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Fantifaschistische Anstöße

Von Judith Goetz

Erschienen in Unique 1/16

Die durch feministische Antifagruppen ausgelösten Debatten rund um das Verhältnis von Feminismus und Antifaschismus regten politische sowie wissenschaftliche Auseinandersetzungen an. Ein Blick auf ihre Anliegen verdeutlicht, dass zentrale Überlegungen bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben.

Feministische und Frauen-Antifagruppen wurden Anfang der 1990er Jahre gegründet, vor allem als Antwort auf die männerdominierten Auswüchse klassischer gemischter Antifagruppen sowie deren geringe Bereitschaft, eigene Verwobenheiten in sexistische und patriarchale Privilegienstrukturen zu reflektieren. Wie in der Interviewsammlung Fantifa1 nachgelesen werden kann, gab es in den 90ern rund 25 deutschlandweit miteinander vernetzte Gruppen, die u. a. rechtsextreme Frauen sowie deren Bezugnahmen auf frauenpolitische Themen oder umgekehrt Anknüpfungspunkte feministischer Esoterik zu neugermanisch-heidnischen Frauenbildern kritisch in den Blick nahmen. Neben der Kritik an männlichen Dominanz- und Machtverhältnissen sowie mangelnder Sensibilität in Bezug auf Sexismus in herrschaftskritischen Gruppen, versuchten Fantifa-Gruppen, Faschismus- und Nationalsozialismusanalysen um geschlechtersensible und feministische Perspektiven zu ergänzen. Sie lieferten einen bedeutenden Anstoß zur Auseinandersetzung mit (Mit-)Täterinnen im NS und zeigten die patriarchalen Komponenten faschistischer Ideologien auf. Auch vom Mythos der friedfertigen Frauen, die kollektiv dem NS zum Opfer gefallen seien, wurde Abstand genommen.

Aufarbeitungen vergessener Frauenlager

Die von Fantifa-Gruppen initiierten Debatten lieferten zudem einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von Frauen in den ehemaligen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie im Widerstand gegen den NS. Das männlich geprägte Bild des heroischen Partisanen wurde beispielsweise um die vielfältigen Formen, mit denen Frauen sich im Partisan_innenkampf beteiligten, ergänzt. Kritik galt u. a. dem Umstand, dass nicht nur die Geschichtsschreibung selbst, sondern auch die Erinnerung an die Shoah mit herrschenden Geschlechterbildern und -mythen durchzogen ist und bestimmte geschlechtsspezifische Erinnerungen im hegemonialen Diskurs sowie der Gedenkkultur bis heute verdrängt oder marginalisiert werden. Dies zeigt sich in Österreich u. a. am Beispiel des ehemaligen KZ Mauthausen. Weder die Geschichte der ehemaligen Frauenlager von Mauthausen, noch die der betroffenen Frauen ist substanziell in einen gesellschaftlich etablierten Erinnerungsdiskurs integriert worden. Von den rund 50 kaum bekannten Außenlagern fungierten gleich mehrere als ,Frauenlager‘. So wurden KZ-Insassinnen von Mauthausen in die ehemaligen Lager Schloss Mittersill, Lenzing, Amstetten, Schloss Lannach und St. Lambrecht deportiert und gezwungen, Fabriks- und Bahnbauarbeiten sowie Reinigungstätigkeiten zu verrichten.

Ein anschauliches Beispiel liefert auch die vergessene Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs Hirtenberg. In der kleinen Gemeinde im Bezirk Baden erinnert bis auf wenige, von Bäumen überwachsene, Fundamentreste am Gelände der ehemaligen Produktionsanlagen und einen Grabstein am Friedhof nichts an die Existenz des ehemaligen KZs, in dem Frauen Zwangsarbeit in der bis heute bestehenden Munitionsfabrik verrichten mussten. Rund 400 mehrheitlich politische sowie wenige als ,asozial‘ verfolgte oder jüdische Frauen wurden dort ab September 1944 in zwölfstündigen Schichtdiensten zu gefährlichen und gesundheitsschädlichen Arbeiten mit explosiven Materialien gezwungen. Obgleich das Mauthausen Komitee (MKÖ) seit 2011 Begleitungen durch das ehemalige KZ anbietet, werden diese, nicht zuletzt wegen der geringen Bekanntheit des ehemaligen Lagers, selten in Anspruch genommen. 2015 wurde zum ersten Mal in Hirtenberg eine Gedenkfeier für die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen abgehalten.

Feministisches Gedenken

Auch in Mauthausen wird erst seit wenigen Jahren von autonomen FrauenLesben versucht, ein feministisch-antifaschistisches Gedenken zu etablieren. Im Vordergrund steht die Erinnerung an die rund 4.000 Frauen2, die zwischen 1942 und 1945 aus unterschiedlichen Gründen nach Mauthausen deportiert worden waren, insbesondere jene, die als „Asoziale“ stigmatisiert im KZ Zwangsprostitution leisten mussten.3 So fand in den letzten Jahren zeitgleich zur offiziellen Befreiungsfeier in Mauthausen auch eine autonom gestaltete Gedenkfeier vor der Baracke 1, dem so genannten ehemaligen „Lagerbordell“, statt. An der Geschichte der Lagerbordelle, die die männlichen KZ-Insassen zu Mehrarbeit anspornen sollten, wird nicht nur die geschlechtsspezifische Benachteiligung innerhalb des KZ-Systems deutlich. Lagerbordelle wurden darüber hinaus nach 1945 weitgehend totgeschwiegen und Stigmatisierungen als „asozial“ nach Kriegsende fortgesetzt, sodass Betroffenen bis in die 1990er Jahre der Status „Opfer des Nationalsozialismus“ abgesprochen wurde und sie auch keine Entschädigungszahlungen erhielten. Insofern fungiert das in Mauthausen angeregte feministische Gedenken auch als bedeutsame Strategie gegen andauernde Tabuisierungen und den Ausschluss frauenspezifischer Erfahrungen aus der Erinnerungs- und Gedenkkultur.

Jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass in den Aufruftexten leichtfertige tagespolitische Bezüge und Analogien gezogen werden und der Begriff (Mit-)Täterschaft nicht gegendert wird. Wenngleich es ein Verdienst feministisch-antifaschistischer Auseinandersetzungen mit dem NS war, diesen als auch patriarchale Ideologie zu analysieren, greift seine Klassifizierung als frauenverachtendes System, unter dem alle Frauen Opfer gewesen wären, ebenso zu kurz wie bestimmte Vorstellungen spezifisch weiblicher Täterinnenschaft. So war es auch ein Anliegen feministischer Forschung, derartige dichotome Denkschemata aufzubrechen und ihnen ein differenziertes Bild entgegenzusetzen, das Täterinnenschaft sowie die komplexen Handlungsräume von Frauen während des NS anerkennt, ohne dabei Vorstellungen vermeintlich abnormaler Weiblichkeit oder Sexualität zu reproduzieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in den 90ern von Fantifa-Gruppen formulierte Kritik an männlichen (Macker-)Antifas (Sexismus, Hierarchien, Machtstrukturen und Männlichkeitsreproduktionen), an der deutschen Frauenbewegung (Entlastung von Täterinnen) sowie der Aufarbeitung frauenspezifischer Geschichte im NS (Marginalisierung, Unsichtbarmachung) kaum an Aktualität verloren hat. Umso bitterer, dass es kaum noch Fantifa-Gruppen gibt.

Anmerkungen:

1 Herausgeber_innenkollektiv (Hg.innen): Fantifa. Edition Assemblage. Münster 2013

2 Obgleich die ersten Frauen bereits 1942 nach Mauthausen gebracht wurden, einerseits um dort am ,Führergeburtstag‘ ermordet oder andererseits im ,Häftlingsbordell‘ zu einem ,Bordelldienst‘ gezwungen zu werden, kam es erst im September 1944 zur Errichtung des ,Frauenkonzentrationslagers Mauthausen‘ mit eigener Nummernserie.

3 Dem Historiker Robert Sommer zufolge wurden in zehn KZs und Vernichtungslagern rund 210 Frauen zur Prostitution in Lagerbordellen gezwungen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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Die vergessenen Frauen- KZs von Mauthausen

Von Judith Goetz

erschienen in progress 2/2016

An der Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs in Hirtenberg werden die Kehrseiten der zentralistischen Förderstruktur österreichischer Erinnerungskultur und die Marginalisierung der Geschichte von Frauen im hegemonialen Erinnerungsdiskurs deutlich.

Trotz der Bemühungen lokaler Gedenkinitiativen konzentriert sich der Großteil der österreichischen Gedenkstättenarbeit auf das ehemalige KZ Mauthausen, das seit 1949 vereinzelt und seit den 1960er Jahren regelmäßig von Schulklassen besucht wird. Bis heute sind schulische Gedenkstättenbesuche nicht verpflichtend, sondern werden lediglich empfohlen. So mag es auch nicht verwundern, dass die meisten der rund 50 ehemaligen Außenlager von Mauthausen weder Schüler_innen bekannt, noch in den hegemonialen Erinnerungsdiskurs integriert worden sind. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert die vergessene Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs Hirtenberg. In der kleinen Gemeinde im Bezirk Baden erinnert bis auf wenige – von Bäumen überwachsene – Fundamentreste am Gelände der ehemaligen Produktionsanlagen kaum etwas an die Existenz des ehemaligen KZs, in dem Frauen Zwangsarbeit in einer bis heute bestehenden Munitionsfabrik verrichten mussten.

Mit Kriegsbeginn waren die lokalen Arbeiter_innen der seit 1859 bestehenden Munitionsfabrik unter anderem zur Wehrmacht eingezogen und wie an vielen anderen Orten auch durch Zwangsarbeiter_innen ersetzt worden. Rund 400 mehrheitlich politische sowie wenige als „asozial“ verfolgte oder jüdische Frauen (vor allem aus Russland, Italien und Polen) wurden daher ab September 1944 in zwölfstündigen Schichtdiensten zu gefährlichen und gesundheitsschädlichen Arbeiten mit explosiven Materialien gezwungen.

Wenngleich im ehemaligen KZ Hirtenberg nur ein Todesfall bekannt ist, waren die Frauen konstanter Unterernährung und Krankheiten ausgesetzt. Insbesondere im Winter verschlechterte sich die Situation durch Kälte, da die Frauen weder über die nötige Kleidung verfügten, noch die Baracken beheizt werden konnten. Hinzu kamen, wie ehemalige Zwangsarbeiterinnen berichten, die Brutalitäten des Wachpersonals, das sich einerseits durch rund 25 für den äußeren Bereich des Lagers zuständige SS-Männer sowie andererseits durch in Mauthausen oder Ravensbrück ausgebildete KZAufseherinnen zusammensetzte, die die innere Überwachung des Lagers überhatten.

AKTIVE VERDRÄNGUNG. Gerade der Umstand, dass Aufseherinnen immer wieder aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert wurden, das Lager selbst in Sichtweite und die Produktionsstätten in Hördistanz zur Ortschaft lagen, gibt Aufschluss darüber, dass das Wissen um das KZ nicht einfach nur vergessen, sondern auch vor Ort aktiv verdrängt wurde. Lediglich ein so genanntes „Kriegerdenkmal“ auf dem Hirtenberger Friedhof weist heute auf die Existenz des ehemaligen KZs hin, da auf dem Grabstein neben männlichen Zwangsarbeitern und zwei unbekannten SS-Männern, die bei einem Luftangriff ums Leben gekommen sind, auch das einzig bekannte Todesopfer des ehemaligen Lagers, Hulja Walja, erwähnt wird. Gleichzeitig verdeutlicht sich an Hand des „Kriegerdenkmals“ auch die im österreichischen Erinnerungsdiskurs oftmals betriebene Vermischung zwischen Opfern und Täter_innen unter dem Vorzeichen, dass Krieg für alle grausam und schlimm gewesen sei, da eine verstorbene ehemalige KZInsassin ganz selbstverständlich am gleichen Grabstein vermerkt wurde wie ehemalige SS-Angehörige.

Weitere Belege für den fragwürdigen Umgang mit dem ehemaligen Lagergelände ergeben sich auch dadurch, dass es phasenweise als Campingplatz benutzt wurde. Obgleich das „Mauthausen Komitee Österreich“ (MKÖ) seit 2011 Begleitungen durch das ehemalige KZ anbietet, werden diese, nicht zuletzt wegen der geringen Bekanntheit des ehemaligen Lagers, selten in Anspruch genommen. So mag es auch nicht verwundern, dass in Hirtenberg erst 2015 zum ersten Mal eine Gedenkfeier für die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen abgehalten wurde.

KEIN EINZELFALL. Von den rund 50 ebenfalls kaum bekannten Außenlagern fungierten gleich mehrere als „Frauenlager“. So wurden KZ-Insassinnen von Mauthausen in die ehemaligen Lager Schloss Mittersill, Lenzing, Amstetten, Schloss Lannach und St. Lambrecht deportiert und gezwungen, Fabriks- und Bahnbauarbeiten sowie Reinigungstätigkeiten zu verrichten. Die Geschichte der Frauen in Mauthausen und der ehemaligen Frauenlager wird im hegemonialen Erinnerungsdiskurs sowie der Gedenkkultur bis heute verdrängt oder marginalisiert.

Dies liegt neben herrschenden Geschlechterbildern und -mythen in der Erinnerungskultur auch daran, wie beispielsweise Doris Neuhofer kritisiert, „dass die Förderung der Pluralität von NS-Gedenkstätten in Österreich keine Tradition hat und dass es offensichtlich auch keinen Bedarf von Seiten der Verantwortlichen gibt, dies zu verändern“. Somit behält Peter Gstettner, der sich seit geraumer Zeit um eine würdige Gedenkstätte auf der österreichischen Seite des ehemaligen KZs am Loiblpass in Kärnten/Koroška bemüht, Recht, wenn er meint: „Das Gedenken in Mauthausen zu konzentrieren, bedeutete aber auch, die anderen Verbrechensorte an die Peripherie abzudrängen und sie der Vergesslichkeit der Republik zu überantworten. An den peripheren Tatorten wurden fast alle Spuren des mörderischen Geschehens getilgt.“

Literatur: Neuhofer, Doris (2013): Österreichische Erwachsenenbildung, Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik. Eine Annäherung. In: conturen Nr. 01–04 /2013. S. 152–163. Online: conturen.net/conturen/ jahrgang-2013/

Gstettner Peter (2012): Erinnern an das Vergessen. Gedenkstättenpädagogik und Bildungspolitik. Klagenfurt/Celovec: Kitab.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit.

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Für und wegen (II): Anna und Rosa Redlinger

Bernhard Weidinger

Ich setze die Erklärung meiner Buchwidmungen (Einleitung und erster Teil siehe hier) mit den Schwestern Rosa und Anna Redlinger fort. Sie habe ich während meines Zivildienstes bei ESRA in Wien kennengelernt. Das Ende meiner Arbeitswoche bestand darin, in die kleine Penzinger Wohnung von Anna zu fahren, ihren wöchentlichen Einkauf zu erledigen und eine Runde mit ihr zu plaudern, bevor es in das Wochenende ging. Die Einkaufsliste sah von Woche zu Woche fast identisch aus. Fixer Bestandteil waren die Kürbiskernweckerln, die nur vor Pessach von der Liste rutschten. Ebenfalls obligat waren diverse Süßigkeiten, die Anna zu ihrem Montagstermin bei ESRA mitbrachte, um sie dort an das Personal zu verteilen. Die ESRA-Termine wurden mit jenen von Rosa so koordiniert, dass die beiden Schwestern einander regelmäßig sehen konnten. Eingeschränkte Mobilität machte für Treffen einen Fahrtendienst erforderlich und Besuche zwischen Penzing und Hernals damit sehr kostspielig. Die Schwestern hatten vieles gemeinsam, über Eltern und Geburtsort (Mattersburg) hinaus. Sie sahen einander nicht unähnlich, waren beide herzlich, gänzlich unprätenziös und ungemein liebenswert. Beide riefen mich – wie niemand zuvor oder seither mit Ausnahme Herta Reichs, die im abschließenden Teil dieser Reihe vorgestellt wird – beharrlich „Herr Bernhard“. Zu den Unterschieden gehörte, dass Anna ein Pflaster trug, wenn sie unter Leute ging; darunter die Auschwitz-Nummer.

anna rosa

Anna (l.) und Rosa Redlinger, 1932.

Anna (die selbst in offiziellen Quellen zum Teil als „Anni“ aufscheint und von ihrer Schwester auch so gerufen wurde) wird am 7. Februar 1919, ein Jahr vor Rosa, geboren. Der Vater verlässt die Familie, als sie acht Jahre alt ist. Die Mutter Else übersiedelt schließlich mit ihren drei Töchtern (Anna, Rosa und Selma) und Sohn Leopold nach Wien. Anna bricht die Ausbildung zu ihrem Wunschberuf der Diätschwester (heute: Diätassistentin, Ernährungsberaterin) ab, um ihrer Mutter in deren Café-Konditorei zu helfen. Der antifaschistisch aktive Bruder wird 1936 von den Austrofaschisten bereits zum zweiten Mal inhaftiert und nach seiner Enthaftung 1937 des Landes verwiesen. Wie auch Anna ist er aufgrund des Vaters, der aus Bratislava stammt und nach dem Zerfall der Monarchie offiziell Tschechoslowake wurde, ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Das Lokal der Mutter wird im März 1938 vom „Anschluss“-begeisterten Mob verwüstet. Drei Monate später werden Anna und Else Redlinger unter dem (falschen) Vorwurf verhaftet, Widerstands-Kontakte zu unterhalten. „Politisch war ich ja nicht. Ich bin ja weggekommen, weil ich Jüdin bin“, wird Anna in einem Artikel von Katrin Auer zitiert, dem alle hier angeführten Zitate und viele der biographischen Informationen entstammen (1). Nach achtstündigem Gestapo-Verhör werden die beiden Frauen aus dem Deutschen Reich ausgewiesen, ihre Wohnung ist zu diesem Zeitpunkt bereits von einem SA-Mann „arisiert“ worden. Ihre Flucht führt sie erst nach Bratislava und dann, 1941, ins nordslowakische Žilina. Selma gelingt unterdessen die Flucht nach Frankreich. Rosa – die eine Lehre als Modistin im ersten Bezirk begonnen hat und nun abbrechen muss – kann nach England entkommen, wo sie in einem Kinderheim in Broadhurst Arbeit findet. Während der weiterhin politisch aktive Leopold 1942 von den slowakischen Tiso-Faschisten inhaftiert wird, bleiben Anna und ihre Mutter vorerst in prekärer Freiheit, sehen sich aber unter dem Kollaborationsregime zunehmender antisemitischer Drangsalierung ausgesetzt. Trotz eines Lebens von der Hand in den Mund „(wären) wir … zufrieden gewesen, wenn man einen in Ruh gelassen hätte”.

Anna, Rosa und Leopold Redlinger (v.l.n.r.) in Bratislava, 1937.

Anna, Rosa und Leopold Redlinger (v.l.n.r.) in Bratislava, 1937.

Im März 1943 wird Anna, inzwischen 24 Jahre alt, nach Auschwitz-Birkenau deportiert, ihre Mutter wenig später ebenfalls. Wie bei Willi Gugig in Buchenwald gilt auch Annas oberste Sorge fortan dem mit ihr internierten Elternteil, das es gegen die Quälereien der SS und die Arbeitsbelastungen abzuschirmen gilt, so gut es geht. „Ich hab sechs Monate geschaut, daß ich mir meine Mutter halten kann, war in der Außenarbeit zuerst, bin mit ihr mitgegangen, hab für sie geschaufelt und Häuser geräumt und das möglichste gemacht.” Doch Else Redlinger, bereits 56 Jahre alt, wird krank und schließlich als nicht mehr arbeitsfähig ermordet – mit ihr auch Annas engste Freundin Mirjam Gross. „Anna kann dies nie verwinden”, schreibt Herta Neiß in einem Nachruf. „Trauer und Selbstvorwürfe, daß sie ihre Mutter nicht beschützen konnte, bestimmen Anna Redlingers Erinnerungen bis heute”, bemerkt auch der Text von Katrin Auer.

In einem mehrtägigen Gewaltmarsch und anschließendem Transport in offenen Waggons bei Eiseskälte kommt Anna im Jänner 1945 nach Ravensbrück (wo auch Leo Kuhns Frau Herma und Riki Gugigs Mutter Maria Hrybal interniert sind) und ein Monat später in dessen Außenlager Malchow (Mecklenburg). Sie überlebt unter widrigsten Bedingungen. Ihr Bruder, der seine jüdische Herkunft geheimhalten kann, wird erst im Februar 1945 von seinem slowakischen Gefängnis erst nach Mauthausen und dann nach Ebensee überstellt. Auf der Zwischenstation Amstetten trifft er mit Leo Kuhn zusammen, von dem er im April erfährt, dass die Rote Armee Wien bereits eingenommen hat. Kuhn scheint auch in der KZ-Verbands-Akte Redlingers als Bürge auf. Nach 1945 heuert Leopold Redlinger, wie die Gugigs, zunächst beim Globus-Verlag an, engagiert sich in der KPÖ und im Weltgewerkschaftsbund. Schwester Rosa kehrt 1948 aus England zurück, Selma bleibt in Frankreich. Während die Geschwister Krieg und Shoah überlebt haben, wurde ihre Vorgängergeneration mütter- wie väterlicherseits von den NationalsozialistInnen vollständig ausgelöscht. Die Spur des Vaters endet im Ghetto von Łódź.

Anna Redlinger, 2001.

Anna Redlinger, 2001.

Mit Kriegsende und Befreiung enden weder die Leiden an Verlust und den eigenen Erinnerungen, noch die antisemitischen Anfeindungen. Ein Arbeitskollege Annas, die Schreibmaschine und Steno lernt und eine Bürotätigkeit ergreift, wirft ihr vor, „ich bin schuld, daß der Jesus umgekommen ist“. Die politischen Entwicklungen auch der jüngsten Geschichte der Zweiten Republik erschweren eine Verarbeitung des Geschehenen mehr, als sie zu erleichtern  so jedenfalls der Eindruck aus meinen Gesprächen mit Anna, die immer wieder Beunruhigung durch die tagespolitische Situation erkennen ließen. Die Geschichte der abendlichen Rückkehr Annas vom Arbeitskommando in die leere Baracke, dorthin, wo sie die Mutter in der Früh krank hatte zurücklassen müssen, war auch in diesen Gesprächen ständig präsent – mal verbalisiert, mal als atmosphärischer Grundton. Bis zuletzt laborierte sie an schlechtem Gewissen aufgrund ihres Überlebens dessen, was so vielen den Tod gebracht hatte. Wie Anna an ihren Traumata litt  eine Belastung, die nach Auskunft ihrer Nichte Elisabeth Vykoukal (2) mit der Pensionierung noch zunahm , litt Rosa (über deren Leben ich nur spärliche Informationen finden konnte) am Leiden Annas, auf das sie mich immer wieder ansprach. Sie starb 2013. Anna war vier Jahre zuvor verstorben. Einmal hatte ich sie noch im Maimonides-Heim der Israelitischen Kultusgemeinde besucht, in das sie inzwischen umgezogen war.

(1) Katrin Auer (2001): „Politisch war ich ja nicht. Ich bin ja weggekommen, weil ich Jüdin bin“: Anna Redlinger. In: Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr (Hg.innen): Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück, Band 2: Lebensgeschichten. Wien, 182-186. Vgl. Als weitere Quelle zu Anna Redlinger den Nachruf von Ildikó Cazan-Simányi im Mitteilungsblatt der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen, Dezember 2009, 27.

(2) Ich danke Frau Vykoukal, der Tochter von Leopold Redlinger, für die Zurverfügungstellung der Jugendfotos ihres Vaters und ihrer Tanten.

Zu Teil III: Poldi Schnabl

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Für und wegen (IV): Herta Reich

Bernhard Weidinger

Teil 1: Willi und Erika Gugig, Leo Kuhn

Teil 2: Anna und Rosa Redlinger

Teil 3: Poldi Schnabl

Herta Reich war die letzte der sieben in meinen Buchwidmungen erwähnten Personen, die ich kennenlernen durfte. Heimo Gruber, ein gemeinsamer Bekannter meiner Freundin und mir, hatte uns 2009 erstmals von ihr erzählt und uns das Buch übergeben, das ihre Flucht erzählt. Es ist die Erzählung einer dramatischen Odyssee, die sich trotz ihr eingeschriebener Liebesgeschichte kaum zur Romantisierung eignet (1).

Herta Reich wurde 1917 als Herta Eisler in Mürzzuschlag geboren. In der steirischen Provinz lebten damals kaum Jüdinnen und Juden. Dass dennoch auch hier teils rabiater Antisemitismus grassierte, stellten dem Historiker Haimo Halbrainer zufolge die völkischen Fanatiker um Georg Schönerer sicher, der in burschenschaftlichen Kreisen bekanntlich seine treueste Gefolgschaft fand (1). Hertas Vater besaß ein Textilgeschäft, das sie später führen sollte, weshalb sie auch die Handelsschule in Wien absolvierte. Nach dem “Anschluss” wird Herta, im Sommer 1938, von der Gestapo verhaftet, während lokale Nazis das Geschäftslokal der Familie Eisler verwüsten. Grund der Verhaftung war ihr Briefkontakt mit einem Jugendfreund, dem Spanienkämpfer Karl Lotter. Binnen zwei Tagen muss sie das Land verlassen. Vater Ignaz und Bruder Erich werden im Zuge des Novemberpogroms 1938 verhaftet und nach Dachau deportiert, von wo sie zum Jahresende zurückkehren. Das Geschäft wurde inzwischen “arisiert”, die Familie wird der Stadt verwiesen und geht nach Wien.

Herta und Romek Reich während ihrer Flucht in Italien, 1943.

Herta und Romek Reich während ihrer Flucht in Italien, 1943.

Hertas erster Fluchtversuch hat die Niederlande zum Ziel, der zweite führt sie nach Belgien. In beiden Fällen wird sie aufgegriffen und ins Deutsche Reich zurückgeschoben. Sie taucht in Wien unter und findet dort Anschluss an zionistische Kreise, die die Auswanderung nach Palästina vorbereiten. Weil die Nachbarländer jüdischen Flüchtlingen keine Transitvisa mehr ausstellen, wird die Donauroute zum Schwarzen Meer gewählt. Hertas Transport startet im November 1939 mit rund 800 Flüchtlingen, ab Bratislava sind es 1000. Da an der Donaumündung kein Schiff für den Weitertransport bereitsteht, verweigern erst die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft und dann die rumänischen Behörden die Weiterreise. Die PassagierInnen müssen in Kladovo (im heutigen Serbien) zunächst auf den eingefrorenen Schiffen, dann in einem Lager, unter schlimmen hygienischen Bedingungen und prekärer Ernährungssituation überwintern. Im Frühjahr stößt eine Gruppe junger Polen hinzu. Herta freundete sich mit Romek, einem von ihnen, an. Im September bewegen die Schiffe sich wieder, aber in die falsche Richtung. Sie legen nun in Šabac an. Die Polen haben inzwischen Eigeninitiative entwickelt und suchen einen Fluchtweg über Land. Herta, die Romek im März 1941 geheiratet hat, geht mit ihnen. Die Gruppe gelangt nach Italien, wo sie in Rom verhaftet und ab August in den Abruzzen interniert wird. Der Kladovo-Transport sitzt indes immer noch in Šabac fest. Im Oktober ermorden die Nazis alle Männer des Transports, die Frauen und Kinder werden im folgenden Jänner in das KZ Sajmište deportiert und dort noch im ersten Halbjahr 1942 in Gaswägen ermordet (2). Herta und die Polen fliehen im Herbst 1943, nach der Entmachtung Mussolinis, vor den vorrückenden Deutschen hinter die britischen Linien. Herta und Romek erhalten Arbeit in einem britischen Militärlager. Herta wird schwanger, doch

(i)n so einem provisorischen Dasein wollte ich auf keinen Fall ein Kind. Ein polnisch-jüdischer Arzt, mehr Scharlatan als Arzt, gab mir irgendein Medikament. Ich bekam einen Blutsturz und man fuhr mich in ein kleines Spital zehn Kilometer vom Camp. Dort waren nur Nonnen, die um jeden Preis das Kind erhalten wollten. Und ich wollte es unbedingt verlieren. In der dritten Nacht hatte ich genug von der Fürsorge und flüchtete in der Nacht aus dem Spital ins Camp und war weiter schwanger. […] Eines Tages hob ich einen schweren Kessel in der Kantine und das war der Anfang vom Ende der Schwangerschaft. Zu Beginn des sechsten Monats.”

Romek, in einer zionistischen Jugendorganisation groß geworden, bemüht sich unablässig um Reisepapiere für Palästina – und ist schließlich erfolgreich. Mitte 1944 erreichen Herta und er Tel Aviv, wo sie Hertas Eltern wiedertreffen, die seit November 1940 in Palästina leben. Schwester Lilly war auf der Flucht verunglückt – durch einen zu groß dimensionierten Sprengsatz der Hagana, der die Briten hätte zwingen sollen, die PassagierInnen des Fluchtschiffes an Land zu lassen. Die Eltern kehren 1948 wegen trister materieller Lage nach Österreich zurück. Herta und Romek sind inzwischen selbst Eltern eines einjährigen Sohnes geworden. Romek aber fällt noch im selben Jahr im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Herta kehrt 1950 ein letztes Mal nach Mürzzuschlag zurück – und ist deprimiert von der dortigen Situation der Eltern. Der Vater schlägt sich als Bürstenbinder durch, während der “Ariseur” das Eislersche Textilgeschäft weiter führt. Nach dem Tod des Vaters geht Mutter Käthe wieder nach Israel, ebenso Hertas Bruder Erich.

reich widmung

Buchwidmung, Jerusalem 2010.

Ich traf Herta Reich 2010 mit meiner Freundin zusammen in Jerusalem. Trotz ihres hohen Alters bewirtete sie uns in ihrer Wohnung und plauderte lange mit uns. In weiterer Folge blieben wir in herzlichem Brief- und Telefonkontakt. Die ausweglose Situation im Nahostkonflikt betrübte sie ebenso wie das, was sie über Satelliten-TV an Nachrichten aus Österreich empfing – etwa „die Hetzkampagne Straches“ in Wien, wie sie im Oktober 2010 schrieb. Meinen eigenen Medienkonsum betreffend trug sie mir auf, anstelle der konservativen Jerusalem Post fortan die linksliberale Haaretz zu lesen. Gerne hätten wir sie noch einmal besucht, doch dazu kam es nicht. Herta Reich starb im Februar 2012. Sie konnte daher nicht mehr erleben, dass das Bundesgymasium in ihrer Heimatstadt im November desselben Jahres umbenannt wurde. Wer im Internet heute www.herta-reich.at eintippt, erreicht die Webpräsenz des “Herta Reich Gymnasiums Mürzzuschlag”.

(1) Die Darstellung hier beruht wesentlich auf einem online zugänglichen Text von Haimo Halbrainer, der auch Herausgeber dieses Buches ist: Zwei Tage Zeit. Herta Reich und die Spuren jüdischen Lebens in Mürzzuschlag. Die Flucht einer Mürzzuschlager Jüdin 1938 – 1944. Graz: Clio 1998. 2014 erschien eine von Heimo Gruber co-editierte, stark erweiterte Neuauflage.

(2) Vgl. weiterführend Gabriele Anderl / Walter Manoschek (2001): Gescheiterte Flucht. Der „Kladovo-Transport“ auf dem Weg nach Palästina 1939-1942. Wien: Mandelbaum.

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Für und wegen (III): Poldi Schnabl

Bernhard Weidinger

Teil I: Willi und Erika Gugig, Leo Kuhn

Teil II: Anna und Rosa Redlinger

Von allen FreundInnenschaften im engeren Sinn, die ich je unterhalten habe, war jene zu Poldi Schnabl die mit der größten Altersdifferenz. Nicht weniger als 57 Lebensjahre hatte sie mir voraus. Unser erstes Zusammentreffen erfolgte 2007 im Rahmen meines Zivildienstes. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, da ich eigentlich nicht in der Abteilung tätig war, die sie betreute. Da wir uns aber gleich bei meinem ersten Hausbesuch hervorragend verstanden und in der Folge beide den Wunsch deponierten, einander wieder zugeteilt zu werden, sorgte ESRA dafür, dass das auch passierte. Ich fand Poldis Geschichten faszinierend, sie war ihrerseits froh, jemanden zum politisieren zu haben, zumal sie aus gesundheitlichen Gründen kaum mehr außer Haus gehen konnte.

Poldi Schnabl (damals Hirsch), späte 1940er Jahre.

Poldi Schnabl (damals Hirsch), späte 1940er Jahre.

Informationen über Poldis Leben verdanke ich neben ihren Erzählungen vor allem schriftlichen Aufzeichnungen ihres Neffen Peter Hirsch. Aus diesen geht hervor, dass Poldi 1925 als zweite Tochter (nach Hermine) von Hermann und Salomea Hirsch in Wien geboren wurde. Die Mutter wanderte wenig später nach Palästina aus. Der Vater verspielte seinen Besitz und konnte die Töchter nicht mehr erhalten. Sie wurden zunächst in die Kinderbewahrungsstelle der Gemeinde Wien ein- und später einer Pflegemutter zugewiesen. Diese ehelichte schließlich den leiblichen Vater der beiden. Die Mädchen gingen in Meidling zur Schule. Nach dem „Anschluss“ wurde Poldi ausgeschult und sollte fortan eine Schule für als jüdisch eingestufte Kinder besuchen. Aufgrund des langen und – nicht zuletzt aufgrund ständiger antisemitischer Anfeindungen und Übergriffe – beschwerlichen Weges ging sie nur selten hin. Schwester Hermine wurde schließlich als „Mischling zweiten Grades“ im Sinne der Nürnberger Gesetze eingestuft (der Vater galt als „arisch“, die leibliche Mutter entstammte einer „Mischehe“ und war – wie die Töchter – mosaischer Konfession). Sie fand eine Beschäftigung als Kranführerin und übte diese aus, bis sie schwanger wurde. Poldi erhielt ihrerseits 1941 eine Vorladung in die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Statt hinzugehen, tauchte sie unter und erledigte Botengänge für eine Widerstandsgruppe. Zwei Jahre lebte sie als „U-Boot“ mit wechselnden Aufenthaltsorten, zuletzt auf einem Bauernhof. Im Herbst 1943 wird sie in Salzburg von der Gestapo verhaftet. Sie kommt in Polizeihaft (im bayerischen Laufen, das die letzte Station der Gefangenschaft Riki Gugigs war) und schließlich in ein Arbeitslager.

Nach dem Krieg kehrt Poldi zunächst nach Wien zurück und arbeitet dann in wechselnden österreichischen und deutschen Städten in der Gastronomie. 1977 kann sie ihr eigenes Lokal eröffnen. Nur ein Jahr später stirbt ihr zweiter Mann, den sie 1975 geheiratet hat. Sie gibt das Lokal auf (oder muss es aufgeben). In weiterer Folge wird sie zunehmend politisch aktiv. Trotz Anbindung an die

Poldi Schnabl als Friedensaktivistin (späte 1980er?).

Poldi Schnabl als Friedensaktivistin (vermutlich späte 1980er).

SPÖ-Frauen findet sie ihr politisches Hauptbetätigungsfeld außerhalb von Parteistrukturen – vor allem in der Friedensbewegung (und hier nicht zuletzt als wesentliche Protagonistin der „Kriegsgeneration gegen den Krieg“), aber auch im Einsatz gegen Antisemitismus und neofaschistische Tendenzen. Weil ihr die in der Leistungsgesellschaft übliche Geringachtung und Bevormundung älterer Menschen zuwider ist, engagiert sie sich für SeniorInnenrechte. In allen Belangen war sie eine widerständige Frau. Peter Hirsch gibt in seinem Nachruf auf Poldi seinen Eindruck wieder, dass

ihr Judentum mehr ein Protest gegen den latenten oder auch offenen Antisemitismus war als das Ergebnis religiöser Überzeugung. Sie hat nur die rationell begründbaren religiösen Gebote eingehalten; in die Synagoge ist sie, soviel ich weiß, nur bei besonderen Konzerten gegangen. Der Davidsstern, den sie bis zu ihrem Tod als Schmuck trug, war mehr Bekenntnis zu einer diskriminierten Minderheit und vielleicht Provokation als sonst was. Die mannigfache Hilfe durch die Esra hat sie aber jedenfalls sehr geschätzt.“

Als ich Poldi als ESRA-Zivi kennenlerne, ist ihr Aktivitätsradius durch körperliche Gebrechen bereits stark eingeschränkt, auch lesen kann sie wegen eingeschränkter Sicht nicht mehr. Ihr politisches Bewusstsein jedoch blieb wach bis zuletzt. Sie starb am 10. Oktober 2009.

Zu Teil IV: Herta Reich

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Für und wegen…

Bernhard Weidinger

Mein Buch ist sieben Menschen gewidmet, die ich die Freude hatte kennenlernen zu dürfen und deren Bekanntschaft nicht nur für die Entstehung dieses Buches, sondern für meinen persönlichen Werdegang insgesamt bedeutsam war.

widmung

Im folgenden möchte ich diese Menschen vorstellen, weil es mir wichtig erscheint, dass sie und ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten. Ich beginne mit den ersten drei Genannten.

Die Gugigs und Leo Kuhn lernte ich in den frühen 90ern kennen. Kuhn und Willi Gugig besuchten über mehrere Jahre hinweg als Zeitzeugen Schulen in meinem Heimatbezirk, dem Salzburger Lungau. Erika (Riki) Gugig begleitete ihren Mann, sofern es ihr Gesundheitszustand zuließ. Eingeladen hatte die drei mein Vater, damals Hauptschul-Geschichtelehrer. Im Rahmen wechselseitiger Essenseinladungen zwischen ihnen und meinen Eltern während ihrer Lungau-Aufenthalte lernte ich sie näher kennen. Viele Details erfuhr ich allerdings erst nach ihrem Ableben, im Zuge meines Aktenstudiums im DÖW und der Lektüre autobiographischer Schilderungen.

Wilhelm (Willi) Gugig, ca. 1947.

Wilhelm (Willi) Gugig, ca. 1947.

Willi Gugig, geboren 1921 in Ottakring, war zusammen mit seinem Vater Leiser im September 1939 „aus rassischen Gründen“ sowie unter dem Vorwurf kommunistischer Betätigung in Wien verhaftet worden – von als Hilfspolizisten eingesetzten Nachbarn, mit denen die beiden kurz zuvor noch Karten gespielt hatten. Eine Ausreisemöglichkeit in die USA hatten Willi und seine vier Jahre jüngere Schwester Margit nicht wahrgenommen, da sie ohne die Eltern hätten fahren müssen. Andere Optionen ergaben sich für die Familie in Ermangelung der nötigen Ressourcen nicht. Drei Wochen waren Willi und sein Vater im Prater-Stadion (heute: Ernst-Happel-Stadion) interniert. „Einmal sah ich meine Mutter und meine Schwester am Zaun“, schreibt Willi in seinen Lebenserinnerungen. „Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Wir konnten nicht miteinander reden. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich sahen.“ Die männlichen Gugigs wurden nach Buchenwald deportiert, wo Willi – bei der Ankunft 17 Jahre alt – sein Möglichstes tat, den Vater vor den Prügeln und sonstiger Drangsalierung durch die Aufseher zu schützen. Leiser Gugig war 45 „und konnte nicht mehr so gut laufen. Ich versuchte stets in seiner Nähe zu bleiben, und dadurch kamen wir [bei der bzw. auf dem Weg von der Arbeit im Steinbruch, Anm.] ans Ende der Kolonne und gleichzeitig in die Gefahrenzone der SS.“ Im Oktober 1942 wurde Leiser Gugig nach Auschwitz verbracht und dort ein Monat später vergast. Willi Gugig überlebte rund fünfeinhalb Jahre Buchenwald dank der dortigen, von „Politischen“ getragenen illegalen Häftlingsorganisation, die von der Lagerleitung übertragene Verantwortung nutzte, um Mitinhaftierten Erleichterungen zu verschaffen, sie nach Möglichkeit zu schützen und die Mordmaschinerie der SS zu sabotieren. Noch vor der Ankunft der Amerikaner übernahm die Häftlingsorganisation die Kontrolle über das Lager. Als noch kurz zuvor alle verbliebenen jüdischen Inhaftierten zur mutmaßlichen Liquidation antreten sollten, halfen die „Politischen“, sie zu verstecken. Willis Schilderungen der unter Todesgefahr gelebten Solidarität unter den Lagerinsassen beeindruckten mich zutiefst. Erschütternd waren dagegen die Nachrichten über den Verbleib seiner Familie. Mutter Lea und Schwester Margit waren im Februar 1941 nach Opole deportiert worden. Ein Jahr später wurde das dortige Ghetto liquidiert und wurden seine BewohnerInnen in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor überstellt. Unter den 2.003 vom Wiener Aspangbahnhof nach Opole deportierten Wiener Jüdinnen und Juden sind lediglich 28 Überlebende dokumentiert. Lea und Margit Gugig waren nicht darunter. Willis Großvater wurde in Theresienstadt ermordet, eine Tante und ein Onkel wurden nach Riga deportiert und kehrten nie zurück. Mit Ausnahme eines weiteren Onkels, dem die Flucht in die USA gelang, verlor Willi seine gesamte Familie in der Shoah.

Erika Gugig (damals: Uhlir) und ihre Mutter Maria Hrybal, 1941 (Fotos aus der Gestapo-Kartei).

Erika Gugig (damals: Uhlir) und ihre Mutter Maria Hrybal, 1941 (Fotos aus der Gestapo-Kartei).

Auf dem Weg zurück nach Wien lernte Willi in Salzburg Erika (Riki) Uhlir kennen, die selbst im „Altreich“ in politischer Haft gewesen war und die er schließlich ehelicht. Riki, geboren und aufgewachsen 1920 in Wien-Brigittenau als Erika Hrybal, hatte schon als Jugendliche für Treffen illegalisierter AntifaschistInnen Schmiere gelegen, Flugblätter abgezogen und sich anderweitig an Widerstandsaktivitäten gegen den Austrofaschismus beteiligt. Ihre Mutter, Maria (Marie) Hrybal, die Riki unter ärmlichen Verhältnissen allein aufzog, wurde unter Kanzler Schuschnigg zweimal wegen „kommunistischer Betätigung“ (der Aufbewahrung einschlägiger Schriften, Fahnen und Wimpel) bestraft, u. a. durch eine sechswöchige Inhaftierung. Im Rahmen einer der ersten Verhaftung folgenden Hausdurchsuchung, schreibt Riki, wurde in der Wohnung der Hrybals „eine Papptafel“ gefunden, auf der ich mit roten Nelken FREIHEIT geschrieben hatte“. Die Nelken hatte Riki mit Freundinnen gebastelt und eigentlich am 1. Mai verkaufen wollen. „Ich brachte es nicht fertig, jemanden anzureden, brachte die roten Nelken wieder nach Hause und bewahrte die Tafel einfach auf.“ Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Marie Hrybal 1941 unter dem Vorwurf erneut verhaftet, sie habe einem KPÖ-Funktionär ihre Adresse als Postanlaufstelle zur Verfügung gestellt. Riki, die tatsächlich lose an illegalisierte KP-Kreise angebunden war, wurde von der Gestapo verhaftet, nachdem (nicht aber weil) sie angeboten hatte, eine etwaige Haftstrafe an ihrer Mutter statt anzutreten. Wegen „Vorbereitung zum kommunistischen Hochverrat“ wurde Riki im Oktober 1942, im Alter von 22, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ihre Mutter, 44, wurde vom selben Delikt freigesprochen – und statt in ein Zuchthaus in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen. Riki kam erst in das Frauengefängnis Aichach, dann nach Kolbermoor, wo sie die Zwangsarbeit in einer Gasmaskenfabrik nach Möglichkeit obstruierte, und schließlich nach Laufen-Lebenau (wie die beiden anderen Stationen in Bayern gelegen). Ein Gnadengesuch, das ihr Vater, der Metallarbeiter Roman Hrybal, über einen Anwalt einbringt, wird abgelehnt. Einen zweiten Anlauf lehnt der Anwalt – der Burschenschafter Hadmar Schandl (Libertas Wien) – ab, wie aus einer im DÖW einsehbaren Korrespondenz hervorgeht. Ihm sei „mittlerweile bekannt geworden …, dass die ursprünglich gemeldeten Gründe [für eine Enthaftung, Anm.] nicht zurecht bestehen. Heil Hitler!“ Nach der Befreiung trifft Riki zunächst auf Willi und schließlich in Wien auf ihre Mutter. Alle drei bleiben für den Rest ihres Lebens in Wien wohnhaft.

Die österreichischen Nachkriegsrealitäten erweisen sich für die Überlebenden als frustrierend. Sie müssen feststellen, schreibt Willi, „dass die Regierung für uns nicht viel übrig hatte. Um die Nazis hingegen bemühte sich das Land sehr. Später bekamen wir durch das Ausland Unterstützung, und die Regierung musste etwas für die ehemaligen Häftlinge tun.“ „Enttäuschend“ sei auch gewesen, „dass wir in dieser Zeit öfter demonstrieren mussten, um gegen rechtsgerichtete Veranstaltungen Widerstand zu leisten. Das hat viel Nervenkraft gekostet. Daher war unser Freundeskreis nicht groß. Wir misstrauten allen.“ Als ein Freund Willi eine Stellung in der SPÖ anträgt – in ein paar Jahren würde er es von dort zum Gemeinderat bringen – lehnt er ab. „(I)ch fühlte mich der KPÖ verpflichtet, weil die Alfthäftlinge von der kommun. Häftlingsorganisation ihr eigenes Leben riskiert hatten, um einigen von uns jungen Häftlingen das Überleben zu ermöglichen.“ Die KPÖ, genauer gesagt ihr Globus-Verlag, wird auch zum Arbeitgeber Willis, Rikis und ihrer Mutter. Die letzteren beiden finden in der Verlagsgarage eine Anstellung, Willi in der Auslieferung der Parteizeitung „Volksstimme“. Später wird er Betriebsratsobmann und bleibt dies bis zu seiner Pensionierung. Von der KPÖ entfernt er sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und wegen Wahrnehmungen von Antisemitismus auch in der Partei des Widerstandes. Ab den 1980er Jahren geht er als Zeitzeuge an Schulen, üblicherweise gemeinsam mit Leo Kuhn. „Die Schilderung unserer Leiden ist sehr belastend, aber wenn wir zu zweit sind, hat der andere unterdessen Zeit, seine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.“

Leo Kuhn.

Leo Kuhn.

Kuhn, geboren 1908 in Graz, hatte fast die gesamte NS-Zeit in Österreich wegen kommunistischer Widerstandsaktivitäten in Haft verbracht. 1934 war er von der Sozialdemokratischen Partei zur KPÖ gewechselt. Schon im Ständestaat war er erstmals inhaftiert, nach dem „Anschluss“ bleibt er antifaschistisch aktiv und wird mit seiner Gruppe im November 1938 ausgehoben. Auf Gestapo-Haft und -Folter am Morzinplatz folgen die Internierung in Berlin-Moabit und eine Verurteilung zu acht Jahren Haft. 1941 wird er ins Zuchthaus Stein an der Donau überstellt. In dessen Außenlager Moosbierbaum organisiert er zusammen mit anderen Kommunisten maßgeblich den Häftlingswiderstand, der u. a. für Sabotageakte und Flugblattaktionen im Umland verantwortlich zeichnet. Nach seiner Denunziation durch einen Gestapo-Spitzel kommt Kuhn im Jänner 1945 nach St. Pölten. Dort und in Stein selbst forciert Johann Stich (wie Anwalt Schandl Mitglied der Burschenschaft Libertas) gegen Kriegsende eifrig Todesurteile in Standgerichtsverfahren. In Stein werden im April unter maßgeblicher Mitwirkung Stichs und auf Befehl eines weiteren Burschenschafters, des Gauleiters Hugo Jury (Teutonia Wien), 44 Inhaftierte ermordet. Kuhn sollte nach seiner Überstellung von St. Pölten in Mauthausen umgehend liquidiert werden – die Annahme der Identität eines verstorbenen Insassen ermöglicht ihm das Überleben. Er wird nach Ebensee transportiert und erlebt dort am 7. Mai die Befreiung durch die Amerikaner. Nach dem Krieg ist Kuhn als Sportfunktionär für die KPÖ, den Allgemeinen Sportverband (ASVÖ) und den Österreichischen Handballbund (ÖHB) tätig.

Auch er ist im postnazistischen Österreich mit dem Unwillen der Behörden den Überlebenden der NS-Verbrechen gegenüber konfrontiert. Viele Jahre liefert er sich eine Auseinandersetzung mit Sozialministerium und Amt der Wiener Landesregierung um Haftentschädigung für seine Frau Hermine (Herma, geb. Löwenstein) zugunsten des 1949 geborenen gemeinsamen Sohnes Leo junior. Herma war fast sechs Jahre (ab Juli 1939) in Aichach bzw. Ravensbrück  interniert gewesen. Die Entschädigung wurde vorenthalten, weil sie zwei Tage vor Inkrafttreten der relevanten Opferfürsorgegesetzenovelle (aber Monate nach der Beschlussfassung über diese) 1952 an den Folgen der Haft verstorben war. Noch in den 1960er Jahren unternimmt Kuhn – bei erneut veränderter Gesetzeslage – einen weiteren Anlauf. Sein Antrag wird diesmal mit der Begründung abgelehnt, dass Herma kein Arbeitseinkommen bezogen habe und es an Kuhn selbst sei, den überwiegenden Lebensunterhalt des Sohnes zu bestreiten (was er, unter Entbehrungen, ohnehin tut, um Leo jun. ein Studium zu ermöglichen). Ab den 1970ern leistet er Zeitzeugenarbeit – und tut dies bis zu seinem 95. Geburtstag im Jahr 2003.

Nach meinem studienbedingten Wohnsitzwechsel nach Wien habe ich Leo Kuhn, den ich als freundlichen, ruhigen und distinguierten älteren Herrn erlebte, nicht wieder gesehen, auch wenn er weiterhin mit meinen Eltern korrespondierte. Er starb am 5. November 2004. Willi Gugig, den ich mit seiner jovialen, verschmitzten Art als sehr Wienerisch wahrnahm (respektive als das, was ich als Kind der Provinz dafür hielt), traf ich in Wien noch einmal im Rahmen einer Zeitzeugenveranstaltung. Er starb kurz darauf, am 21. Dezember 2001. Riki Gugig und ihrem trockenen Schmäh durfte ich im Rahmen meines Zivildienstes bei ESRA 2007 mehrmals wiederbegegnen. Sie besuchte gelegentlich den wöchentlichen SeniorInnentreff, dessen BesucherInnen ich mit Kaffee, Mehlspeisen und Schnittlauchbroten bewirtete. Ihr Tod im selben Jahr kam überraschend. Für das Begräbnis am Wiener Zentralfriedhof ging ich auf Zeitausgleich.

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Willi, dass er unmittelbar nach der Befreiung angesichts der katastrophalen Resultate des nationalsozialistischen Wütens eine Wiederkehr desselben für ausgeschlossen hielt. Doch  „(a)ls wir längere Zeit nach unserer Befreiung die Ansichten der Bevölkerung hörten, mussten wir feststellen, dass diesem menschenverachtenden System teilweise nachgetrauert wurde. Man kann noch heute, wenn über diese Zeit gesprochen wird, hören, dass wir besiegt und nicht befreit worden sind. Wir nahmen die schwere und undankbare Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten, auf uns. Das waren wir den Millionen Toten schuldig. Ob wir unsere Kraft nicht unnütz verschwendet haben, wird die ferne Zukunft weisen.“

Zum zweiten Teil: Anna und Rosa Redlinger

Zum dritten Teil: Poldi Schnabl

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Zum Verhältnis von Antisemitismus und Fußball in Österreich

Erschienen in fiber.werkstoff für feminismus und popkultur, Nr 22/2013 „leibesübungen“, Seiten 40-41 und 44-47.

Ausgehend von der Annahme, dass Fußballmatches „die zentralen Werte unserer Gesellschaft in komprimierter Form sichtbar“ (1) machen, kann gesagt werden, dass Sportstadien lediglich einen örtlich eingegrenzten und zeitlich definierten Raum mit einem bestimmten Publikum darstellen, an welchem die konfliktreichen Auswüchse des gesamtgesellschaftlichen Geschehen ausgetragen werden. Sie können weder davon losgelöst betrachtet noch analysiert werden. Moderner Sport wie der Profifußball ist einerseits durch die Kommerzialisierung von Stadien, Spielen und auch FußballerInnen unweigerlich in die Marktwirtschaft eingebunden, andererseits stellt er jenen Teil der gesellschaftlichen Strukturierung dar, der, wie Theodor W. Adorno Adorno (2) meint, versucht, den Bedeutungsverlust von Körperlichkeit durch das verstärkte Aufkommen von Maschinen in der Arbeitswelt auszugleichen, indem der Körper selbst neue Funktionen bekommt. Dadurch würde er auch ins „Reich der Unfreiheit“ gehören. Diese Unfreiheit meint nicht nur die durch materielle Zwänge und Unterwerfung unter das hegemoniale System des Kapitalismus verursachte, sondern auch die Unfreiheit von ideologischen Bestimmungen und Ausrichtungen. Sport stellt demzufolge „keinen gesellschaftlichen Freiraum dar, sondern ist als Teilbereich des sozio-kulturellen Systems in gesamtgesellschaftliche Bedingungen und Wertvorstellungen eingebettet.“ (3) In seinen modernen Ausprägungen stellt der Sport ein Feld dar, an dem gesellschaftliche Ideologien verbreitet werden, die sich in ihren Massenveranstaltungen manifestieren. Da Fußball ursprünglich aus England kam und in Österreich und Deutschland anfänglich als „Engländerei“ diffamiert wurde, konnte sein gesellschaftspolitischer Inhalt erst im Laufe seiner Etablierung im deutschsprachigen Kontext vom ideologischen Ballast des als deutsch geltenden Turnens unterwandert werden. Der antisemitische Nährboden im Sport, den die Nazis für sich vereinnahmten, konnte schließlich, wie auch gesamtgesellschaftlich, auf der florierenden Ablehnung der Juden und Jüdinnen rund um die Jahrhundertwende aufbauen und stellte somit keine grundlegende Neuheit dar. So scheint es auch kaum verwunderlich, dass sich diverse antisemitische Stereotype und Feindbilder im Fußball nach 1945 unmittelbar fortsetzten und bis zum heutigen Tage nicht an Popularität eingebüßt haben. So zeigt sich nicht zuletzt, dass die antisemitischen Kontinuitäten im österreichischen Sport nach dem Zweiten Weltkrieg in einer unleugbaren Parallelität zu den gesamtgesellschaftlichen Fortsetzungen des Antisemitismus in Österreich stehen.

Antisemitismus im Fußball vor und während der Shoah

Antisemitismus als integraler Bestandteil von Fußball wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, insbesondere im Zusammenhang mit den Teams des Hakoah-Klubs, einem zionistischen Sportverein, der 1909 gegründet worden war. Der Verein konnte sich wegen der anfänglichen Ablehnung der neuen Sportarten von deutschnationaler Seite insbesondere im Bereich Fuß- und Wasserball gut entwickeln. Die Spieler waren jedoch ständig mit Antisemitismus konfrontiert, so waren etwa Angriffe und Beschimpfungen an der Tagesordnung, genauso wie die Ablehnung jüdischer Schiedsrichter oder die Weigerung einiger Vereine, gegen jüdische Mannschaften zu spielen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war in Deutschland und Österreich das als „deutsch“ geltende Turnen die vorherrschende Art der „Leibesertüchtigung“, während Ballspiele als „Engländerei“ diffamiert wurden.

Nach dem so genannten Anschluss Österreichs wurden „nicht-arische und undeutsche Elemente“ aus dem Sportwesen durch Verbot ausgeschlossen, sämtliche Verträge von jüdischen Berufssportlern gekündigt, jüdische Spieler von der laufenden Meisterschaft ausgeschlossen und der österreichische Fußballverband als Gau XVII Ostmark in den Nationalsozialistischen Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) integriert. In Österreich war auch der als jüdisch geltende Fußballklub Austria unmittelbar von den „Umstrukturierungen“ betroffen: Sein Name wurde aufgrund der großdeutschen Sprachregelung, nach der Österreich namentlich nicht mehr vorkommen sollte, in „SC Ostmark“ geändert, der jüdische Klubpräsident Emmanuel Schwarz durch einen Nazi ersetzt. Während Austria fortbestand, wurde der Sportklub Hakoah gänzlich aufgelöst, sein Vereinsvermögen beschlagnahmt, der Hakoah-Sportplatz in der Krieau der SA-Standarte 90 zugeordnet, und die Ergebnisse der laufenden Meisterschaften wurden annulliert. Damit fand der jüdische Fußball in Österreich zunächst ein Ende. Den meisten der ehemaligen Aktiven gelang die Flucht ins Ausland, doch viele kamen auch in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ums Leben. Bis heute lassen sich wenige Vereine finden, die sich mit ihrer Geschichte zwischen 1938 und 1945 auseinandergesetzt haben. Eine erwähnenswerte Ausnahme stellt die von Rapid Wien und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands herausgegebene Publikation „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus“ dar.

Die Kontinuitäten des Antisemitismus im Fußball nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste in Österreich wiederum eine neue kollektive Identität gebildet werden, bei der auch dem Sport eine entscheidende Rolle zugekommen ist. Insbesondere die Abgrenzung von Deutschland in der zweiten Republik forcierte in den ersten Jahren nach dem Krieg ein Aufleben des österreichischen Patriotismus, in dem sich ein „Antigermanismus“ breit machte, der sich über Jahrzehnte hinweg durch die unzähligen Niederlagen verstärkte. Dies ging sogar so weit, dass rechtsextreme ÖsterreicherInnen in einem Länderspiel gegen Deutschland im Jahr 1986 in einem Flugblatt den deutschen rechtsextremen Fans den Tod wünschten. Zu antisemitisch motivierten Ausschreitungen war es bereits kurz nach Kriegsende gekommen, bei einem Spiel der getrennt vom Stammverein geführten Fußballmannschaft der Hakoah, die aus Halbprofessionellen bestand und in der 2. und 3. Liga spielte, gegen Polizei Wien. Ein verordneter Strafschuss gegen die Hakoah-Mannschaft führte zu einer Schlägerei, die von Ausrufen wie „Saujuden“ und „ins Gas mit ihnen“ begleitet wurde. Weitere Ausschreitungen folgten bei einem Spiel zwischen dem Brigittenauer Verein AC Sparta und Hakoah im Jahr 1948. Die physischen Übergriffe auf jüdische Spieler und ein parteiischer Schiedsrichter waren der Grund dafür, dass Hakoah nach dem Spiel darauf hinwies, dass es unter derartigen Umständen unmöglich sei, von einem geregelten Sportbetrieb zu sprechen. Phänomene des Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Homophobie und selbstverständlich auch Antisemitismus, die im Fußball wie durch ein Brennglas an Schärfe gewinnen, sind demnach auch nach 1945 in erster Linie gesellschaftliche, die aus deren „Mitte“ stammen und sich so als Änderungen gesellschaftlicher Strukturen, sozialer Verhaltensregeln auch im Bereich des Sports auswirken. Der Sport ist so gesehen eine Manifestation spezifischer gesellschaftlicher Entwicklungen schlechthin, und so lassen sich Argumentationsmuster und Herangehensweisen sowie der Umgang mit dem industriell betriebenen Massenmord an über sechs Millionen Juden und Jüdinnen auch im Sport finden.

Die Affinität und Nähe des Fußballs zu rechtsextremen Gruppierungen stellen in bestimmten Fanszenen aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Wertvorstellungen wie beispielsweise der Betonung von KameradInnenschaft unter den Fans sowie ihren nationalistisch, fremdenfeindlich, rassistisch und antisemitisch motivierten Orientierungen keine Neuheit mehr da. Im Gegenteil gewinnen ebendiese Gruppen zunehmend an Popularität, und so sind Fußballfans immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt, die Fußballstadien dazu nutzen, ihre Parolen zu platzieren. Antisemitisch motivierte Aktionen ließen sich beispielsweise bei den Fans des Wiener Klubs Rapid insbesondere ab den 1980ern wieder verstärkt antreffen, unter anderem weil der international bekannte Holocaustleugner und ehemalige „Führer“ der VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) Gottfried Küssel begonnen hatte, im Rapid-Stadion Nachwuchs zu rekrutieren. Aber auch heute sorgen antisemitische Entgleisungen in den Reihen der RapidlerInnen immer wieder für Aufsehen. So waren auch im letzten Jahr im Rahmen der Europa-League Spiele gegen Hapoel Tel Aviv nicht nur immer wieder Sprüche wie „Scheiß Juden“ zu hören, auch streckte ein Rapid-Fan vor laufender Kamera beim Auswärtsmatch in Tel Aviv die Hand zum Hitlergruß aus. Ein Jahr später war bei einem Spiel am 20.April im Rapid Fansektor ein Transparent mit der Aufschrift „Alles Gute 18“ zu sehen, das sich auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet A und H, Adolf Hitlers Geburtstag bezog. (4) 2007 waren die Rapid-Fans bei einem Länderspiel mit einem Transparent mit der Aufschrift „Judasschitz raus aus Hütteldorf“ aufgefallen, das sich gegen den damaligen Kapitän des Nationalteams, Andreas Ivanschitz richtete, der den „Verrat“ begangen hatte zum verhassten Konkurrenzverein Red Bull zu wechseln. Aber auch beim Qualifikationsspiel für die Champions League 2009 kam es auf den ZuschauerInnenrängen von Red Bull Salzburg zu deutlichen antisemitischen Äußerungen wie „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“ gegen die gegnerische Mannschaft Maccabi Haifa. Auch bei Spielen anderer österreichischer Fußballklubs kam es in der Vergangenheit zu derartigen Vorfällen. So machten im März 2006 Angehörige des St. Pöltner Fanclubs „Bad Boys“ bei einem Spiel zwischen SKN St. Pölten gegen den Wiener Sportklub mit einer Reichkriegsfahne auf sich aufmerksam. Kurz zuvor hatte der Fanclub „Braunauer Bulldogs“, die bei Auswärtsspielen ihres Fußballsklubs gerne den Schlachtgesang „Wir sind die Jungs aus der Hitlerstadt!“ anstimmen, auf die vereinseigene Homepage ein Foto gestellt, auf dem die Bulldogs mit ihrem Transparent und dem Hitlergruß vor dem Eingang des KZ Mauthausen posierten. 2009 tauchte bei einem Regionalligaspiel des Grazer Athletiksport Klub (GAK) im Fansektor eine Nazifahne auf, auf der ein weißer Kreis auf rotem Grund mit schwarzem Keltenkreuz in der Mitte zu sehen ist und die in Deutschland auch verboten ist.
Dass Antisemitismus, sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch im Sport, nicht auf real existierende Juden und Jüdinnen angewiesen ist, zeigt sich beispielsweise in den Auseinandersetzungen der beiden österreichischen Fußballklubs Austria und Rapid. Da sich ersterer, historisch gesehen, aus bürgerlichen und jüdischen Gesellschaftsschichten zusammensetzte, sehen sich Rapid-Fans trotz der Tatsache, dass es in Österreich kaum noch SpitzensportlerInnen jüdischer Herkunft gibt und sich die beiden Klubs in Bezug auf Spielerreservoir, Publikum und politisches Umfeld kaum voneinander unterscheiden, veranlasst, mit Parolen wie „Haut’s die Juden eini’!“ gegen die Austria anzutreten. Im August 2004 war auf einer Tribüne des Heimstadions der Austria Wien der antisemitische Schriftzug „Franz Strohsack-Synagoge“ zu lesen, in Anspielung auf den Besitzer des Magna-Konzerns und ehemaligen Präsidenten der Austria, Frank Stronach. Auch in den Reihen der Fans des Linzer Athletik-Sport-Klub (LASK) waren 2007 sowohl ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“ zu sehen als auch Sprechchöre „Ihr seid nur ein – Judenverein“ und bei einem Bundesligaauswärtsspiel 2009 gegen die Austria im Horr-Stadion Parolen wie „Juden Wien, Juden Wien“ zu hören. Dieses Phänomen, judenfeindliche, antisemitische Ausdrucksformen gegen den jeweiligen spielerischen Gegner zu gebrauchen, setzt sich im österreichischen Fußball nicht nur am Beispiel des Fußballklubs Austria fort, sondern zielt durch die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Konnotationen auf die prinzipielle Abwertung der feindlichen Mannschaft oder der Schiedsrichter ab. Der Antisemitismus ist also auch als ein System von Welterklärungsmustern zu verstehen, in welchem Juden und Jüdinnen zur Projektionsfläche der eigenen Paranoia dienen. Indem Juden und Jüdinnen allgegenwärtig gesichtet werden, bietet ihr Feindbild zugleich die Erklärung für soziale Missstände, Wünsche und Probleme. So zeigt sich an diesem Beispiel also auch im Fußball die tiefgehende gesellschaftliche Verankerung der Ablehnung und Abwertung von allem als „jüdisch“ geltendem bzw. all jenem, was sich als „jüdisch“ instrumentalisieren lässt.

Gleichzeitig hat aber auch die Wiener Austria selbst seit einiger Zeit ein massives „Neonaziproblem“, wie es sooft in der Berichtserstattung über Entgleisungen der Austria Fans heißt und wie, wenn auch etwas spät und zögerlich, auch vom Verein erkannt wurde. Insbesondere der rechtsextreme Fanclub „Unsterblich“ fungiert seit einigen Jahren als Sammelbecken für Neonazis, die aufgrund ihrer antisemitischen, rassistischen und faschistischen Agitationen immer wieder für Aussehen gesorgt haben. So sollen nicht nur Sprüche wie „Rassist, Faschist, Hooligan“ oder „Zick-zack Zigeunerpack“ zu ihrem Standardrepertoire gehören, bei einem Europaleaguespiel gegen die baskische Mannschaft Athletic Bilbao waren darüber hinaus neben einer Reichskriegsfahne auch Transparente mit dem Spruch „Viva Franco“ zu sehen. Aber auch auf politischen Kundgebungen der FPÖ oder bei Angriffen auf AntifaschistInnen sind „Unsterblich“-Fans zunehmen anzutreffen. Bereits zuvor war der Austria Fanclub „Bull Dogs“, die selbst das Keltenkreuz in ihrem Logo haben, durch einschlägige Fanartikel in Reichskriegsfarben aufgefallen.

Trotz dieser zahlreichen und denn noch ausschnitthaften Beispiele wurde und wird Antisemitismus kaum als Problem der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Gerade auch weil Antisemitismus im Fußball nicht immer so deutlich auftritt wie bei den beschriebenen Agitationen, aber dennoch latent vorhanden und tief verankert ist, ist die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von besonderer Wichtigkeit. So verwundert es nicht, dass auch die Medienberichterstattung oftmals antisemitische Züge aufweist. Auch hierfür lässt sich ein Beispiel finden: Das Länderspiel zwischen Österreich und Israel am 7. Oktober 2001, das in Israel stattfinden sollte. Die Frage, warum das Spiel angesichts der Gefahr eines möglichen Terroranschlags nicht an einem anderen Ort ausgetragen würde, beantwortete der Fußballkolumnist der Tageszeitung Kurier, Wolfgang Winheim, mit der „Geldgier“ der Israelis.

Judith Goetz*

*Literaturwissenschafterin und Politikwissenschafterin. Seit 2001 zahlreiche Auslandsaufenthalte und soziale Tätigkeiten vor allem in Lateinamerika (Guatemala, Nicaragua, Argentinien, Venezuela), Mitglied der Redaktion Context XXI, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen.

(1) Bromberger, Christian, in Horak, Roman/ Reiter Wolfgang Horak, Roman: „So werden wir nicht Meister …“. ’soccer hooliganism‘ in Austria revisited; Expertise I im Rahmen des ‚Cross National Survey on the Changing Nature, Causes and Long Term Policies Regarding Spectator Violence and Football‘ des Europarates ; eine Studie der Projektgruppe „Fußballgewalt in Österreich“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz. Wien 1991, S. 23
(2) Adorno, Theodor W.: Das Reich der Unfreiheit und der Sport, in: Sportphilosophie, Leipzig 1997, S 43
(3) Michael John: Kriege im Stadion. Bemerkungen zu Fußball und Nationalismus; in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports; Göttingen 1992, S. 257-268., hier S. 257

(4) Das Transparent wurde von den Ultras selbst abgenommen und auch darüber hinaus beteiligt sich Rapid seit einigen Jahren an antirassistischen Kampagnen. Eine einheitliche Linie der Fans sowie auch der Ultras ist jedoch nicht zu erkennen, weshalb ihr Engagement auch immer wieder kritisiert wurde

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In memoriam Ceija Stojka

Heribert Schiedel: Laudatio anlässlich der Verleihung der Professorinnenwürde an Ceija Stojka durch BM Dr. Claudia Schmied am 16. 10. 2009.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin, liebe Familie Stojka, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Ceija!

„Das gehört nicht mir, das gehört den Zigeunern!“ hast Du vor ein paar Tagen entgegnet, als man Dir zur Verleihung des Professorinnentitels gratulieren wollte. Wer Dich kennt, weiß, dass hier vieles am Werk war – nur nicht Koketterie. Und dass es daher nicht leicht ist, eine Lob- und Dankrede auf Dich zu halten.

Wenn Du, liebe Ceija, auch jetzt eine Professorin bist – eine Lehrerin bist Du mir seit ich in den späten 1980ern die ersten Zeilen von Dir gelesen habe. Fast zehn Jahre darf ich nun schon mit Dir an Schulen gehen und gemeinsam mit Dir versuchen, Jugendlichen eine Vorstellung vom unsäglichen Grauen zu vermitteln. Hunderten, ja Tausenden Schülerinnen und Schülern hast Du mittlerweile vom Erlittenen erzählt. Öffentlich über Auschwitz und all die verlorenen Geliebten zu sprechen, hast Du einmal mit Gewalt in Zusammenhang gebracht. Ich sehe aber, wie das aufmerksame Zuhören der Jugendlichen, Eure leidenschaftliche Interaktion, Deinen Schmerz etwas mildert. Dennoch kann Dir gar nicht genug gedankt werden dafür, dass Du Dich immer wieder diesen so belastenden Situationen aussetzt.

Auschwitz, Ravensbrück, Bergen-Belsen – die Erinnerung an die Lager verfolgt Dich in den Schlaf. Dazu kommt der anhaltende Hass, der den Überlebenden entgegenschlug und ihren Nachkommen bis heute entgegenschlägt. Denken wir etwa an jenen Burgenländer, der Dich Jahre nach der Befreiung als „dreckige Zigeunerin“ beschimpfte und schrie, dass Hitler vergessen habe, Dich zu vergasen. Es sind Erlebnisse wie diese, welche Dich fürchten lassen, dass Auschwitz nur im Tiefschlaf sei.

Auf den Überlebenskampf folgte ein retraumatisierender Kampf um Anerkennung. Gerade aus den Fängen der Nazi-Schergen befreit, stießen insbesondere Roma und Sinti über Jahrzehnte auf eine mehr oder minder brüske Zurückweisung ihrer Entschädigungsansprüche. Oftmals sprachen jene Ärzte, die zuvor über die „Rassehygiene“ der „Arier“ gewacht hatten, nun den Überlebenden jede Beeinträchtigung ab, um sie ja nicht in den Genuss von Opferrenten kommen zu lassen. Fehlende Papiere oder Einträge ins Grundbuch, eine Vorstrafe wegen Bettelei, keine Belege für geraubtes Eigentum – der Einfallsreichtum der Bürokratie war schier grenzenlos, wenn es darum ging, die Ansprüche der immer noch für „asozial“ gehaltenen „Zigeuner“ abzuwehren.

1948 hieße es in einem Schreiben des Innenministeriums an alle Bundespolizeibehörden, dass sich „Zigeuner“ in betrügerischer Absicht als KZler ausgeben würden und „das Zigeunerunwesen in einigen Gegenden des Bundesgebietes wieder im Zunehmen begriffen“ sei. Offen wurde schon wieder die „Außerlandschaffung“ angedacht.

Du wurdest unmittelbar mit solcher Geisteshaltung konfrontiert: Denken wir etwa an jenen Beamten, der Dich so behandelte, wie er’s als Übermensch gewohnt war. Aber nun ernten solche Leute weniger Deine Angst als Deinen Stolz: „Ich dachte so vor mich hin: ‚Mein Gott, ist dieser Mensch arm, arm in seinem eigenen verbissenen Leben’.“

Auch den österreichischen Umgang mit dem Nationalsozialismus musstet ihr am eigenen Leib erfahren: Die von geflohenen Nazis zurückgelassene und euch zugewiesene Wohnung wurde nach wenigen Wochen euch wieder genommen und an die vormaligen Besitzer zurückgegeben. Es waren, wie Du sie immer nennst, „entnazifizierte“ – also von jeder Schuld freigesprochene – Nazis, die nach Wien zurückkehrten, nachdem sie bemerkt hatten, dass ihnen keine Gefahr drohte, ihre Verbrechen weitgehend ungesühnt bleiben würden, das Geraubte behalten werden könne.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Vehemenz, mit welcher über Jahrzehnte die Opferthese vertreten wurde und der übergroßen Schuld, die Österreicherinnen und Österreicher auf sich geladen haben. Wie viele andere Zeuginnen und Zeugen der Vernichtung erzählst auch Du oft, dass die SS-Männer und -Frauen aus der „Ostmark“ die anderen an Hass und sadistischer Grausamkeit noch übertrafen.

In der Erklärung der Provisorischen Regierung vom 27. April 1945 wurden die zu opportunistischen Mitläufern erklärten Nazis zur Rückkehr in die „Gemeinschaft des Volkes“ eingeladen. Wie wenig Platz auch in dieser Gemeinschaft für die wenigen Überlebenden bestand, musstet ihr früh erfahren: „Um uns hat sich überhaupt niemand gekümmert, was sollen sie sich auch kümmern? Es heißt ja, sie sind selbst besetzt worden, 1938 sind die Deutschen eingereist und haben alles kaputt gemacht. Also was hat das Ganze mit den Österreichern zu tun? Gar nichts. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären drinnen geblieben in Auschwitz, dann hätten sie keine Schwierigkeiten.“

Wir wollen aber heute auch von den Gerechten reden. Wer Deine Erzählungen kennt, weiß von den Nicht-„Zigeunerinnen“, die wie Frau Brösel oder das Ehepaar Sprach geholfen haben. Erinnert sei heute auch an diejenigen, die Widerstand leisteten und die noch im Lager Menschen retteten. Du machst etwa Frau Riha, eine politische Gefangene in Ravensbrück, für Dein Überleben mitverantwortlich.

Aber nur die Schicksalsgemeinschaft mit den Jüdinnen und Juden überdauerte die Befreiung. Nur diese gaben Dir auch danach das Gefühl der Verbundenheit und Nähe, während Du Dich bei den „Politischen“ lange nicht willkommen fühltest. Als Mitarbeiter einer Institution, die von politischen Gegnerinnen und Gegnern des Nationalsozialismus gegründet wurde, beschämt es mich jedes Mal, wenn Du Deine Kränkung darüber artikulierst.

Liebe Ceija, Du wirst zu Recht für ein neues Selbstbewusstsein der österreichischen Roma mitverantwortlich gemacht. Als eine der Ersten gingst Du Ende der 1980er Jahre mit Deinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit, wagtest Du den Schritt aus dem Verborgenen.

Gleichzeitig versperrst Du Dich allen Idealisierungsversuchen des „lustigen Zigeunerlebens“, wenn Du von der Scham schreibst, mit welcher das Hausieren belegt war. Wenn Du immer wieder betonst, wie sehr sich Dein Vater und mit ihm die ganze Familie nach einem festen Dach übern Kopf gesehnt haben. Aber jene, die ihre verpönten Freiheitswünsche auf die Roma projizieren, nehmen euren Alltag nicht war. Sie verklären ihn. Sie lieben nicht dich, sondern ein Klischee. Das gilt etwa für jene Frau mittleren Alters, die dich einmal beim Mittagessen erkannte und sogleich fragte, ob Du auch Karten legen oder gar aus der Hand lesen kannst…

Dass Du heute diese verdiente Würdigung erfährst, zeigt uns aber auch, dass sich in diesem Land etwas verändert hat. Du hast mit Deinen von Karin Berger herausgegebenen Büchern, mit den Filmen und den unzähligen Vorträgen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Heute liegt es an uns, zumindest zu verhindern, dass Österreich wieder wird, was es war. Jeder Ruck nach rechts, jedes Hakenkreuz an der Wand bedeutet ein mehr an Angst – nicht nur für Dich.

Ja, wir wissen von Deiner Angst, dass wieder Züge in Vernichtungslager rollen, Deiner Angst vor Neonazis und rechten Hetzkampagnen a la „Daham statt Islam!“, deiner Angst um die Kinder, Enkel und Urenkel. Im „Friedensprojekt EU“ werden Roma und Sinti nicht nur diskriminiert – es wird wieder Jagd auf sie gemacht. Hinter den Bildern der brennenden Romahäuser in Italien und Ungarn schimmern am Horizont die Öfen von Auschwitz.

Immer wieder bittest Du am Ende Deiner Besuche die Schülerinnen und Schüler Dich, deine Familie, die Sinti und Roma, ja alle Schwachen und schwach Gemachten zu schützen. Nur dieser Schutz nehme Dir ein wenig von Deiner unsäglichen Angst. Seit ich mich zu jenen zählen darf, die Du als Deinen Schutzmantel bezeichnest, frage ich mich täglich, ob ich wirklich genug mache, um dieser Verantwortung auch gerecht zu werden.

Wie unerträglich ist der Gedanke: Für die sich ruhig verhaltenden „Arier“ hat sich nicht viel verändert. Demgegenüber steht euer Erleben: „Immer wieder verglichen wir die Zeit vor den Nazis mit der danach. Immer wieder sahen wir, wie viele Menschen uns weggenommen worden sind, wie leer wir waren.“

Nach 1945 wuchs die Fremdheit der „Zigeuner“ noch: Ihr musstet nun unter Menschen leben, die vom erlittenen Grauen nichts wissen, die nicht erinnert werden wollten.

Es sind Auszeichnungen wie die heutige, die Dir hoffentlich das Gefühl der Fremdheit ein wenig nehmen, den Schmerz der Ablehnung etwas lindern. Deine Sorge um die Kinder, Enkel und Urenkel können aber wir versuchen zu mildern: mit unserem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus und für Verhältnisse, die keine Angst mehr machen – niemandem.

„Du stehst dort wie ein schwarzer Punkt“: So beschreibst Du, liebe Ceija, Dein Gefühl als Dir von den Nazis der Schulbesuch verboten wurde. Die Rassisten und Rassistinnen haben Dir verboten zu lernen – nun darfst Du den Titel Professorin tragen. Weil ich weiß, dass Du es nicht tun wirst: Lass mich bitte stellvertretend meine Genugtuung darüber ausdrücken! Die Genugtuung über den kleinen, späten Sieg, der nicht schmecken will.

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