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Das Österreich-Verständnis der Parteien nach 1945

Österreich ist das einzige europäische Land, das seit den frühen 30er Jahren zwei verschiedene Faschismen nacheinander durchlebte. Dennoch wurde es von den alliierten Siegermächten nach dem militärischen Zusammenbruch des Nationalsozialismus vertraglich als »erstes Opfer« desselben deklariert. Das stellte nach dem Krieg äußerst schwierige Anforderungen an Vergangenheitsbewältigung bzw. –Verdrängung und an die Definition einer politisch-nationalen Identität. Der Beitrag verdeutlicht dies anhand der Selbstfindungsprozesse der politischen Hauptkräfte.

Von Nicolas Bechter und Carina Klammer

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Gfreit hob i mi schon, an dem Tag, an dem wir endlich den Staatsvertrag bekommen haben. Da san ma zum Belvedere gezogn, san dagstandn, unübersehbar, lauter Österreicher, wie im Jahr 1938, eine große Familie – schon a bissel klaanere, weil’s Belvedere is ja klaaner als der Heldenplatz, und auch die Menschen waren schon reifer geworden. Und da is er herausgetretn, der Bundespoldl, hat die Arme von den beiden anderen Herrschaften gepackt und hat mutig bekannt: »Österreich ist frei!« Und wie i des ghört hob, hob i gwusst: Auch das habe ich jetzt geschafft!
(Der Herr Karl, Helmut Qualtinger)


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Die Frage, warum die Österreicher_innen das sind, was sie angeblich immer schon waren und trotzdem deutsch, bildet das Spezifische der »österreichischen Seele«, die jünger ist als sie sich selbst (nicht) begreift. Nachdem die Formierung einer nationalen Identität in ihrem heutigen Sinne in Österreich erst nach 1945 erfolgte, blieb die Bewältigung bzw. die Abwehr der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Phase der nationalen Konstitution präsent. »Nationale Selbstverständnisse formieren sich immer auch in Bezug auf historische Ereignisse, die dabei häufig verformt, heroisiert oder sakralisiert werden, soll doch aus ihnen ein positiver kollektiver Selbstwert entstehen.«1 Angesichts der totalen militärischen Niederlage des Nationalsozialismus entwickelte sich das Selbstverständnis der »neuen Österreicher_innen« zunächst wieder vorrangig in Relation zu historisch vorgängigen Phasen und Epochen. Zudem kompensierten Referenzen auf die ehemalige Großmacht der Habsburger die narzisstische Kränkung, von der der Nationalismus des nunmehr kleinen Staates gekennzeichnet war. Andere wichen auf die Hochkultur (wie Mozart oder Nestroy) aus oder wenn sonst gar nichts blieb auf Landschaft und Kulinarik. Historische Narrative werden jedoch nicht nur verformt, sondern stehen auch oft in Konkurrenz zueinander, weshalb für die Konstruktion einer gemeinsamen nationalen Identität die Etablierung eines hegemonialen Narrativs vorausgesetzt werden können muss.2

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..-Der Opfer-Mythos als konstitutives Moment nach 1945

                   »Die Sonne scheint auf alle gleich, warum nicht auch auf Österreich?«3

Anders als nach dem Ersten Weltkrieg setzten die »demokratischen Parteien« – so die Eigenbezeichnung der Gründungsparteien der Zweiten Republik: SPÖ, ÖVP und KPÖ – auf Zusammenarbeit. Sowohl die Opfer als auch die Täter_innen der NS-Greueltaten, manche unter ihnen wieder Tür an Tür lebend, sollten nunmehr wieder zu einem Kollektiv werden. Die damit einhergehenden Gründungsmythen der Zweiten Republik setzten somit nicht nur auf ein Ausblenden der Geschichte, sondern forcierten ein hegemoniales Geschichts-Narrativ, welches eine »Versöhnung« der Nation gewährleisten sollte.4 Diese ging mit einer öffentlichen Tabuisierung antisemitischer Äußerungen, aber auch mit einer speziellen Nachkriegsvariante des Antisemitismus einher, sodass der Antisemitismus konstitutiv mit der österreichischen Identität verbunden blieb5. In der bundesdeutschen Debatte werden Phänomene des »sekundären Antisemitismus« insbesondere mit einer Störung nationaler Kontinuität durch die Shoah argumentativ begründet. Für Österreich kann zwar kaum von einer Störung nationaler Kontinuität gesprochen werden, dennoch ist ein ähnliches »Bedürfnis nach nationaler Identität und einer Schlussstrich ziehenden Normalität«6 zu konstatieren. Im Unterschied zu Deutschland übernahm jedoch die Etablierung der Opferthese7 als breitenwirksames Identifikationsangebot zur österreichischen Nation eine tragende Rolle.

Ein weiterer Aspekt der Opferthese ist die Ausweitung der Zeit der Entbehrungen und des Entzugs der nationalen Souveränität bis zum Staatsvertrag 1955. Die Zeit zwischen dem so genannten Anschluss an das Dritte Reich 1938 bis zu dessen Kapitulation 1945 ist in dieser Interpretation lediglich die erste Phase der Fremdbestimmung, auf die dann zehn Jahre Besatzungszeit durch die Alliierten folgten. Kanzler Leopold Figl erklärte bekanntlich 1955 medienwirksam: »Österreich ist frei«.

:::Österreichideologie(n) der Parteien

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Noch in der Ersten Republik hatten alle Parteien Probleme mit der Idee einer österreichischen Nation, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Im Folgenden werden die Positionen der österreichischen Parteien, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten im Parlament vertreten waren, zur Frage der österreichischen Nation nachgezeichnet. Um Kontinuitäten und Brüche zu benennen, werden zudem deren historische Vorgängerorganisationen sowie die Phase des Austrofaschismus berücksichtigt.

Christlichsoziale Partei Österreichs und Österreichische Volkspartei (ÖVP)

Nach dem Untergang der Habsburger-Monarchie entwickelte der legitimistische Rand der Christlichsozialen ein Österreich-Bewusstsein, das vor allem gegen Republik, Demokratie, Marxismus, Liberalismus und für eine Österreich-Mission sowie für die »Errichtung eines künftigen neuen ›Heiligen Reiches‹ in ›organischer‹, ›ständischer‹ Gliederung“8 eintrat. Dies sollte in Form einer Donauföderation passieren, also nicht in Form eines österreichischen Nationalstaates.

Die Abwehr des Liberalismus und seiner Bedrohung für das Ständesystem verankerte antisemitisches Gedankengut in seiner (anti-)modernen Form auch im (Klein-)Bürgertum, welches sich im Rahmen der christlich-sozialen Lehre aber auch weiterhin aus religiösen Motiven speiste. So wurden in Österreich noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts Schriften herausgegeben, die von dem sich durchsetzenden rassischen Antisemitismus wenig beeinflusst waren. Einer der maßgeblichen ideologischen »Altväter« der christlich-sozialen Lehre, Karl von Vogelsang, der ab 1859 in Wien lebte, widmete sich der Rechristianisierung gegen die »Verjudung« der Gesellschaft und beeinflusste auch den späteren Gründer der Christlichsozialen Partei Karl Lueger.9 Nicht zufällig konnte Lueger zu einer Zeit viele Stimmen von antiklerikalen Antisemit_innen für sein Lager gewinnen, als sich die Führungsfigur der Deutschnationalen Bewegung, Georg von Schönerer, im Gefängnis befand. 1932 entstand unter Mithilfe zahlreicher katholischer und völkischer Verbindungen ein Programm zur ständischen und völkischen Ausrichtung der Christlichsozialen Partei, deren Eckpunkte deutliche Anschlussstellen an faschistische Ideologien bieten. In einem Partei-Kommentar wird die christlichsoziale Partei 1932 als »Partei der christlichen Deutschen Österreichs«10 bezeichnet, die sich »rückhaltlos zum Gesamtdeutschtum bekennt.«11 Bei der nationalen Frage wird der Spagat zwischen Gesamtdeutschtum und österreichischem Sonderweg deutlich. Österreich sollte eine führende Rolle übernehmen und die südöstlichen Völker in den Bereich deutscher Kultur führen. Die Nationalstaatsidee des Westens sei »sinnlos und unanwendbar«12. »Die staatliche Eigenständigkeit Österreichs musste mit der gesamtdeutschen Reichsideologie versöhnt werden«13. Durch die Verschlechterungen der Beziehungen zu Deutschland (1000-Mark-Sperre14, NSDAP-Untergrundaktivitäten, etc.) wurde die Reichsidee zunehmend österreichbezogener und Österreichs Rolle im Südosten Europas wurde verstärkt angesprochen. Dem Habsburger-Reich15 wurde eine spezielle Rolle zugeschrieben, da die Habsburger-Dynastie die Reichsidee zur Menschheitsidee universalisiert hatte. Trotz dieser universalistischen Rhetorik war die Österreich-Ideologie zutiefst chauvinistisch und ausschließend. Die Bezeichnung als »deutscher Bundesstaat« hatte immer auch eine antislawische und antisemitische Komponente.16 Vor allem ab der Regierungszeit Dollfuß‘, der 1932 zum Bundeskanzler gewählt wurde, war davon die Rede, dass nicht die Quantität oder die Körperlichkeit entscheidend sei, sondern die Idee bzw. die gestaltende Seele. Daraus entwickelte Dollfuß ein österreichisches Sendungsbewusstsein, das Mitteleuropa rekatholisieren und auch den Nationalsozialismus bekämpfen sollte. Allerdings sah auch die Vaterländische Front, die 1933 als Nachfolgeorganisation der Christlichsozialen Partei mit dem Anspruch, alle Österreicher_innen zu vertreten gegründet wurde, Österreich nicht als Nation im westlichen Sinne, sondern als Stamm, deren entscheidendes Merkmal die Kulturzugehörigkeit sei. Da Begriffe wie »Rasse« oder »rassisch« auf Grund der Verwendung durch den Nationalsozialismus für die Vaterländische Front nicht in Frage kamen, wurden andere Begrifflichkeiten gefunden, wie zum Beispiel: Volkstum, leibliche Abstammung, natürliche Faktoren, Grenzlinge, Fremdlinge, orientalische Herkunft, Sitte, Brauchtum, etc.17 Im Rahmen des Ständestaates nach Auflösung des Parlamentes (März 1933) fungierte die Österreich-Ideologie vorrangig als Defensivstrategie gegen einen deutschen Anschluss. Sie wurde jedoch nicht zu einer massentauglichen Österreichidentität ausgebaut.

Die ÖVP gründete sich 1945 als »nationale Integrationspartei«18 auch in Abgrenzung zu der eigenen Vorgängerin, der Christlichsozialen Partei. Dies betraf vor allem das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie, den Verzicht auf religiöse Bindung sowie das Bekenntnis zur österreichischen Nation.19 Nichtsdestotrotz waren die Kontinuitäten unübersehbar: Das Führungspersonal war dasselbe, die Wählergruppe und die Ideologie der Partei blieben gleich, die Verbindung zur katholischen Kirche wurde zwar gelockert, blieb aber bestehen. In programmatischen Schriften verwies die ÖVP auf den österreichischen Sonderweg, der bereits mit dem Privilegium minus im Jahr 1156 begann (einer Urkunde, die Österreich als ein von Bayern unabhängiges Herzogtum konstituierte) und den österreichischen Nationalcharakter durch das Heilige Römische Reich hindurch bewahrte.20 Ohne auf die Österreich-Konzeptionen des Austrofaschismus einzugehen, wurde die ÖVP als einzige österreichische Partei dargestellt, da die Großdeutschen ihre Ideen aus Berlin bekämen, die Sozialdemokratie und die Kommunisten aus Moskau. In organisch-romantischer Verklärung gilt das österreichische Volkstum als der Boden, auf dem das Gedankengut der Volkspartei fußt.21

Sozialdemokratische Arbeiterpartei und Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ)22

Zentral für die sozialdemokratische Linie in Bezug auf Österreich war der wichtigste Theoretiker des Austromarxismus, Otto Bauer. Dieser propagierte seit dem Ende der Habsburgermonarchie die Idee der gesamtdeutschen Revolution und sah »den Kampf um den Sozialismus hierzulande zunächst […] als einen Kampf um den Anschluss an Deutschland.«23 Als Außenminister (1919) verfolgte Bauer dann auch aktiv den Anschluss an Deutschland, scheiterte aber und trat von seinem Posten zurück.24 Die SDAP strich zwar 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, den Anschluss-Paragraphen aus dem Parteiprogramm, Bauer sah aber den Anschluss Österreichs 1938 dennoch als wichtige Vorbedingung einer sozialistischen Revolution25 in den deutschen Ländern. Bauer argumentierte einerseits positiv marxistisch (etwa, dass die Entwicklung der Produktionsmittel keinen Kleinstaat zuließe), andererseits negativ, indem es für ihn undenkbar blieb, dass eine proletarische Partei jetzt als »Bundesgenosse derselben reaktionären Kräfte aufschiene, die ihn im Februar 1934 blutig niedergeworfen und vier Jahre gewaltsam unterdrückt haben«26.

Dementsprechend blieb die exilierte sozialdemokratische Führung lange der Anschlussidee verpflichtet. Es wurde 1939 allen Auslandsvertretern untersagt, für die Wiederherstellung eines unabhängigen Österreich einzutreten.27 Die »Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten« (AVOES), die sich rund um Otto Bauer, Joseph Buttinger und Friedrich Adler gründete, ließ noch 1940 verlautbaren:

Die österreichischen Sozialisten können den Nationalsozialismus nur dann wirksam bekämpfen, wenn sie ihre sozialistischen Überzeugungen nicht in eine vage, nebelhafte Österreich-Propaganda einhüllen müssen, sondern an die sozialistische Tradition der österreichischen Arbeitermassen anknüpfen können.28

Allein die schwedische Exil-Gruppe um Bruno Kreisky, beeinflusst von der dortigen gemeinsamen Dachorganisation mit den Kommunisten und den guten Kontakten zu alliierten Diplomaten, verfolgte eine Politik der Wiederherstellung Österreichs.29

Erst die Moskauer Deklaration30 machte einen Kurswechsel der Exil-Sozialdemokratie notwendig.31 In der Formel von der »Zweiten Republik« wurde Österreich als »sozialistisches Österreich in einem sozialistischen Europa interpretiert.«32 Rund um die Anschluss-Frage entwickelte sich eine Bruchlinie innerhalb der Sozialdemokratie zwischen den Exil-Gruppen und den Widerstandsgruppen in Österreich. Letztere wandten sich bereits ab 1941 von der Idee der gesamtdeutschen Revolution ab.33 Langsam zeichnete sich ein Wechsel der innerparteilichen Führung von exilierten Vertretern des Austromarxismus, zu den »Führern der früheren innerparteilichen Opposition, Karl Renner, Adolf Schärf, Oskar Helmer und Theodor Körner«34 ab, die eine Zusammenarbeit im Angesicht des gemeinsam erlebten Leides anstrebten.35 Dies bedeutete also eine Zusammenarbeit mit zwei ehemaligen Feinden: mit der ÖVP, der Nachfolgepartei der Christlichsozialen und der Vaterländischen Front, als auch mit der KPÖ. Allmählich setzte sich aber ein immer stärker werdender Antikommunismus innerhalb der SPÖ durch36, der 1949 im Parteiausschluss des ehemaligen Zentralsekretärs Erwin Scharf, der eine stärkere Zusammenarbeit mit der KPÖ vehement befürwortete, gipfelte.37


Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ)

Die KPÖ entwickelte bereits sehr früh eine theoretische Österreich-Ideologie und versuchte, diese in der politischen Praxis umzusetzen.38 Als theoretischer Begründer dieser Österreich-Ideologie gilt Alfred Klahr. Klahr formulierte seine Thesen zur österreichischen Nation in zwei Texten, die 1937 in Weg und Ziel, der Theorie-Zeitschrift der KPÖ, unter Pseudonym erschienen. Auf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass sich gerade die KPÖ so früh eindeutig für einen österreichischen Staat einsetzte. Allerdings vollzog die Kommunistische Internationale mit dem VII. Weltkongress 1935 eine Wende und orientierte sich an breiten Allianzen, so genannten demokratischen Volksfronten, in die auch nicht-faschistische Parteien des Bürgertums und die religiöse Landbevölkerung eingebunden werden sollten.39 Im Rahmen dieser Strategie sollte Österreich als Bollwerk gegen das nationalsozialistische Deutschland in Stellung gebracht werden.

Klahr bezog sich in seinem Text auf Stalins Überlegungen zur Nation aus dem Jahr 1912, Marxismus und Nationale Frage, in denen dieser vier Merkmale für eine Nation definierte40: die Gemeinschaft der Sprache, die Gemeinschaft des Territoriums, die Gemeinschaft des Wirtschaftslebens sowie die Gemeinschaft der Geistesart, des nationalen Charakters.

Anhand dieser „objektiven“ Merkmale kam Klahr zu dem Schluss, dass Österreich als eigene Nation zu verstehen, dieser Prozess aber noch nicht abgeschlossen sei. Daraus ergab sich ein politischer Auftrag für die KPÖ: Stärkung des Österreich-Bewusstseins innerhalb der Bevölkerung, um ein antifaschistisches Bollwerk gegen Deutschland zu erzeugen.41 Durch diese klare Linie kann auch »von einer einheitlichen Linie der Österreich-Politik der KPÖ in der Emigration«42 gesprochen werden.

Verband der Unabhängigen (VdU) bwz. Wahlpartei (WdU) und Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)

Die FPÖ ging in den Jahren 1955/56 aus dem Verband der Unabhängigen (VdU) hervor, die als Sammelbecken alter Nationalsozialisten, Deutschnationaler, bis hin zu wenigen Liberalen galt.43 Die Gründung der FPÖ wurde von Beginn an dem »dritten Lager« zugerechnet, jener deutschnationalen und nationalliberalen Traditionslinie, die maßgeblich von akademischen Verbindungen und Burschenschaften mitgetragen wurde. Gleichzeitig hatte das Gros der FPÖ-Politiker der ersten Zeit – wie bspw. der erste Parteiobmann Anton Reinthaller – eine NS-Vergangenheit aufzuweisen, von denen sich nur wenige eindeutig vom Nationalsozialismus distanzierten. Ab dem Jahr 1960 jedoch sollte die FPÖ aus der (politischen) Isolation geführt und für die bürgerliche Mitte geöffnet werden. Zwar stand auch 1958 die Wahl des ehemaligen Waffen-SS-Manns Friedrich Peter zum Parteiobmann in einer deutsch-nationalen Kontinuitätslinie, jedoch bemühte sich Peter um eine liberalere Darstellung der Partei: »Nationale und Liberale [haben] in der FPÖ gemeinsam Platz«44. Dies manifestierte sich 1964 im Salzburger Bekenntnis, in dem sich auch zur »deutsche[n] Volks- und Kulturgeschichte« bekannt wurde. Die FPÖ berief sich in dieser Zeit erstmals explizit auf die Tradition der 1848er Revolution, sowie zu einer pro-europäischen Haltung.

Im Zuge der Habsburg-Krise im Jahr 1963 näherte sich die SPÖ unter Franz Olah an die FPÖ an, um diese für eine kleine Koalition zu gewinnen. Wie weit rechts die FPÖ stand, verdeutlichte sich anhand der Parteiabspaltung im Jahr 1966 rund um den Südtirol-Terroristen Norbert Burger. In Anlehnung an die bundesdeutsche NPD wurde die Nationale-Demokratische Partei (NDP) gegründet.45 Ab den 1970er Jahren erfolgte eine weitere Etablierung der FPÖ, vor allem durch den Bundeskanzler Bruno Kreisky. Während sich Burschenschaften von der FPÖ abwandten, gründete sich 1971 der so genannte Atterseekreis als liberalere Ansammlung rund um Norbert Steger, Friedhelm Frischenschlager, und andere. Diesen gelang es zwar bis in die Bundesebene vorzudringen, strukturelle Änderungen der Basis blieben jedoch erfolglos, sodass bestenfalls von einer rhetorischen Zuwendung zum Liberalismus gesprochen werden kann. Auch Steger, der die »alten Keller-Nazis«46 aus der Partei entfernen wollte, und 1980 als Ablöse von Alexander Götz nur knapp Parteiobmann wurde, stand unter massiver parteiinterner Kritik, unter anderem von Jörg Haider. Die kleine Koalition mit der SPÖ 1983 war zweifelsohne der größte Erfolg des liberalen Flügels. Die Reder-Frischenschlager-Affäre47 machte bereits 1985 den tiefen innerparteilichen Graben zwischen Deutschnationalen und Liberalen deutlich, der ein Jahr später eskalieren sollte.

Mit der Wahl 1986 von Jörg Haider zum neuen Parteiobmann ging eine programmatische Wende einher. Haider leitete eine populistische Aufwärtsbewegung seiner Partei ein, die mit einer inhaltlich rechtsextremen Orientierung und der Verdrängung liberaler Elemente einherging. Die FPÖ wurde zu einer »autoritären Führerpartei«48. Ab 1991 wurde Ausländer-Hetze zum zentralen Wahlkampfthema. Haiders Karriere zeichnete sich durch eine Reihe von Repositionierungen aus, wie den Schwenk vom offenen Deutsch-Nationalismus hin zu einem aggressiven Österreich-Nationalismus. Damit einher ging auch eine Proletarisierung der Partei, die nun vor allem Männer, jüngere Menschen, Menschen ohne höhere Bildung, Arbeiter_innen und Menschen ohne intensive kirchliche oder gewerkschaftliche Bindung ansprach. Der größte Durchbruch Haiders, die Regierungsbeteiligung im Jahr 2000, führte jedoch letztendlich auch zur Parteispaltung im Jahr 2005. Unter dem neuen Parteiobmann Heinz-Christian Strache wurde nicht nur der Einfluss der Burschenschaften innerhalb der FPÖ gestärkt und sich wieder offenkundig zur »deutschen Volksgemeinschaft« bekannt, sondern auch der Österreich-Nationalismus angesichts des Bekenntnisses zur »christlich-abendländischen Kultureinheit« auf die Höhe der Zeit gebracht, wobei das »christliche Erbe« vornehmlich gegen (muslimische) Migrant_innen und zumindest implizit gegen Jüdinnen und Juden in Stellung gebracht wird.49 Das Spannungsverhältnis zwischen Österreich-Bekenntnis und deutschnationaler Ideologie prägt die FPÖ jedoch bis heute. Umgekehrt bleibt die Frage, warum in Österreich nicht von einer breitenwirksamen Distanzierung von rechtsextremen Inhalten sowie Akteur_innen gesprochen werden kann, aufs engste mit dem gesellschaftlich etablierten Österreich-Narrativ seit 1945 verbunden.

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Nicolas Bechter
ist Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. 2010–2011 war er Junior Researcher an der Hebrew University, Jerusalem. Forschungsinteressen sind Antisemitismus, Rassismus, Kunst und Gesellschaft, sowie politische Theorie.

Carina Klammer (M.A.) ist Soziologin mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusforschung und Mitglied von FIPU (Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit).

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Beitrag erschienen in:

Wissenschaft von Rechts
BdWi / fzs / GEW / ÖH / StuRa der FSU Jena (Hg.)
Rechte Ideologie, Theorie und Netzwerke an Hochschulen
BdWi-Studienheft 9 ,Januar 2014

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1 Rainer M. Lepsius 1989: »Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des ›Großdeutschen Reiches‹«, in: Ders.: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze. Göttingen: 229–245.

2 Ruth Wodak, Gilbert Weiss 2005: »Analyzing European Union discourses. Theories and applications«, in: Ruth Wodak / Paul Chilton (eds.): A New Agenda in (Critical) Discourse Analysis. Theory, Methodology and Interdisciplinarity, Amsterdam/Philadelphia: 121–135.

3 Zitat aus 1. April 2000, einem von der österreichischen Bundesregierung in Auftrag gegebenen Film zum Thema der österreichischen Besatzung (Regie: Wolfgang Liebeneiner, 1952).

4 Auf politisch-institutioneller Ebene spielte der Mythos der Lagerstraße eine entscheidende Rolle für das Demokratie-Verständnis der Parteien. Aus dem Lagerdenken der Ersten Republik wurde so der Mythos der Lagerstraße: Während der NS-Zeit wurden sowohl Austrofaschist_innen als auch Sozialdemokrat_innen in Konzentrationslagern eingewiesen. Diese gemeinsame Erfahrung auf der »Lagerstraße« begründete die konsensuale, korporatistische Ausrichtung der Zweiten Republik.

5 Kurt Schuschnigg begründete schon den widerstandslosen Anschluss an Hitler damit, »kein deutsches Blut vergießen« zu wollen. <$!#url-a>http://www.kz-verband.at<$!#url-e&gt; 2013: Österreich im März 1938. Zugriff: 18.8.2013. Eine Äußerung, die verdeutlicht, wie wenig Jüdinnen und Juden als Teil der nationalen Gemeinschaft betrachtet wurden.

6 Samuel Salzborn 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/Main: 200.

7 Unter Opferthese wird die Vorstellung verstanden, dass Österreich das erste Opfer der Aggressionen Nazi-Deutschlands gewesen sei. Bis in die 1990er Jahre war diese Vorstellung, die auf einer einseitigen Interpretation der Moskauer Erklärung beruhte, das hegemoniale Geschichtsnarrativ zur Verwicklung Österreichs in die NS-Verbrechen. Die Gräueltaten im Zusammenhang mit der Shoah konnten so auf Deutschland geschoben und externalisiert werden.

8 Anton Staudinger 1977: ࢋ»Zur ›Österreich‹-Ideologie des Ständestaates«, in: Ludwig Jedlicka, Rudolf Neck (Hg.) 1977: Das Juliabkommen von 1936 – Protokoll des Symposions in Wien am 10. u.11.Juni 1976, Wien: 198–240.

9 Vgl. Kurt Schubert 2008: Die Geschichte des österreichischen Judentums. Wien.

10 Zit. n. Staudinger 2005: 30.

11 Ebd..

12 Ebd.: 32.

13 Ebd.: 48.

14 Die 1000-Mark-Sperre war eine Maßnahme der NS-Regierung, die deutsche Staatsbürger dazu verpflichtete, 1000 Reichsmark beim Grenzübertritt nach Österreich zu bezahlen.

15 Trotz der Habsburger-Romantik hat die Reichsidee kaum legitimistische Ziele. Eventuell sei eine kleine Rolle für die Habsburger-Dynastie zu bedenken, so ein Flugblatt der Vaterländischen Front. Schuschnigg soll den Monarchismus nur als letzte Karte gegen den Nationalsozialismus gesehen haben (vgl. Staudinger 1985: 41).

16 Ebd.: 43f.

17 Ebd.: 46.

18 Robert Kriechbaumer 1985: Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahr 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik Wien:. 273.

19 Wolfgang C. Müller 1997: »Die österreichische Volkspartei«, in: Herbert Dachs et al.: Handbuch des politischen Systems Österreichs, Wien: 265.

20 Alfred Kasamas 1947: Wir wollen Österreich. Die Grundsätze und Ziele der österreichischen Volkspartei, Wien: 27.

21 Ebd.: 17.

22 Bis zu ihrem Verbot 1934 war die heutige SPÖ als Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) bekannt. 1945 gründete sie sich als Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) neu. 1991 unter Kanzler und SPÖ-Chef Franz Vranitzky wurde die Partei in Sozialdemokratische Partei Österreichs umbenannt.

23 Bauer, zit. n. Kriechbaumer 1985: 235.

24 Kriechbaumer 1985: 285; Hanns Haas 1978: »Otto Bauer und der Anschluss 1918/1919«, in: Helmut Konrad: Sozialdemokratie und »Anschluss«. Historische Wurzeln, Anschluss 1918 und 1938, Nachwirkungen, Wien/München/Zürich: 36–38.

25 Kriechbaumer 1985: 240.

26 Bauer, zit. n. Kriechbaumer 1985: 252.

27 Ebd.: 253.

28 Ebd.: 256.

29 Helene Maimann 1978: »Der März 1938 als Wendepunkt im sozialdemokratischen Anschlußdenken«, in: Helmut Konrad 1978: Sozialdemokratie und „Anschluss“. Historische Wurzeln, Anschluss 1918 und 1938, Nachwirkungen, Wien/München/Zürich: 65f.

30 Stephan Verosta 1947: Die internationale Stellung Österreichs. Eine Sammlung von Erklärungen und Verträgen aus den Jahren 1938–1947, Wien: 52ff.

31 Maimann 1978: 67.

32 Kriechbaumer 1985: 259.

33 Ebd.: 268; Adolf Schärf 1955: Österreichs Erneuerung 1945–955. Das erste Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien: 191.

34 Kriechbaumer 1985, 269.

35 Norbert Leser 1988: Das Salz der Gesellschaft. Wesen und Wandel der österreichischen Gesellschaft, Wien: 17f.

36 Ebd.: 61.

37 Kriechbaumer 1985: 273; Das Rote Wien. Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie. Eintrag: »Scharf, Erwin«. <$!#url-a>http://www.dasrotewien.at/scharf-erwin.html<$!#url-e&gt;, Zugriff: 5.8.2012.

38 Kriechbaumer 1985: 260.

39 Kriechbaumer 1985: 245; Walter Baier 2009: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918–2008, Wien: 84f.

40 Alfred Klahr 1994: Zur österreichischen Nation, Wien: 15.

41 Vgl. Baier 2009: 85.

42 Kriechbaumer 1985: 262.

43 Vgl. Brigitte Bailer, Wolfgang Neugebauer 1994: »Die FPÖ: Vom Liberalismus zum Rechtsextremismus« in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, Aktualisierte Auflage, Wien: 357–495.

44 Frischenschlager, zit. nach Bailer, Neugebauer 1994: 360.

45 Die NDP wurde 1988 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz aufgelöst.

46 Ebd.: 366.

47 Der SS-Offizier Walter Reder, verantwortlich für das Massaker im italienischen Marzabotto (September 1944), wurde 1985 aus italienischer Kriegsverbrecherhaft entlassen und am Einreisebahnhof vom FPÖ-Verteidigungsminister Frischenschlager mit demonstrativem Handschlag empfangen.

48 Ebd.: 377.

49 Carina Klammer 2013: Imaginationen des Untergangs. Zur Konstruktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identitätspolitik der FPÖ, Berlin et al..

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Härte und Habitus

Die Journalistin Kerstin Kellermann interviewte im Mai und im August 2013 Andreas Peham für die Zeitschrift Augustin. Das jüngste Gespräch behandelt die Opferstilisierungen von Kindern und Enkeln von NS-TäterInnen. Davor wurden Abwertung und Vernichtungswünsche von Rechtsextremen auf Obdachlose und „sozial Schwache“ thematisiert. Beide Interviews können nun auch hier nachgelesen werden.

„Was mich nicht umbringt, macht mich härter“

Haider fühlte sich als Nachkomme von Erniedrigten. Warum distanzierten sich die Kinder oder Enkel von österreichischen NationalsozialistInnen so schwer von ihren Eltern? Warum wollten sich die Politiker Jörg Haider und Heinz Christian Strache als Opfer fühlen, anstatt eigene Ambivalenzen zu thematisieren? Andreas Peham, Rechtsextremismus-Experte des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, spricht über verdrehte Opfer-Geschichten. 

In Deutschland protestierten die Söhne und Töchter von Nationalsozialisten gegen ihre Eltern. Warum nicht in Österreich?

Es gibt ein Buch von Claudia Brunner, der Nichte oder Großnichte von Alois Brunner, einem wichtigen NS-Täter. Der Historiker Gerhard Botz arbeitete zu seinem Vater auf dem Balkan, aber erst, als er selber schon emeritiert war. Peter Sichrovsky schrieb schon in den 80er Jahren das Buch „Schuldig geboren“. Er stammt aus einer linken, jüdischen Familie und versuchte, Jörg Haider von seinem Nazi-Vater weg zu bringen. Sichrovsky, der sich zwischen 1994 und 2002 an führender Stelle in der FPÖ engagierte, ist nach Knittelfeld wieder aus der FPÖ ausgetreten. Er sagt später, er ist gescheitert. Jörg Haider hat ihn wie einen Ersatzvater behandelt. Robert Haider, Jörgs echter Vater, war ein illegaler Nazi. Als der „Fall Kampl“ öffentlich diskutiert wurde, sprach Haider über dieses Dilemma: Sigi Kampl, Bürgermeister von Gurk, ein Kärntner, auch in der FPÖ und ebenfalls das Kind von Nazis, beschwerte sich über die brutale Nazi-Verfolgung und denkt dabei natürlich an seine eigene Familie. Haider sagte dann in Reaktion darauf, und das war einer der wenigen ehrlichen Momente in einem Interview: „Sie wissen gar nicht, was es heißt, als Kind von Nazis aufzuwachsen.“

Waren Jörg Haiders Eltern beide Nationalsozialisten?

Ja, auch seine Mutter Dorothea Haider war es. Der Psychotherapeut Klaus Ottomeyer beschrieb, wie insbesondere der geschlagene Nazi-Vater seine Rache- und Revanche-Gelüste auf den Sohn überträgt, an ihn delegiert. Das Verstummen mancher Väter ist aber sicher auch eine Reaktion auf das viele „Heil Hitler“-Schreien am Heldenplatz. Haider stellte sich oft als Opfer dar. Es kann nicht stimmen, aber es ist eine bezeichnende Fantasie von ihm, nämlich dass er hätte mitansehen müssen, wie ehemalige „KZ-ler“ seine Mutter gezwungen hätten, den Boden zu schrubben. Das finde ich ganz spannend. Denn das hat es zu dem Zeitpunkt, an den er sich erinnert, nämlich in den 1950er Jahren, ganz sicher nicht gegeben. Er vermischt ein paar Sachen in diesem Bild, datiert Bilder um. Was stimmt – Stichwort Trümmerfrauen – ist, dass vor allen Dingen Frauen aus Nazi-Familien gezwungen wurden, zum Teil unter Tragen der Hakenkreuzbinden, den Schutt weg zu räumen und zu putzen. In der Fantasie nahm Haider Bilder des straßenwaschenden Juden und projizierte seine Eltern hinein. Es halten sich viele Erzählungen von marodierenden „KZ-lern“, die durch die Lande ziehen, plündern und sich quasi rächen würden. Vereinzelt gab es in Teilen Deutschlands sicherlich solche Fälle. Das betraf aber nicht die eben aus den Lagern Befreiten. Was mir dabei wichtig scheint: Die Nazieltern-Kinder fühlen sich als Nachkommen von Erniedrigten und Beschämten. Die Beschämung muss gar nicht statt gefunden haben, aber die Nachgeborenen empfinden es so. Es ist natürlich eine Erniedrigung und Enttäuschung, die ihnen weiter gegeben wurde.

Aber laut Profil-Recherchen haben sich nicht einmal die Enkel distanziert. Wie gibt’s das?

Es gibt das Buch „Opa war kein Nazi“, eine deutsche Forschungsarbeit, die leider nicht in Österreich fortgesetzt wurde. Viele gestandene Antifaschisten erzählen mir, dass ihr Opa bei der NSDAP, SS oder SA usw. war, Dann aber, und das finde ich so bezeichnend, kommt am Ende immer: „Aber Opa war kein Nazi“. Es gibt das Wissen und dann die Weigerung, dieses Wissen zuzulassen. Das nennt man Absperrung. Ein bestimmtes Wissen bleibt von der Emotion abgesperrt, und festhalten tut man sich nicht am Wissen, dass der Opa ein Nazi war, sondern am Gegenteil. Heinz Christian Strache ist ein anderes gutes Beispiel: Der Vater verlässt die Familie, als er drei Jahre alt ist. Strache hat zwei Großväter. Einer, der ein sogenannter „Vertriebener“ ist, erzählt ihm von klein auf Geschichten aus seiner Heimat. Bei diesen Erzählungen ist sicher viel Anti-Tschechisches dabei, der Großvater hatte sicher viel Wut im Leib, von der er dem Jungen einiges mit gab. Der zweite Opa war bei der Waffen-SS, er fällt im April 1945 bei Trier. Und jetzt kommt es: Strache weiß, dass er gefallen ist, und ich kann beweisen, dass er es weiß, und trotzdem behauptet er, dass sein Opa am 9. Mai von der Resistance, der französischen Widerstandsbewegung, hingerichtet worden sei. Ein „Nachkriegsverbrechen“ des Antifaschismus, so nennt es Strache. Er begreift sich selbst als Nachkomme eines Opfers des Antifaschismus und sein politischer Antrieb besteht maßgeblich darin, den Opa zu rächen.

Woher weißt du das? Welche Quellen hast du?

Ich beziehe mich auf ein Interview, das Strache Andreas Mölzer gab. Darin erzählt er, dass er mit 14 Jahren in der achten Schulstufe erstmalig etwas über den Nationalsozialismus erfährt, das er vorher in der Familie noch nie gehört hat, z. B. über den verbrecherischen Charakter der SS und der Waffen SS. Er hat offenbar einen guten Lehrer gehabt. Und jetzt steht Strache vor der Wahl, wie viele andere auch, entweder die Identifikation mit dem Großvater aufzugeben und sich mit Lehrer oder Lehrerin zu identifizieren, dem Anti-Nazismus, der Zweiten Republik etc., oder die Identifikation nicht aufzugeben und in Opposition zu gehen. Mölzer fragt ihn, was der Anfang seines politischen Engagements war und Strache sagt, das war der Lehrer, der ihm den Opa madig machen will – sinngemäß. Seitdem kämpft er gegen solche Lehrer, gegen so einen Unterricht, gegen den Antifaschismus und gegen die Zweite Republik. Mit sechs Jahren wird Strache ins Internat gesteckt – ein ziemlich strenges Regiment. Ich glaube, zu den Schulbrüdern. Das ist hart, und er beschreibt diese extreme Strenge inklusive Prügelstrafe. Aber, wie fasst Strache dieses Leben zusammen? Er wischt Mölzers Mitleid vom Tisch und sagt, was der Opa angeblich immer gesagt hat: „Was mich nicht umbringt, macht mich härter“. Mit vierzehn geht Strache schon in die Burschenschaft. Er ist auf der Suche nach Ersatzvätern und kommt zu dem Zahnarzt Helmut Günther, der ihn rekrutiert.

Ersterscheinung im Augustin 348, 24. 7. – 21. 8. 2013

Habitus ohne Mitleid

Rechtsextreme bauen sich gefährliche Gedankengebäude auf. Hauptmordopfer rechter Gewalt sind in Österreich nicht ominöse „Andere“ oder „Fremde“, sondern Obdachlose, weil Neonazi  deren körperliche und „soziale Schwäche“ verachten und sie vernichten wollen. Ein Interview mit Andreas Peham, dem Rechtsextremismus-Forscher vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

Wie hast du dir die Obsession der Aktivisten von der weit rechten „Identitären Bewegung“ erklärt, dass sie wirklich zu den Flüchtlingen in die Votivkirche hinein gegangen sind?

Mir kommt es so vor, als ob die Identitären solche Risikos ganz bewusst eingehen, um dann danach, wenn die Gegenseite falsch oder überreagiert, also vor allem mit körperlicher Gewalt, sich als die Opfer darstellen zu können. Es hat schon etwas von einer bewussten Provokation, einem Kalkulieren, und zum Glück ist dieser Plan der Identitären nicht aufgegangen bis jetzt. Dieses Handeln entspricht ihrem  Hintergrund, den Burschenschaften. Zur Charakterbildung in diesen Verbindungen gehört genau diese Haltung, sich alleine einer Übermacht zu stellen –  sie sprechen vom tragischen Heroismus. Das entspricht der Tradition der Spartaner, auf die sie sich beziehen und entspricht einem Habitus, den Norbert Elias in seinen „Studien über die Deutschen“ als „Habitus ohne Mitleid“ bezeichnet hat. Die Burschenschaften lernen vor allem mit dem Mittel der Mensur ihre Angst vor körperlicher Unversehrtheit zu überwinden – in aussichtsloser Lage stehen zu bleiben, ist Teil einer ganz bestimmten Männlichkeit, die vor allem dort sozialisiert wird. Burschenschafter vertreten einen Habitus ohne Mitleid, die Regung der Mitmenschlichkeit wird abgetötet. Du musst ein Jahr durch diese Probezeit als Fuchs und das wissen wir von Aussteigern, du bist der Gewalt der Burschen ausgesetzt. Das Harmloseste ist noch der Trinkzwang: coram publico zu trinken, nicht aufstehen zu dürfen, mit den zu erwartenden Ergebnissen, dass sie sich irgendwann einmal in die Hose machen zum allgemeinen Gaudium. Heinz Christian Strache in einem Interview: „Wer führen will, muss zuvor gehorchen“. Du fängst als kleiner Fuchs an, dann wirst du „geburscht“, bist vollständiges Mitglied und kriegst einen Fuchs zugewiesen, an dem rächst du dich dann, für all das, was du erleiden mußtest. Das heißt offiziell „Burschung“. Die Wehrfähigkeit wird getestet. Sehr männerbündisch. Soldaten, Seeleute, Korps, überall dort, wo fünf, sechs Männer zusammen kommen, besteht für den Neuen Gefahr. Der Männerbund scheint diese Gewaltneigung auch nach innen zu haben.

Mich erinnerten die Identitären an die Obsession der FPÖ, die überall Plakate hatte gegen 45 Flüchtlinge und ständig von Asylmissbrauch oder Asylbetrug redet. Woher kommt diese starke Besessenheit?

Wir haben es hier mit einem Fanatismus zu tun, positiv könnte man es ja als Leidenschaft bezeichnen, bloß geht der überbordende Fanatismus zu Lasten der Realitätsprüfung. Man verliert in dieser Fanatismus-Spirale alle Relationen. An der Stelle der Wirklichkeit baut man einen Popanz auf. Österreich würde systematisch überschwemmt von AsylwerberInnen. Auch  die Bezeichnung „Asylindustrie“ ist ein Popanz, den es in der Realität nicht gibt, sondern es gibt Anwälte und Organisationen, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Und das bläst man dann auf zu einer Verschwörung. Das Problem bei den Rechtsextremen ist, im Unterschied zu vielen Politikern: die glauben das tatsächlich! Die Identitären glauben wirklich das Europa untergeht! Dass sie islamisiert werden, dass ihre Frauen und Töchter bald ein Kopftuch tragen müssen. Das ist nicht gespielt, das ist wirklich die subjektive Aufrichtigkeit des Paranoikers und ich verwende hier bewußt nur die männliche Form.

Die Flüchtlinge sagen zu denen „Paranoia people“…

Das ist die beste Bezeichnung, die für diese Menschen jemals gefunden worden ist, das bringt es wirklich auf den Punkt.

Bei der Ausstellung im DÖW steht, dass viele Jugendliche rechtsextrem werden, die von zu Hause aus Gewalterfahrung hatten. Gibt es dazu  Untersuchungen?

Wir beziehen uns auf deutsche Studien. Am Anfang einer Karriere im Neonazismus steht vor allem Gewaltfaszination. Ein bestimmter Kreis von männlichen  Jugendlichen, die Gewalt erfahren, neigt in der Adoleszenz dazu, den Spieß umzudrehen, vom Opfer zum Täter zu werden. Sie kommen mit dieser Gewaltaffinität ins Neonazi-Milieu und dort wird diese Gewalt verherrlicht. Aber dann ganz zielgerichtet auf bestimmte Gruppen gelenkt, die es „verdienen“. Du sollst töten, du darfst töten! Es gibt diese Liedzeile „Mit der Lizenz zu töten, ziehen wir durchs Land. Dann wird alles Kranke erschlagen und niedergebrannt.“ Das ist eine Hymne. Sie fühlen sich subjektiv als Exekutoren von rassistischen Stimmungen. Am Land ist das viel weiter verbreitet als in Großstädten. Dort, wo der Rassimus fast schon bedrohlich hegemonial ist, braucht man sich nicht wundern, dass Jugendliche das als Tatauforderung verstehen. Die glauben dann wirklich die Volksmeinung zu exekutieren.

Wurden die Kinder in Nazi Familien nicht praktisch alleine gelassen mit den Nazi Tätern und Mördern? Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass ein Kind keine „angeborene Identität“ hat. Glaubst du, dass es in den Kinderheimen mehr Rebellion gegen Nazi-Erzieher gab als in den Familien selber?

Wo mehrere Gleichaltrige sind, kann man sich immer auch zusammen schließen und wehren. Doch der Nationalsozialismus als Ganzes zeigt und drückt, jenseits vom Sadismus, Hass auf Kindheit an und für sich aus. Für was steht Kindheit? Für Schwäche. Die Hauptopfer rechter Gewalt sind in Österreich übrigens nicht Flüchtlinge, sondern Obdachlose, also sozial Schwache. Auch das letzte Mordopfer in Wien war ein Obdachloser in der Rotenturmstraße, der wurde von Jürgen K. zu Tode geprügelt. Einem amtsbekannten Neonazi, der nun für zwanzig Jahre in der Anstalt für abnorme Straftäter sitzt. Die These ist, dass es genau diese Schwäche der Opfer ist, die den Blutrausch, in den die Täter geraten, auslöst. Es ist also die körperliche Schwäche, die die Opfer repräsentieren, aber auch und vor allem deren soziale Schwäche, die die Angreifer so wild und aggressiv macht. Weil es sie an die eigene Schwäche erinnert und das ist das Fatale.

Es ist also gar nicht so das ominöse „Andere“, sondern das Schwache. Frauen dürften sie nicht so sehr als schwach ansehen…

Es gibt schon auch sexualisierte Gewalt. In Vorarlberg z.B. die Gruppenvergewaltigung einer 14 Jährigen, die noch dazu in die Neonazi-Gruppe eigentlich rein wollte.

Woher kommen all die Todesmetaphern, die ständig vorkommen? Wie „Es lebe der Tod“ als Parole der rumänischen Neonazis, die für die Liquidierung der Roma und Sinti eintreten? Wieso kippt es dann in reale Tote, wie jetzt in Deutschland, oder bei den russischen Neonazis, die einen Film ins Netz stellen, wie sie einen afrikanischen Flüchtling töten! 

Ich glaube, da muss man zwei Sachen auseinander halten, die Gewalt nach innen und die nach außen. Bei den Morden geht es weniger um den Tod als Metapher, sondern mehr um die Auslöschung, die Vernichtung des Schwachen, die autoritäre Gewalt, die immer nach unten zielt. Diese Gewalt hat jedoch noch eine weitere Bedeutung: Am Beispiel der Nazis spricht Saul Friedländer vom „Erlösungsantisemitismus“. Und andere von „Erlösung durch Vernichtung“. Der Glaube, der sich im Nationalsozialismus manifestiert hat und auch in seinen quasi religiösen Zügen deutlich wird, hat die Vorstellung zum Inhalt über die Vernichtung der Juden und Jüdinnen selbst erlöst zu werden.

Was für ein Glaube soll das sein?!

Das ist das apokalyptische Schema, ein über die christliche Kultur eingeübtes Schema. Dahinter liegt ein sehr katastrophisches Innenleben, das nach Außen projeziert wird. Es gibt diese wunderbare Formulierung von Mortimer Ostow, einem US-amerikanischen Psychoanalytiker: „One’s apocalypse, is the other’s Holocaust“. Was dem einen die Apokalypse ist, wird dem anderen der Holocaust. Es sind immer die Apokalyptiker, die die Welt untergehen sehen und der Nationalsozialismus hat offen apokalyptische Dimensionen.  Auch heute ist bei Neonazis das affektiv am meisten aufgeladene Symbol die schwarze Sonne! Und die schwarze Sonne in deren Fantasie ist die, die in diesem großen Blutbad aufsteigt. Die richtige Sonne fällt hinein in dieses Blutbad und dann steigt die schwarze Sonne auf und kündigt das neue 1000jährige Reich an. Das sind Endzeitfantasien. Man darf das nicht unterschätzen. Gerade Adoleszente, die immer wieder Identitäts-Diffusion und zentrifugalen Kräften im Inneren ausgesetzt sind, Widersprüchen, die sie fast zerreissen, sind oft anfällig für derartige Symbolik. Und was man auch nicht vergessen darf, ist diese extreme Todesfaszination in der Adoleszenz, die Gewalt nach innen, von der oben die Rede war. Es gibt Lieder, die die Todessehnsucht ausschlachten und weiter führen, da heißt es z.B. „Ins Reich der Helden will ich gehen“, diese Gesänge, in denen man die Bereitschaft ausdrückt,  für Deutschland in den Tod zu gehen. Oft ist es aber auch verbunden mit dem Gedanken, wenn ich endlich tot bin, lacht mich keiner mehr aus… Unter den Gegenstrategien ist die Beziehungsarbeit total wichtig, der Aufbau kontinuierlicher realer Beziehungen, aber auch die Beziehung zu einem Selbst, damit sich ein innerer Raum öffnet, denn sonst schrumpft der innere Raum auf einen Punkt zusammen. Das kann man alles nachholend machen.

Ersterscheinung im AUGUSTIN 343, 30. 4. – 14. 5. 2013

Veröffentlichung der Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kerstin Kellermann (www.kerstinkellermann.at).

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