seit Mai 2013 als Hauptangeklagte in einem Prozess zu verantworten hat, bot aber auch den (längst) notwendigen Anlass, sich erneut mit der Bedeutung von Frauen in der extremen Rechten auseinanderzusetzen. Weiterlesen

 

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„Hausfrau und Teufelin“

in an.schläge I / 2016

BEATE ZSCHÄPE wird medial entweder als unbedarftes „Mädel“ oder als personifiziertes Böses inszeniert. Die Soziologin CHARLIE KAUFHOLD erklärt JUDITH GOETZ im Interview, was feminisierte Darstellungen mit deutschen Schuldabwehrstrategien zu tun haben.

an.schläge: Sie haben in Ihrem Buch zwei mediale Darstellungsweisen von Beate Zschäpe herausgearbeitet: einerseits „dämonisierende Feminisierungen“ und andererseits „bagatellisierende Feminisierungen“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Charlie Kaufhold: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf zwei Extreme gestoßen: Einerseits gab es in den Medien eine starke Bagatellisierung der Rolle von Zschäpe. Sie wurde aus der Verantwortung genommen und als unpolitische Mitläuferin dargestellt, als naive Hausfrau und teilweise verkindlicht und viktimisiert, das geschah vor allem durch vergeschlechtlichte Bilder. Ein Beispiel hierzu ist, dass sie als „liebes Mädel“ bezeichnet wurde oder nur für den Haushalt zuständig gewesen sein soll.
Das andere Extrem ist, dass Zschäpe als von der Norm abweichend, absonderlich und als personifiziertes Böses dargestellt wurde. Auch diese Darstellungsweise wurde durch vergeschlechtlichte Bilder gestützt. Ein Beispiel hierzu ist die Titelseite der „Bild“ zum Prozessbeginn: Neben einem großen Foto von Zschäpe prangte die Überschrift „Der Teufel hat sich schick gemacht“.

Unterschiedliche Zeitungen stellten Zschäpe immer wieder als „Täuscherin“ und „Fassadenfrau“ dar. Haben sich die Darstellungsweisen nach Zschäpes Aussage Anfang Dezember verändert?

Zschäpes erste Aussage, die sie im Dezember von ihrem Anwalt verlesen ließ, war wenig überraschend. Sie hat genau die bagatellisierenden Darstellungsweisen reproduziert, die ihr bisher durch die mediale Berichterstattung angetragen wurden. Mit vergeschlechtlichten Bildern von sich als emotional instabiler und abhängiger Frau versuchte sie sich zu entlasten, was übrigens eine auch im NSU-Prozess durchaus gängige Aussagestrategie von weiblichen Neonazis ist. Dabei hat sie sich jedoch zu keiner Frage geäußert, die Aufklärung in den NSU-Komplex bringen könnte, keine Details zu den Hintergründen der Morde und der Auswahl der Opfer preisgegeben und bspw. keine_n Neonazi belastet, dessen Beteiligung nicht sowieso schon bekannt war. Erstaunlich fand ich hingegen, dass genau die Medien, die diese bagatellisierenden Bilder zuvor noch produziert hatten, sich nun auch kritisch gegenüber Zschäpes Narrativ äußerten. Trotzdem blieb eine vergeschlechtlichte Darstellung von Zschäpe bestehen, sie wurde weiterhin in Bezug auf ihr Erscheinungsbild und ihre Mimik – z. B. ihr Lächeln – beschrieben, ihre vermeintliche Persönlichkeit und ihr Charakter standen im Vordergrund, keineswegs ihre politische Haltung und Vorgeschichte. Auch wurde im Dezember wiederholt der Kontrast zu der Berichterstattung über Wohlleben deutlich. Dieser wurde durchgehend als politisch überzeugter Neonazi dargestellt. Insoweit würde ich sagen, dass es bestimmte Änderungen in der Berichterstattung gibt, aber dass es weiterhin auch bestimmte Konstanten gibt – den Fokus auf Zschäpes Weiblichkeit.

Sie analysieren in Ihrem Buch außerdem, welche Effekte diese Berichterstattung für die deutsche Dominanzgesellschaft hat …

Mich hatte nicht nur interessiert, welche Bilder produziert wurden und welche Rolle Geschlecht dabei spielte. Daran anknüpfend bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen diese vergeschlechtlichte Berichterstattung hat. Was die beiden genannten Darstellungsweisen von Zschäpe angeht, denke ich, dass sie die Möglichkeit bieten, Schuld abzuwehren und mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen, innerhalb derer der NSU überhaupt agieren konnte, zu negieren. Das geschieht durch unterschiedliche Mechanismen: Durch die bagatellisierenden Darstellungsweisen können Zschäpe und ihre Taten als irrelevant dargestellt werden. Deshalb muss man sich also auch gar nicht erst damit beschäftigen. Bei den dämonisierenden Darstellungsweisen wird Zschäpe außerhalb des deutschen Kollektivs verortet, sie wird ja als von der Norm abweichend dargestellt. Dadurch muss keine Auseinandersetzung mit ihr und ihren Taten stattfinden, genauso wenig wie mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen – sie wird ja als weit entfernt von der mehrheitsdeutschen Norm dargestellt. Entsprechend wird auch rassistische Gewalt außerhalb des mehrheitsdeutschen Kollektivs angesiedelt.

Inwiefern knüpfen diese Bilder an Vorstellungen von NS-Täterinnen an?

Es gab sowohl vergeschlechtlichte bagatellisierende als auch dämonisierende Darstellungsweisen in der Berichterstattung über angeklagte nationalsozialistische Täterinnen – in der direkten Nachkriegszeit wie auch in späteren Prozessen. In medialen Repräsentationen des Nationalsozialismus, wie bspw. in Filmen wie „Der Untergang“, finden sich die genannten vergeschlechtlichten Darstellungsweisen bis heute, auch in diesen Fällen natürlich verknüpft mit der Möglichkeit der Schuldabwehr.

Wie kommt es zu dieser Schuldabwehr?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland in keiner auch nur annähernd angemessenen Weise aufgearbeitet wurde. Es gibt Studien zu Folgewirkungen des Nationalsozialismus auf psychosozialer Ebene. Ganz kurz zusammengefasst ist das zentrale Argument, dass die mehrheitsdeutsche Bevölkerung auch emotional stark mit dem nationalsozialistischen System verstrickt war und sich nach 1945 verschiedener Abwehrmechanismen bediente, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Die dadurch entstandene psychosoziale Struktur ist an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden und auch heute noch wirkmächtig.

Und in diesen Zusammenhang steht auch die Berichterstattung über Zschäpe?

Ja, hier findet sich ein möglicher Ansatz, um die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären: Durch die beschriebenen Folgewirkungen des NS gibt es in Deutschland weiterhin die Neigung, Schuld in Zusammenhang mit faschistischen Taten abzuwehren. Genauso wie also durch vergeschlechtlichte Diskurse Schuld nach dem Nationalsozialismus abgewehrt wurde – z. B. in der Berichterstattung über nationalsozialistische Täterinnen – , wird auch heute noch Schuld in Bezug auf rassistische Strukturen abgewehrt. Und das zeigt sich eben auch in der Berichterstattung über Zschäpe.

Gab es auch andere mediale Darstellungen mit anderen Effekten?

Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit verändert und es gibt immer wieder auch Artikel, die sich kritisch mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und die genannten Darstellungsweisen nicht reproduzieren. Allerdings ist die Berichterstattung insgesamt nach wie vor weit entfernt von einer emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Neonazismus und Geschlecht, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft auf ihren verschiedenen Ebenen. Auch das Leid der Angehörigen der Ermordeten und der Überlebenden der Bombenanschläge findet keine angemessene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich finde, dass die Kritik über die konkrete Praxis der Berichterstattung hinausgehen muss: Die Strukturen, die eine solche Berichterstattung nahelegen, müssten verändert werden. Eine tiefgreifende Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der damit verbundenen Schuld wäre ein Anfang.

Von Charlie Kaufhold ist kürzlich „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ in der Reihe Antifaschistische Politik (RAP) der Edition Assemblage erschienen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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Das freiheitliche Monatsmagazin

Anlässlich der heutigen Aussendung von SOS Mitmensch über die Unterstützung der rechtsextremen AULA durch die FPÖ: ein geraffter Rückblick auf einige Lowlights des vergangenen AULA-Jahrgangs.

Das Zentralorgan der völkischen Verbindungen in Österreich im Besitz der Freiheitlichen Akademikerverbände ist nach wie vor eines der relevantesten publizistischen Foren der extremen Rechten in Österreich. Im Berichtsjahr bot die Grazer Monatszeitschrift das gewohnte Potpourri aus rassistischer Hetze, antisemitischen Verschwörungsphantasien, Verunglimpfung von NS-Opfern und Antifaschist_innen sowie kaum verhohlener NS-Nostalgie. Dargebracht wurde all dies in weiter verschärfter Form, sodass eine Einstufung der Zeitschrift als neonazistisch (statt ’nur‘ rechtsextrem) zumindest diskutabel erscheint. Ergüsse über „die Tatsache, daß es verschiedene Menschenrassen gibt“, über die „bedrohte(n) Europiden“ und die „Abschaffung der Weißen“ (Oktober-Nummer, S. 26f.), über „Rassenmischung – multikulturelle Gesellschaft genannt“ oder „die eurasisch-negroide Umvolkung deutschen Landes und ganz Europas“ (Dezember, S. 32 bzw. S. 17) standen 2015 neben Attacken auf die „egalitäre() Utopie, alle Menschen seien gleich“ (Oktober, S. 26) oder auf den „umtriebigen jüdischen Spekulanten“ George Soros (März, S. 5), der „die Vermischung von Menschenrassen durch die Förderung von Völkerwanderungen“ erstrebe und vermittels der „Rothschild-Herrschaftsmethode“ zusammen mit der restlichen „heimatlose(n) Weltfinanz … die totale Kontrolle über Völker, Staaten und deren Regierungen“ ausübe (ebd., S. 44-46). Den von der AULA affirmativ kolportierten Mythen zufolge steht Israel bzw. der „politische() Zionismus“ hinter dem selbsternannten ‚Islamischen Staat‘ (Februar, S. 42) und „ein Rothschild“ hinter dem Attentat auf Charlie Hebdo, wie Burschenschafter Walter Marinovic (Germania Salzburg) argwöhnte. Dieser bezog sich gleichzeitig positiv auf Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ bezieht, die „deren [der Juden, Anm. B.W.] Geldgier und Wucherzinsen verdammte“ und in die Parole „Darum immer weg mit ihnen!“ gipfelte (ebd., S. 30f.). Über eine „(j)üdische Selbstausgrenzung“ in der abendländischen Geschichte wusste die AULA (in Person des NPD-Kaders Karl Richter) im Mai zu berichten. Die „’christlich-jüdische‘ Symbiose sei „künstlich, unhistorisch“ und müsse „der nichtjüdischen Normalbevölkerung erst auf allen Kanälen suggeriert werden“, nicht zuletzt durch „die Infiltration des globalen ‚Weltgewissens‘ mit dem Holocaust-Dogma“. Der Holocaust sei für das Judentum heute „Quelle der Kraft, wenn auch einer negativen, parasitären“. Auschwitz werde „zum Nasenring, an dem sich die Völker willenlos herumführen lassen“ (Mai, S. 12f.). Auch Gedenkveranstaltungen durch „KZ-Besessene“ (Juni, 32f.) sind AULA-Autoren ein Dorn im Auge, eher ihrem Verständnis von Aufarbeitung der Vergangenheit entsprechen Einlassungen über „Mauthausen-Befreite als Massenmörder“ und „Landplage“ (Juli/August, S. 91). Abgerundet wird das Bild von Klagen über den „giftigen Nektar“ des radikalen Feminismus im Allgemeinen und „selbsternannte() Frauenbefreierinnen wie die US-jüdische Lesbe Shulamith Firestone“ im Besonderen (November, S. 58). In parteipolitischer Hinsicht lässt die AULA (Selbstbezeichnung: „Das freiheitliche Monatsmagazin“) keinen Zweifel an ihrer engen FPÖ-Anbindung, die durch regelmäßige Lobartikel und Gefälligkeitsinterviews ebenso dokumentiert wird wie durch umfangreiche Inserate der nach aktuellen Umfragen stärksten Partei des Landes.

Der Absatz ist ein Preview aus einem Artikel von Bernhard Weidinger (FIPU) für den Rechtsextremismusbericht des Grünen Klubs. [Update: Ende Mai 2016 ist der Bericht erschienen – abrufbar hier.]

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Sachen zum Lachen

@bweidin

Es begann alles damit, dass ich auf Twitter einen Witz erzählte. Der ging so: Treffen sich zwei Grüne. Sagt der eine zum andern: „Unterm Hitler war nicht alles schlecht!“ – Darauf der andere: „Ja, aber das mit den Autobahnen hätt er besser gelassen!“

Nun wäre ich nicht überrascht gewesen, hätten Grüne daraufhin ihr Missfallen geäußert. Tatsächlich gehe ich nicht davon aus, dass Ansichten wie die hier karikierten in grünen Parteikreisen auch nur annähernd salonfähig sind. Die Entrüstung erreichte mich jedoch von gänzlich anderer Seite. Ein Burschenschafter der Innsbrucker Suevia, der – obwohl von mir geblockt – meine Tweets offenbar sehr aufmerksam verfolgt, griff ihn negativ kommentierend auf. Was folgte, war diese Frage/Aufforderung des Journalisten Wolfgang Ainetter an mich:

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Näher über meine vermeintliche Verfehlung unterrichtet wurde ich von vorerwähntem Schwaben:

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Freilich: mit Verharmlosung und NS-bezogenen Schäbigkeiten kennt der Herr sich aus. Dass er als Bundesbruder von Zeitgenossen wie Herbert Fleissner, Doyen rechtsextremer Publizistik im deutschen Sprachraum, neben dem Aufzeigen von NS-Verharmlosungen überhaupt noch zum (Kampf-)Twittern kommt, nötigt Respekt ab. Ebenso, dass er eine so hohe geschichtspolitische Sensibilität in einem akademischen Männerbund ausbilden konnte, der in seiner Chronik Weltkrieg, NS und die Opfer dieser Zeit wie folgt erinnert:

(D)er gewaltige Schicksalskampf des deutschen Volkes um seine weitere Existenz brach von neuem an. Nach 5½jährigem heldenhaftem Ringen um die Verteidigung des deutschen Lebensraumes gegen eine Welt von Feinden folgte das Chaos des Jahres 1945. Deutschland war zertrümmert … Seine Städte lagen in Trümmern und Millionen Deutsche waren an den Fronten und in der Heimat dem Kriege zum Opfer gefallen. Von noch ungeheuerlicherem Ausmaße aber war die deutsche Passion, die dem Kriege folgte, da 18 Millionen Deutsche ausgeplündert und des Letzten beraubt, von ihrer Heimatscholle vertrieben oder in grausamer Weise von diabolischen Rachegelüsten erbarmungsloser Feinde hingemordet wurden. Alle Werte und Ideale schienen vernichtet, die Menschenrechte zu Boden getreten und eine hoffnungslose Zukunft lag vor uns allen.“ (Suevia 1958, 13f.)

Wer nun meint, das sei nun aber doch etwas gar selektiv erinnert, sei beruhigt: schonungslos im Rückblick spart die Chronik freilich auch die Sache mit den Lagern nicht aus. Wie könnte man, angesichts „zahlloser aufrechter Volksgenossen, die [nach 1945, Anm.] für ihre Gesinnung und Treue zu ihrem Volke zu Verbrechern gestempelt, ihrer Existenzen beraubt, mit ihren Familien in Not und Elend gestoßen und in Kerker und Konzentrationslager gezwungen wurden.“ (ebd., 101)

Allerdings hat sich bei den Schwaben seither offenbar etwas getan. Ihre Stellungnahme zur „Schändung“ ihres Denkmals am Innsbrucker Westfriedhof 2013 (wiedergegeben hier) gehört zum gedenkpolitisch Reflektiertesten und im positiven Sinne Unzweideutigsten, das von einer Burschenschaft hierzulande bislang zu haben war. Sie betraf die Haltung der Verbindung zu SS-Studentensturmführer Gerhard Lausegger, der während des Novemberpogroms in Innsbruck 1938 führend an der Ermordung des lokalen Kultusgemeinde-Vorstands Richard Berger – er wurde am Innufer gesteinigt – mitgewirkt hatte. Der Ergänzungsband von 1968 zu vorerwähnter Verbindungschronik verschwieg diesen Umstand und wies stattdessen auf die „harten Schicksalsschläge“ hin, die Lausegger nach dem Krieg habe erdulden müssen. Die Trauerkneipe nach seinem Ableben 1966 habe gezeigt, „wie sehr A.H. [Alter Herr, Anm.] Dr. Lausegger von seinen Bundesbrüdern geschätzt wurde.“ (Suevia 1968, 54f.) Inzwischen hat Suevia – irgendwie – historische Verantwortung übernommen. Nur rund 47 Jahre dauerte es, bis man vor einigen Monaten am Denkmal einen Vermerk anbrachte, der die Rolle Lauseggers offenlegt – und zwar immerhin für jede/n, der/die ein Smartphone bei sich hat und etwas mit QR-Codes anzufangen weiß.

Doch zurück zum Ausgangstweet. Im zunächst impliziten Vorwurf der Geschmacklosigkeit wie auch der Verharmlosung erblickte ich ein Missverständnis Herrn Ainetters (an dessen antifaschistischer Einstellung ich keinen Zweifel hege) die Aussage des Witzes betreffend, und wies darauf hin, dass er keineswegs die nationalsozialistischen Verbrechen oder deren Opfer zum Gegenstand macht, sondern ganz im Gegenteil bestimmte Formen des postnazistischen Umgangs damit kritisch überzeichnet, nämlich NS-Relativierung und -Apologie im Allgemeinen (referenziert durch das Klischee von den Autobahnen) sowie von Seiten jener im Besonderen, denen Bäume mehr bedeuten als Menschen. (Dass das auf die Grüne Partei in Österreich keineswegs zutrifft, sei zur Vermeidung weiterer Missverständnisse an dieser Stelle explizit betont. Mein eigener Autohass übertrifft den des/der durchschnittlichen Grünen übrigens bei weitem.)

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Mein Erklärungsversuch rief Martin Brenner, ehemaliger konservativer Studentenpolitiker und Mitglied des katholischen Cartellverbands (Bajuvaria Wien) auf den Plan. Auch er ging in Sachen empörungswürdiger Einlassungen durch eine harte verbindungsstudentische Schule, gehören seiner Verbindung doch mit Albert Pethö und Matthäus Thun-Hohenstein auch die Herausgeber der fundamentalistisch-katholischen Hetzblatts “Die weisse Rose” an, die Größen des heimischen Nachkriegs-Antisemitismus wie Friedrich Romig zu ihren Autoren zählt. Mit dem Einwand, dass der Witz, von einem Rechten erzählt, andere Reaktionen hervorrufen würde, hat Brenner wohl nicht unrecht. Das halte ich auch für durchaus angemessen, liegt doch nahe, dass Rechte mit dem Erzählen des Witzes keineswegs eine kritische Intention verfolgten, sondern vielmehr die Absicht, von historischen Verstrickungen des eigenen Lagers in Nationalsozialismus und dessen Apologie nach 1945 abzulenken bzw. diese zu relativieren. Dass der Standpunkt die Bedeutung (zumindest mit-)bestimmt, konnte ich Herrn Brenner nicht vermitteln.

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Zuzugestehen ist ihm, dass Sprechposition in der Humorkritik in der Tat nicht allein ausschlaggebend sein sollte. Manches halte auch ich für ungeachtet des Sprechers bzw. der Sprecherin für indiskutabel – nicht zuletzt “Witze” über die Opfer. Nun mag es sein, dass der Bajuvare und der Schwabe, in ihren Verbindungen vermutlich regelmäßig mit “Geschmacklosigkeiten” konfrontiert, schon einmal die Verhöhnung der Opfer mit jener der Täter (und ihrer ApologetInnen) verwechseln. Genauso plausibel scheint freilich, dass sie interessiert daran sind, die Grenze zwischen beiden zu verwischen, um von problematischen Traditionslinien des eigenen Lagers abzulenken (wenn dabei gleichzeitig ein/e Korporationskritiker/in diskreditiert werden kann, umso besser). Der eine als Vertreter eines katholischen Verbindungswesens, das sich bis heute in der “historisierenden” Verharmlosung bis Rechtfertigung des österreichischen Imitationsfaschismus – einschließlich der Arierparagraphen-Forderungen eines Engelbert Dollfuß – übt (siehe Abbildung). Der andere als Angehöriger jenes völkischen Milieus, das dem Nationalsozialismus den Weg an die Hochschulen ebnete, ihn und seine Verbrechen wesentlich trug und dessen Ausläufer bis heute weit in den Neonazismus hineinragen.

Für den Fall, dass auf Seiten meiner Kritiker eine grundsätzliche Bereitschaft zu verstehen vorhanden ist, hier zur Illustration des angesprochenen Unterschieds ein kleines Beispiel: wenn im Rahmen einer verbindungsstudentischen Geburtstagsfeier am 31. 5. 2014 für einen in MKV und CV weidlich bekannten Rechtsauslager der Wiener Borussia (MKV) der Vorsitzende des Wiener MKV-Stadtverbandes eine selbst ersonnene Persiflage von Thomas Bernhards “Heldenplatz” zum Besten gibt, so ist das nichts für geschichtspolitisch sensible Gemüter. Da ist die Rede von der “Borussenverfolgung” durch den Verband, wegen derer der Jubilar habe aus Wien auswandern müssen; von “Hass und Verachtung” gegenüber den Borussen; von der Verbrennung ihrer Verbindungszeitung; vom “Lateinerpogrom”, unter dem der Jubilar als alter Humanist ebenfalls zu leiden gehabt habe. Die Reaktionen von Herrn Brenners Verbandsbrüdern vor Ort? – Nicht allzu irritiert: “(S)eriöseste Herren wieherten rosinantengleich vor Vergnügen” und emittierten “wallende Wogen philantrophischen Gelächters”, berichtet die Verbindungszeitung über diesen “Höhepunkt des Abends”, dargebracht “(z)um allgemeinen Gaudium der anwesenden Festgäste” (Borussenecho Nr. 405, August 2014, S. 6-9).

Mir scheint erwähnte “Bernhardiade” geschmacklos, und zwar ungeachtet der Person des Vortragenden – der, by the way, im November letzten Jahres eine Debatte zwischen MKV/CV und ÖH Uni Wien, let’s just say, „moderierte“ – , des (katholisch-konservativen) Publikums oder ihrer Aufführung in bierdunstig-männerbündischer Atmosphäre im Land der Täter, wiewohl die genannten Umstände kaum geeignet sind, die Geschmacklosigkeit zu mildern. Der Kern letzerer liegt eben darin, dass hier Anspielungen auf die Verbrechen selbst zur Pointe gemacht und dadurch die Opfer der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Angesichts der mir im Zuge der gegenständlichen Twitter-Kontroverse nahegebrachten Einschätzung, ich hätte als Hitler-Witze reißender Rechtsextremismusforscher wohl meinen Beruf verfehlt, möchte ich mit der Offenlegung eines kleinen Berufsgeheimnisses schließen. Es ist nämlich genau umgekehrt: die Arbeitshaltung, die mich solche Witze erzählen lässt, ermöglicht mir erst, den „Beruf“ [insert academic precarity reference here] zu machen, ohne selber Faschist, zynisch oder schwer psychotisch zu werden. Wer sich über einen längeren Zeitraum tagtäglich intensiv mit rechtsextremer Bild- und Textproduktion beschäftigt, braucht Strategien, um Distanz vom Gegenstand zu gewinnen. Eine der effektivsten Strategien ist Humor. Niemand muss sich gezwungen fühlen, mit mir zu lachen. Aber wenn ausgerechnet konservative Verbindungsstudenten aus Österreich meinen, mir die Grenzen des guten Geschmacks in zeitgeschichtlichen Dingen darlegen zu müssen, bleibt mir nur eins zu sagen: ich lach dann später.

Akad. B! Suevia zu Innsbruck (1958): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck 1868 bis 1958, zweite Auflage.

Dies. (1968): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck, Nachtrag 1958-1968.

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Antifaschistische Idiotie und liberalkonservative Ignoranz

Michael Fleischhacker frei nach Tucholsky: Schuld ist nicht, wer den (Nazi-)Dreck macht – sondern wer sich an ihm stößt

(Unveröffentlichter Kommentar/Leserbrief zu: „Erhaltung des Drecks“, von Michael Fleischhacker, DIE PRESSE vom 10. Jänner 2009).

Michael Fleischhackers Analyse ist klar: Zu problematisieren sind weniger das Fortleben rechtsextremer Bewegungen in Österreich oder die Einstellungen jener, die diese (jüngst wieder verstärkt) in Parlamente wählen. Getreu dem Diktum Tucholskys, wonach „hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher [gilt] als der, der den Schmutz macht“ ortet Fleischhacker das Hauptproblem vielmehr im „verlogenen“ Verhalten jener, die daran etwas auszusetzen finden und Leute wie Martin Graf als das benennen, was sie sind: rechtsextrem. So hätten sich ausgerechnet die Grünen die Legitimierung des Neofaschismus zuschulden kommen lassen, und nicht etwa die ÖVP, die rechtsextreme Sager blauer Provenienz gewohnheitsmäßig unkommentiert lässt und die FPÖ 2000 (nebst burschenschaftlichem Personal) in Ministerien bugsierte. Dass Fleischhacker der SPÖ wiederum nicht ihre Annäherung an freiheitliche Politik seit den 90er Jahren bei gleichzeitiger rhetorischer Abgrenzung zum Vorwurf macht, sondern allein ihren ostentativen Antifaschismus der hohlen Phrase, sei hier nur am Rande vermerkt.

Jemand wie Graf“, so Fleischhacker, könne hierzulande erst „politisch Karriere machen“, seitdem die Linke Haider und seine WählerInnen zu „Nazisympathisanten“ erklärt hätte und parallel dazu die FPÖ trotz (und nicht wegen) ihrer Nazisympathien zur politisch relevanten Kraft aufsteigen konnte. In beiden Punkten ist Fleischhacker zu entgegnen: Zum einen unterschlägt er, dass der Bundesregierung schon 1983 vier deutschnationale Korporierte angehörten. Zum anderen steht die vom bürgerlichen Feuilleton gebetsmühlenartig wiederholte Verklärung der FPÖ-Erfolge als „Protestverhalten“ auf tönernen Füßen: Sie vermag weder zu erklären (und will das auch gar nicht), wieso Protest sich in keinem anderen EU-Land derartig rechtslastig artikulieren soll, noch, wieso derartig viele Menschen in Österreich die rechtsextremen Anwandlungen der FPÖ zumindest billigend in Kauf nahmen (und nehmen). Zumal eine seriöse Analyse der Strache-FPÖ nicht umhin kann zu konstatieren, dass extrem rechte Auslassungen in ihrer Agitation keine Ausrutscher sind, sondern konsequenter Ausdruck einer systematischen Politik des Ressentiments – und die Partei spätestens heute auch keinen relevanten „liberalen Flügel“ mehr aufweist, der von den WählerInnen „eigentlich gemeint“ gewesen sein könnte.

Fleischhackers Darstellung des Neofaschismus in Österreich als bloße Konstruktion von AntifaschistInnen im eigenen Interesse spricht den Betroffenen jener gewalttätigen Übergriffe durch Rechtsextreme Hohn, die sich etwa im Oktober 2008 in Wien oder einen Monat davor (am Rande einer FPÖ-Wahlveranstaltung) in Salzburg ereigneten. Derartige Tendenzen brauchen hierzulande gewiss nicht erfunden zu werden, wie etwa die fortschreitende Organisierung der Neonaziszene in Oberösterreich zeigt. Wer den Blick auf derartige Phänomene richtet und darüber nicht schweigen will, begibt sich jedoch in Gefahr, von Fleischhacker der Verlogenheit geziehen oder als „Freak“, „idiotisch“ und „affektiert“ diffamiert zu werden. Als „denkendes Gemüt im 21. Jahrhundert“ führt Fleischhacker dann auch aus, wie ein nicht-idiotischer Antifaschismus für ihn auszusehen hätte – und spricht sich ebenso implizit wie unmissverständlich für die Abschaffung des Verbotsgesetzes aus, da dieses erst am Leben erhalte, was es einzudämmen gedenke. Diese Einschätzung blamiert sich nicht nur an dem Faktum, dass neonazistischer Terror auch und gerade in Ländern sich ereignet, die ein derartiges Gesetz nicht kennen (so etwa in Russland, wo Übergriffe auf „Fremde“ und AntifaschistInnen bis hin zu Morden auf der Tagesordnung stehen). Sie ignoriert auch, dass das Verbot der Wiederbetätigung jenseits der Frage, ob es zur Verhinderung einer Wiederkehr des Nazismus heute noch notwendig ist, ein wichtiges symbolisches Signal sendet: Nicht nur dem Ausland wird dadurch bedeutet, dass das Österreich der II. Republik sich in klarer Abgrenzung zu seiner faschistischen Geschichte definiere – sondern auch den Überlebenden des Naziterrors und den Angehörigen der Ermordeten. Ein solches Signal hätte dann seine Notwendigkeit eingebüßt, wenn rechtsextreme Wahlerfolge, (folgenlos bleibende) einschlägige Aussagen von SpitzenpolitikerInnen oder fortschreitende neonazistische Organisierung nicht permanent die gegenteilige Botschaft in die Welt senden würden.

Bernhard Weidinger ist Rechtsextremismusforscher und Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Twitter: @bweidin

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Das beredte Schweigen der anti-political correctness

National-konservative Autor_innen bis hin zu Vertreter_innen der neuen Rechten kontextualisieren „political correctness“ im deutschsprachigen Raum häufig mit dem Schreckgespenst us-amerikanischer Verhältnisse. Was sie in der aufgeregten Beschreibung der „Totalität von Gedanken- und Sprachpolizei“ auslassen, ist der Umstand, dass der PC-Diskurs schon seit den späten 1980er Jahren vielfach von Neocons und neuen Rechten besetzt und umgedeutet worden war.

Es war Mitte der 1980er Jahre als sich an den us-amerikanischen Universitäten eine Kontroverse über andro- und ethnozentristische Lehrpläne und Studienordnungen entfachte. Während Studierende bspw. an der Universität von Stanford 1987 gegen das Pflichtfach „westliche Zivilisation“ aufbegehrten, veröffentlichte Allan Bloom im selben Jahr The closing of the American Mind, in dem er den Sittenverfall der Studierenden auf die „Entwertung“ des westlichen Bildungskanons zurückführt. Das Buch wurde ein Bestseller. In den so genannten „Canon Wars“ fochte die us-amerikanische Rechte für den Leistungsgedanken und marktförmige Konkurrenz, indem sie die Repräsentanz von Frauen und gesellschaftlichen Minderheiten angriff – und damit zugleich ihre Privilegien gegen Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsmaßnahmen verteidigte. In diesem akademischen Diskurs wurde auch das Konzept der politcal correctness – und eine davon ausgehende Sprachkritik – geprägt. Während der Begriff zu Beginn der Debatte noch überwiegend als (oft ironische) Selbstbezeichnung bzw. -kritik fungierte wurde dieser zunehmend unter dem Deckmäntelchen der freien Meinungsäußerung zur Diskreditierung emanzipatorischer Forderungen der Frauen- und Civil-Rights-Bewegung verwendet. In seinem Buch über die political correctness Debatte an den US-Universitäten charakterisiert John K. Wilson seine ersten Erfahrungen mit „politisch korrektem“ Verhalten bereits hauptsächlich als Mythos, der von Konservativen ins Feld geführt wurde:
„When I began to hear about politcal correctness as a senior at the University of Illinios in 1990, I wondered what I was missing. (…) Where was politcal correctness? (…) I don´t recall hearing anyone called „racist“ or „sexist“ or „homophobic“, and I certainly never hearded anyone (except perhaps the conservatives) use the phrase politically correct.“
Es war angesichts dieses konservativen Backlashes, als die Kontroverse um „pc or not pc?“ ab den 1990 Jahren im medialen bzw. öffentlichen Diskurs der USA regelrecht zu boomen begann. Der Diskurs um anti-diskriminierende Sprachkritik und soziale Praxen, gelangte somit als von rechts codierter Import in die europäische Wahrnehmung, und fand im Begriff der „political correctness“ – oder kurz „pc“ – seine pejorative Manifestation.

Als die Rede von der „politischen Korrektheit“ Mitte der 1990er Jahre schließlich in Österreich ankam, waren die Begrifflichkeiten zusätzlich durch den diskursiven Durchlauferhitzer der bundesdeutschen neuen Rechten gegangen, die „political correctness“ als „Beweis“ einer angeblich „linken Hegemonie“ bzw. eines „linken Gesinnungsterrors“ in Szene setzten, und damit einhergehend zu ihrem Bedauern einen feministischen und antirasstischen gesellschaftlichen Grundkonsens ausgemacht hatte. Katrin Auer beschreibt diese Imagination als ideologischen Code, den die neue Rechte in ihren „Kulturkampf“-Diskursen funktionalisiert. Er wird zur Klammer des Bedrohlichen, all dessen, was die männlich-weiße Dominanz gefährdet: Feminismus, Homo-Bi-(Inter)Transsexualität, Antirassismus, Anti-Antisemitismus und Antifaschismus. Die Abwehr des vermeintlichen Diktats, und damit einhergehend, die politische Delegitimation von Maßnahmen zum Abbau von Herrschaftsverhältnissen, begrenzte sich dabei aber von Anfang an nicht auf die konservative bis neonazistische Rechte, so titelte die Süddeutsche Zeitung bereits 1991: „Multi-kultureller Joghurt. In amerikanischen Universitäten greift ein neuer Sprach-Terror um sich“. Im bundesdeutschen und österreichischen Sprachgebrauch kam noch ein weiterer Begriff hinzu, die „Gutmenschen“ werden als „politisch korrekte“ Akteur_innen ausgemacht, benannt und verspottet. Dabei handelt es sich aber um keine reine Feindbildzuschreibung in Politik und Medien. Vielmehr war der Begriff noch Mitte der 1990er Jahre auch eine Selbstbezeichnung kritischer Linker, die die Moralisierung und Entpolitisierung von Sprache aufzeigen wollten. Das Projekt muss derzeit als gescheitert betrachtet werden – die kritische Auseinandersetzung mit Phrasen wie „Mein Freund ist Ausländer“ oder „Bunt statt Braun“, fiel hinter die kulturkämpferischen Interventionen der neuen Rechten zurück.
Im „political corectness“-Diskurs steht nicht die tatsächliche politische Aussage im Focus, es geht vielmehr um eine kommunikative Meta-Ebene. Eine Ebene, in deren nationalistisch normierendem Sinne sich auch die beiden aktuellen Debatten um anti-diskriminierende literarische Veränderungen in Kinderbüchern und die Selbstbezeichnung „Mischling“ durch die Redaktion der Zeitung Das Biber verhalten.
Zu letzterem zuerst: Die April-Ausgabe coverte mit einem Quiz und der Schlagzeile „Mischlinge. Erkennst du den Mix?“ (04/13). Auf Kritik reagierten die Redakteur_innen mit Unverständnis, die Verwendung des „Mischling“ Begriffs wurde mit persönlich-biographischen Scheinargumenten erklärt, oder ins Humoristische bagatellisiert. Beides hilft in der Auseinandersetzung um Aneignung von Begriffen und Selbstbezeichnungen nicht weiter, sondern führt in inhaltslose „pc“-Diskussionen. Für eine grundlegende Kritik müssen die rassistischen Tradierungen im post-nazistischen Österreich mit einbezogen werden, und zwar in dem zum einen, die Verwendung des Begriffs „Mischling“ auf Grund seiner Bestimmung in den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 universell abzulehnen ist. Zum anderen muss die zynische Normierungsstrategie der nationalen Inpflichtnahme von Menschen deren Eltern und Großeltern nicht Teil der nationalsozialistischen Täter_innengeneration waren kritisiert werden. Die ausgebliebene beziehungsweise unvollständige Konfrontation mit dem Nationalsozialismus in Österreich, wird nun als nationale Fleissaufgabe jenen Menschen abverlangt, die von anderen Ebenen der gesellschaftlichen Teilhabe strukturell ausgeschlossen bleiben.
Anders, aber nicht minder rassistisch, verhält es sich in der Debatte um anti-rassistische Änderungen in Kinderbüchern. Im Focus stehen hierbei Werke Astrid Lindgrens und Otfried Preußlers. Änderungen von rassistischen Benennungen werden, ganz „pc“ konform, als Zensur diskursiviert. Der Ruf nach der „Freiheit der Kunst“ steht dabei unwidersprochen neben dem Wehklagen über die verlorene „Werktreue“. Dabei wird auch immer wieder behauptet, die bei Lindgren und Preußler verwendeten Begriffe, wären damals in einer sprachlichen Neutralität niedergeschrieben wurden, die Autor_innen wie der damalige Zeitgeist ergo von Rassismus unbeleckt. In der Debatte scheint eine national-kulturalistische Sentimentalität durch, die das Kindheitserlebnis als weisse Autochtone romantisiert, während sie Kindern und Jugendlichen eine antirassistische Leseerfahrung abspricht. Als sich die neunjährige Ishema Kane mit den Worten „Ich finde es total scheiße!“ an die Redaktion der Zeit gegen die Verwendung des N* Wortes wandte, wurde ihr Leserinnenbrief verschwörungstheoretisch als Fälschung angegriffen.
Zu der aktuellen Debatte haben beispielsweise die Zeitung Falter mit seinem Aufmacher zum Thema „Darf man noch *** sagen?“ (16/13) und die Sendung Pro und Contra, die am 22.04.2013 zum Thema „‘Umvolkung‘, ‚Mischlinge‘ und ‚geheilte Schwule‘: Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit?“ augestrahlt wurde, wenig Erhellendes beigetragen. Im Diskussionsformat des Senders Puls 4 erhielt der FPÖ-Abgeordnete Johann Gudenus zum x-ten Mal die Möglichkeit sich auf das Orwellsche 1984 zu beziehen. Kein_e Autor_in wird im Anti-pc-Diskurs so oft zitiert und so stark gebogen. Zu einem richtigen Erfassen der Sprach- und Sozialkritik George Orwells empfiehlt sich nicht nur für Gudenus die Lektüre von Orwells Text Politics and the English Language, sondern auch das Lesen seines ersten Romans Down and Out in Paris and London: „Ich werde niemals wieder denken, alle Landstreicher wären betrunkene Schurken, noch werde ich glauben, dass ein Bettler dankbar ist, wenn man ihm einen Penny gibt (…).“

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