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Politische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt.

Der demokratische Zustand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus ihr die Tendenz zur Faschisierung entspringt, denn das Kapitalverhältnis und somit die Grundlage für antisemitische, rassistische, sexistische Ideologien bzw. Ideologien der Ungleichheit ist hier nicht aufgehoben. Eine Besonderheit erlangen Österreich und Deutschland mit der nach 1945 bewerkstelligten Hinüberrettung der Volksgemeinschaft in die Demokratie. Während die von den Alliierten in Deutschland anfänglich stärker, dann nachlassende Forcierung des Re-Education-Programms, ein Stück weit die Stärkung zivilisatorischer Werte erzwang, ging Österreich bekanntermaßen den ‚Sonderweg‘ der Kollektivlatenz als vermeintlich ‚erstes Opfer‘. Dies führte nicht zuletzt dazu, dass hierzulande nach wie vor eine politische Kultur herrscht, die mit dem Bekenntnis zur Volksgemeinschaft nie gebrochen hat. Ausdruck dafür ist aktuell nicht nur die restriktiver werdende Asylpolitik der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, sondern auch die im BundespräsidentInnenschafts-Wahlkampf geäußerte Relativierung der TäterInnenschaft der ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus, durch die mittlerweile ausgeschiedenen KandidatInnen Irmgard Griss und Andreas Khol. Sowohl das Vorpreschen in der Asylrechtsverschärfung als auch der Tabubruch ist eine Politik, die als Balsam für die österreichische Volksseele gemeint ist.

Von einer Trennung zwischen der bürgerlich-demokratischen ‚Mitte‘ der Gesellschaft und dem ‚rechten Rand‘ kann daher besonders in Österreich nicht gesprochen werden. Dieser Zustand setzt kritisch politischer Bildung die Grenzen und gleichzeitig weist er auf die Dringlichkeit dieser hin.

Keine ‚Feuerwehr‘ an den Schulen

Gegenwärtig kommt politischer Bildung, so die FIPU in ihrer Einleitung des Sammelbands „Rechtsextremismus Band 2: Prävention und politische Bildung“, die Rolle einer ‚Feuerwehr‘ zu, die bei radikalen Ausformungen der Gesellschaft zur Anwendung kommen soll, ohne jedoch deren Ursachen auf die Gesellschaft selbst zurückzuführen.

Günther Sander beschreibt im Beitrag über die Entstehungsgeschichte politischer Bildung in Österreich, wie sich ihre Zielsetzung von der Stärkung zur Heimatliebe und Zusammengehörigkeit hin zur Demokratieerziehung geändert hat, wobei ihre modernen Vorboten in der Volks-/Erwachsenenbildung und insbesondere in der ArbeiterInnenbildung auszumachen sind. Erst ab den 1970er Jahren wurde an den österreichischen Schulen politische Bildung im modernen Sinne als Demokratieerziehung entwickelt. Politische Bildung als Unterrichtsfach ist gegenwärtig an „Geschichte und Sozialkunde“ gekoppelt und gilt inhaltlich als Wissens- und Wertevermittlung der jüngeren Geschichte, worunter auch Holocaust Education, in einer ausgedehnteren Definition, fällt.

Elke Rajal und Andreas Peham kritisieren in ihrem Beitrag, dass diese historisch-politische Bildungsarbeit oft als Immunisierung vor Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus gilt, obwohl mit dem falschen Konzept sogar diese Ideologien verfestigt bzw. reproduziert werden. Für die Vermittlung von Nationalsozialismus und Shoah ist offiziell eine gewisse Stundenanzahl im Unterricht vorgesehen, jedoch liegt es letztendlich im persönlichen Engagement der jeweiligen Lehrkraft, in welcher Form und welchem Ausmaß das Thema behandelt wird. Dies drückt wiederum aus, dass politische Bildungs- und Präventionsarbeit gegenüber Rechtsextremismus kaum ein Anliegen der Politik ist.

Mit dem Bewusstsein, dass Lehrkräfte ebenso ein Spiegelbild der Gesellschaft sind und somit Schule kein herrschaftsfreier Raum ist, plädieren die AutorInnen für eine permanente Selbstreflexion der Lehrenden. Dazu gehört nicht nur die zugeschriebene Funktion als lehrende Autorität zu hinterfragen, sondern grundsätzlich die gesellschaftlichen Strukturen, die Ungleichheit als vermeintlich naturgegeben erscheinen lassen. In diesem Sinne fordern die AutorInnen, kritische Politische Bildung als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip an den Schulen einzuführen.

Kritische Politische Bildung und Migrationsgesellschaft

Darüber hinaus kritisieren Rajal und Peham die interkulturelle Pädagogik, da sie zu einer Essentialisierung der Kultur und dadurch zur Reproduktion dieser scheinbar natürlichen Ungleichheit führt. Diese Pädagogik wirkt somit entgegen der Herausbildung eines kritischen Denkens, das die Herrschaftsverhältnisse, die diese Ideologien hervorbringen und deren herrschaftsstabilisierende Funktion darin durchschaut. Antisemitismus und Rassismus stellen „vielmehr das Ergebnis spezifischer Fehldeutungen sozialer Realität“ dar, wobei „Präventionsarbeit genau bei diesen alltäglichen Deutungen anzusetzen“ hat. 1 Die AutorInnen betonen daher einmal mehr die Notwendigkeit eines individualistischen Zugangs in der politischen Bildungsarbeit, der „Wendung auf das Subjekt“ 2 Das Ziel kritischer politischer Bildungsarbeit sollte daher die Stärkung der Empathiefähigkeit und die Ingangsetzung eines Prozesses sein, in dem der/die Einzelne die Zurichtung des Individuums in der bestehenden Gesellschaft erkennt, ohne den daraus resultierenden inneren Konflikt in der Projektion auf andere und im Verfolgen des Projizierten ‚lösen‘ zu wollen. Gleichzeitig sollte die Befähigung der Menschen dahingehend erfolgen, dass sie sich „nicht als ohnmächtige Objekte begreifen, sondern als mündige und handlungskompetente Subjekte.“ 3

Die Betonung dieses Zugangs der politischen Bildungsarbeit ist angesichts der Migrationsgesellschaft und besonders in der Debatte über Radikalisierung von Muslimen, wesentlich. In dieser widmet sich die österreichische Politik, gegenüber einem langjährigen Zögern in der Rechtsextremismus-Prävention mit einer besonderen Vehemenz dem Thema des islamischen Extremismus, um damit umso mehr die bürgerlich-demokratische ‚Mitte‘ ihres rassistischen Potentials zu entlasten. Zu diesem Schluss kommen in ihrer Kritik am Konzept der „Deradikalisierung“ Carina Klammer aus soziologischer und Fabian Reicher aus sozialarbeiterischer Sicht. Klammer argumentiert, dass die österreichische Politik die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie glaubhaft auf die Agenda setzen sollte und Reicher, dass das negative Bild des Islams auf junge Muslime, die sich wenig mit dem Islam auskennen, sozialisierend und stigmatisierend wirkt. Zwar formulieren die AutorInnen eine drängende Kritik am strukturellen Rassismus, der im Kontext der Deradikalisierungsdebatte offenkundig wird. Jedoch müsste, wenn bereits von den AutorInnen der bürgerlich-demokratische Staat gefordert wird, nicht die Intervention im Sinne eines positiven Islambilds bemüht werden, sondern eine Gleichbehandlung aller BürgerInnen, also keinen negativen oder positiven Sonderheitenstatus für MuslimInnen und besonders keine Zugeständnisse an islamische Gruppierungen. Damit würde sich aber eben dieser Staat selbst hintertreiben.

Vielmehr sollte generell die Notwendigkeit einer kritischen politischen Bildung betont werden, womit die Stärkung des Ich gemeint ist, das keiner Identifikation mit einem nationalen oder religiösen Kollektiv bedarf und in diesem Bewusstsein als Subjekt für einen gesellschaftlichen Zustand jenseits der Verwertungsimperative von Staat und Kapital eintritt.

Anmerkungen:

1 FIPU (2016): Rechtsextremismus Band 2: Prävention und politische Bildung. mandelbaum kritik & utopie. S. 94

2 ebd. 68

3 ebd. 97

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Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her.

Nach einem historischen Überblick über die Geschichte der politischen Bildung von Günther Sandner folgt von Nico Bechter eine Einschätzung dessen, wie neoliberale Ideologien Einfluss auf die österreichische Bildungspolitik haben. Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger stellen in ihrem Beitrag die Frage, ob Pädagogik gegen Rechts einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt und untersuchen Erkenntnisse der kritischen Antisemitismus-, Rassismus-, und Rechtsextremismusforschung auf ihre Relevanz für die politische Bildungsarbeit. Ihre eingangs formulierte Feststellung, dass die Gründe für den Hass auf die imaginierten »Anderen« im hassenden Subjekt und nicht in jenen, die angefeindet werden, zu suchen sind, mag banal klingen, bildet aber die Basis für pädagogische Interventionen.

Karin Kuchler diskutiert die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der politischen Arbeit und zeigt Potentiale geschlechterreflektierter Pädagogik auf. Die Feststellung, dass die Normsetzung heterosexueller Lebensweisen und der gesellschaftliche Zwang, sich in einem Zweigeschlechtersystem zu verorten, rechtsextremen Ansichten förderlich ist, führt zur logischen Schlussfolgerung, dass politische Bildung auch Kritik an Geschlechterverhältnissen implizieren muss. Ihr Aufsatz endet mit dem Aufruf, Sojourner Truth endlich jene feministische und rassismuskritische Vorreiterinnenrolle zuzusprechen, die sie verdient.
Elke Rajal und Heribert Schiedel widmen sich der Rechtsextremismusprävention in der Schule. Eine folgenreiche Fehlannahme ist, dass bei vielen pädagogischen Ansätzen davon ausgegangen wird, dass eine feindliche Einstellung den vermeintlich »Anderen« gegenüber in einem fehlenden Wissen über sie wurzelt. Deshalb macht es, so Rajal und Schiedel, wenig Sinn, Schüler_innen etwas über das Judentum zu erzählen, um im Sinne Adornos dazu beizutragen, dass Ausschwitz sich nicht wiederholen möge. In diesem Aufsatz zeigt sich ein grundlegendes Problem der politischen Bildung: Sie kann auf qualitative Art und Weise nur von jenen geleistet werden, die selbst einen gewissen Grad an Auseinandersetzung mit dem Thema aufweisen. Da Diskriminierungen jedweder Art an den Ausbildungsstätten für Pädagog_innen unzureichend behandelt werden, kann bislang nicht davon ausgegangen werden, dass Rassismus- und Antisemitismuskritik selbstverständlich in den Lehrplan Einzug finden.

Wer sich einfache Rezepte gegen Rechtsextremismus erwartet, wird enttäuscht. Zurecht, denn dazu ist das Thema zu komplex. Judith Goetz räumt mit der Annahme auf, der Besuch von Gedenkstätten, wie er in vielen Schulen vorgesehen ist, würde automatisch zu einer nachhaltigen Sensibilisierung führen. »Entgegen weit verbreiteter Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen funktionieren KZ-Gedenkstättenbesuche eben nicht als ,Allheilmittel‘, ,Schutzimpfung‘ oder ,Immunisierung‘ gegen rechtsextremes oder neonazistisches Gedankengut«, so die Wissenschaftlerin. Der Umkehrschluss, dass diese sinnlos wären, sei allerdings ebenso falsch. Auch hier steht die Qualität in engem Zusammenhang mit der Qualifizierung der Begleiter_innen und den Zeitressourcen, die für diese Besuche geschaffen werden.

Da insbesondere die Primärprävention zu wenig Aufmerksamkeit genießt, stellt der Beitrag von Jana Sommeregger zu Kinder- und Jugendliteratur zum Thema eine Besonderheit dar. Dass einige der von ihr erwähnten Bücher nicht nur auf junge Menschen, sondern auch auf Erwachsene Einfluss haben, zeigt die Bedeutung von Autorinnen wie Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und Mira Lobe.
In dem Beitrag mit dem provokanten Titel »Die hilflose Profession« beschäftigt sich Eva Grigori mit dem Umgang mit rechtsextremen Erwachsenen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Sie weist darauf hin, dass Beziehungsarbeit politische Kritik nicht ausklammern darf. Allerdings hängt es, so die Autorin, bislang vom Engagement Einzelner ab, rechtsextremen Tendenzen etwas entgegenzusetzen.

Carina Klammer, von der im ersten Band der FIPU-Reihe ein Artikel über antimuslimischen Rassismus zu finden ist, erforscht in diesem Beitrag den Begriff der »Deradikalisierung«, dessen Blüte eben ein Ausdruck dieses Rassismus ist. Fabian Reicher knüpft daran thematisch mit seinen Ausführungen zur sozialarbeiterischen Praxis in der Jugendarbeit an.

Im letzten Beitrag gehen Judith Goetz und Matthias Falter auf aktuelle Entwicklungen rund um Pegida in Österreich ein, wobei der Fokus nicht auf rassistischen Täter_innen, sondern auf »der« Linken liegt, die – so die Autor_innen – teils problematische Erklärungsmuster für die Entstehung der Bewegung hat.

Abschließend sei mit Carina Klammer festgestellt, dass pädagogische und sozialarbeiterische Präventionsarbeit zwar wichtig ist, dass es für umgreifende Veränderungen aber vor allem eines braucht: »eine solidarische, antirassistische, antifaschistische und emanzipatorische Zivilgesellschaft.« Das Buch ist deshalb nicht nur für Pädagog_innen und Sozialarbeiter_innen geeignet, sondern bietet für uns alle wichtige Implikationen zur eigenen Politisierung.

FIPU (Hg.in):
»Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung.«
Mandelbaumverlag, Wien 2016

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Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

Von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen.

Die Bedeutung der Erziehung zur Mündigkeit – oder anders ausgedrückt: der Befähigung zur Ideologiekritik – zieht sich als roter Faden durch den Sammelband. So argumentieren etwa Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger, dass autoritäre Denkweisen und die Vorstellung einer hierarchischen Gesellschaftsordnung durch eine Gesellschaft begünstigt werden, in der alles einem kapitalistischen Konkurrenzprinzip unterworfen ist. An diese Denklogiken könnten rechtsextreme Ideologien leicht anknüpfen. Mayer und Weidinger plädieren dafür, die Projektionsmechanismen des Rechtsextremismus zum Thema zu machen und die Reflexion der eigenen Abwertung anderer in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel davon sei es, „äußere Zumutungen und innere Konflikte in einer Weise zu bearbeiten, die ohne Projektion auf andere und Verfolgen des Projizierten an diesen auskommt.“ Einem ähnlichen Ansatz folgen Elke Rajal und Heribert Schiedel, die der Frage nachgehen, was diese Überlegungen für die rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Schule bedeuten. Eine Schwierigkeit der Selbstreflexion sehen sie darin, dass rechtsextreme Vorstellungen nicht einfach aufgelöst werden können, weil sie oft von grundlegender Bedeutung für das Selbstbild sind und als Problemlösungsstrategien in den Lebenswelten vieler Jugendlicher verankert sind. Die kritische Analysefähigkeit von Kindern und Jugendlichen müsse nach Rajal und Schiedel ebenso gestärkt werden wie ihre Handlungskompetenz. Dadurch werden Ohnmachtsgefühle, die den Rechtsextremismus begünstigen, gemindert.

Neben Selbstermächtigung und Ideologiekritik ist ein zentraler Begriff des Bandes jener der Anerkennung. Da gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oft auf einem Anerkennungsdefizit fuße, sei es wichtig den Jugendlichen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen und sich verstehend auf sie einzulassen. Erst wenn ein Vertrauen hergestellt sei, könne sinnvoll an problematischen Einstellungen gearbeitet werden. Politische Sozialisation erfolge, so Fabian Reicher in seinem Beitrag, durch das Erlernen anhand von dem, was vorgelebt wird. Werden Jugendliche als Problemfälle identifiziert und behandelt, wird ihnen undemokratisches Verhalten vorgelebt. Insofern ist das Buch auch sehr bereichernd für alle, die sinnvolle Reflexionsanregungen für die eigene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen suchen.

Katharina Gruber hat Politikwissenschaft in Wien studiert und ist in der politischen Bildungsarbeit und im Journalismus tätig.

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Rezensionen zum Sammelband Rechtsextremismus – Prävention und politische Bildung (hg. von FIPU)

  • Mit Bildung gegen Rechts?

Von Paul Pumsenberger erschienen auf syntaxblog.at

Welche Bildung braucht es, um die Verbreitung rechtsextremer Ideologien zu verhindern?

Dass Antifaschist_innen nicht ausschließlich durch ‚normale‘ Bildungskarrieren ‚produziert‘ werden, scheint mittlerweile sehr offensichtlich. Doch wie können Jugendliche im Umgang mit diskriminierenden Ideologien geschult werden? Wiener Wissenschafter_innen haben sich damit in einem heuer erschienen Buch beschäftigt. Eine Rezension. Weiterlesen

  • Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen. Weiterlesen

  • Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor. Weiterlesen

  • Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her. Weiterlesen

  • Politische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt. Weiterlesen

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Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor.

„Theorie und Praxis zusammendenken“ –so lässt sich die große Stärke des zweiten FIPU-Bandes zusammenfassen. Die Autor_innen beschäftigen sich darin aus transdisziplinärer Perspektive mit politischer Bildung und Extremismusprävention und beziehen bildungspolitische Rahmenbedingungen, aktuelle Debatten und Vermittlungsarbeit aufeinander. Das Buch ist zwar in theoretisch-konzeptionelle und praxisbezogene Beiträge gegliedert, doch die Grenzen verschwimmen—und das ist beabsichtigt und gut so, denn immerhin geht es um politische Interventionen.

DIE EINLEITENDEN BEITRÄGE von Günther Sandner und Nico Bechter illustrieren die schlechten institutionellen Rahmenbedingungen für politische Bildung in Österreich und berücksichtigen sowohl historische Faktoren, wie fehlende Entnazifizierung und Re-Education nach 1945, als auch aktuelle Hemmnisse, wie den neoliberalen Umbau von Bildungseinrichtungen. Karin Kuchler diskutiert geschlechtsspezifische Leerstellen: sie problematisiert den anhaltenden Fokus auf hegemoniale Männlichkeit in der Rechtsextremismusprävention und schlägt vor, feministische Ansätze und kritische Männlichkeitsforschung stärker in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Eine Perspektivenverschiebung nehmen Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger vor, die Herausforderungen antifaschistischer Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft reflektieren und sich dabei an dominanzgesellschaftliche Personen richten. Eine Quintessenz der Überlegungen ist, dass eine solche Bildungsarbeit nicht im „Sich-Informieren über die Anderen“ bestehen kann, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in Dominanzverhältnisse erfordert. Auf anderer Ebene verfolgen Judith Götz und Matthias Falter ebenfalls einen reflexiven Ansatz: sie beschäftigen sich mit linken Positionen zum Phänomen PEGIDA und problematisieren die Tendenz, die F-wählende „gesellschaftliche Mitte“ (immerhin 50%) auszublenden und extremistische Ideologien an den rechten Rand zu schieben. Auch linke Spannungsfelder in puncto Rassismuskritik werden aufgegriffen und anhand von zwar solidarisch gemeinten, jedoch essentialistisch-homogenisierenden Gruppenkonstruktionen von „den Muslim_innen“, Auslassungen bei der Kritik von antimuslimischem Rassismus thematisiert.

DIE AUF DIE PÄDAGOGISCHE ­PRAXIS bezogenen Beiträge beleuchten die Settings Schule und Soziale Arbeit. Elke Rajal und Heribert Schiedel fordern, schulische Rechtsex­tremismusprävention nicht nur als historische Faktenvermittlung, sondern stärker als antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit anzulegen und plädieren mit Verweis auf aktuelle Debatten über islamisierten Antisemitismus für antirassistisch-entkulturalisierende Zugänge. Die Annahme, dass Gedenkstättenpädagogik eine ausreichende Prävention darstellt, wird auch von Judith Götz in Frage gestellt—und passend dazu im nächsten Beitrag von Jana Sommeregger ein kritischer Überblick über antifaschistische Kinder- und Jugendliteratur gegeben. Danach illustriert Eva Grigori die Leerstelle Rechtsextremismusprävention bei Erwachsenen in der Sozialen Arbeit und schlägt vor, Konzepte aus der Jugendarbeit zu adaptieren. Die letzten Beiträge spannen den Bogen zurück zu migrationsgesellschaftlichen Debatten: Carina Klammer illustriert die Blitzkarriere von Deradikalisierungsprävention und kritisiert, dass durch den Fokus auf Muslim_innen „autochthoner“ Rechtsextremismus mitunter aus dem Blick gerät. Gleiches stellt Fabian Reicher im Bereich Jugendarbeit fest und warnt vor einer Stigmatisierung durch die Verknüpfung von Prävention und sicherheitspolitischen Diskursen, da jegliche pädagogische Intervention auf Respekt und Anerkennung fußt.

Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist die Frage nach politischer Intervention über eine „Erziehung zur Mündigkeit“, oder anders gesagt: zur (Ideologie-)Kritikfähigkeit. Dabei wird prinzipiell die kapitalistische Konkurrenzlogik als auslösender Faktor für autoritäre Ideologien thematisiert und der wohl aktuellsten Frage nachgegangen, was Prävention und politische Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft heißt. Dass all dies von Autor_innen reflektiert wird, die sowohl in der Vermittlungsarbeit als auch in der Forschung tätig sind, macht das Buch zu einem großen Gewinn—nicht nur für Praktiker_innen.

FIPU (Hg.): „Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung“, Mandelbaum, Wien 2016

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„Training gegen Stammtischparolen reicht nicht“

Übernommen aus: Der sozialdemokratische Kämpfer Nr. 2/2016

Ende 2015 ist im Mandelbaum-Verlag das zweites Buch der Forschungsgruppe Ideologie und Politiken der Ungleichheit,„Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische
Bildung“, erschienen. Der Band schließt thematisch an den 2014 erschienenen FIPU-Erstling „Rechtsextremismus: Entwicklungen und Analysen“ an. Redakteur Maximilian Zirkowitsch hat mit Mitautorin Eva Grigori gesprochen.
DSK: Vor kurzem erschien der zweite Band der Reihe Rechtsextremismus, die von der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit herausgegeben wird. Worum geht es?
Eva Grigori:Der zweite Bandbeschäftigt sich mehr mit Formen der Prävention von und
politischer Bildung zu Rechtsextremismus, während der erste sich vornehmlich Begrifflichkeiten und Strukturen in Österreich gewidmet hat. Das Buch wirft einen Blick
aufs pädagogische Feld, auf die Schule, allgemein auf politische Bildung in Erziehungszusammenhängen. Dabei geht es unter anderem um Jugendarbeit. Mein Thema ist allerdings die Soziale Arbeit nach der Jugend.
Wie beurteilen Sie den Stellenwert, den die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus inder Pädagogik hat?
Zu Österreich muss man festhalten, dass die Formen von Prävention und politischer Bildung zu Rechsextremismus fast ausnahmslos an Schulen stattfinden. Da sollte es auch 600 vom Ministerium finanzierte Workshops geben, welche meines Wissens nach nie stattgefunden haben. An den Schulen zeigt sich, dass die Initiativen und Akzente die in Prävention und Bildung gesetzt werden vor allem in einer historischen Logik verhaftet sind. Was hier passiert ist meist Holocaust Education, die keineswegs unwichtig ist. Allerdings ist es aufgrund der Verbreitung rechtsextremer Handlungen, Straftaten und Einstellungsmuster damit bei weitem nicht getan. In den letzten Jahren bewegte sich die sogenannte Extremismusprävention vor allem in Richtung Djihadismus und Neosalafismus. Da wurde durchaus Initiativen an Schulen gesetzt. Dazu lässt sich im Chor mit dem Verfassungsschutz sagen, dass es sich um ein abnehmendes und ohnedies
marginales Phänomen handelt.
Aus dem Bereich der Kindergartenpädagogik ist mir gar nichts bekannt. Rechtextremismus ist hier völlig unbearbeitet. In der Jugendarbeit gibt es zwar Angebote, allerdings vor allem was die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen betrifft. Zur rechtsextremen Orientierung Jugendlicher kenne ich drei Projekte. Es könnten auch mehr sein. Die Vernetzung ist schlecht. Präventive Arbeit mit
Erwachsenen findet einfach nicht statt. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen wo politische Bildung und Prävention Platz haben. Sie sind aber von den professionellen Angeboten abgeschieden.
Wie grenzen Sie Djihadismus und Neosalafismus vom Rechtsextremismus ab? Sie verwenden ja den Begriff von Holzer.
In Österreich hat Rechtextremismus nicht zwangsläufig mit einer undemokratischen Haltung zu tun. Er ist durchaus demokratiefähig. Davon unterscheiden sich Djihadismus und Neosalafismus aufgrund ihres religiösen Bezugsrahmens. Das ist universalistischer als ein völkischer Bezug. Faktengebunden muss man es auch quantitativ abgrenzen. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten, Biologismus, Antisemitismus und der Hang zu Verschwörungstheorien etwa. Das scheint mir beachtenswert und soll künftig mehr in den Fokus genommen werden. Auf einer praktischen Ebene ist es gefährlich und verharmlosend, zu sagen, wir hätten mit beidem, Rechtsextremismus und Dijhadismus gleiche Probleme.

Sind rechtsextreme Handlungen und Einstellungen einen Fall für Pädagogik und Soziale Arbeit?
Ja und nein. Ich meine, dass sie nicht der Hauptgegenstand Sozialer Arbeit sind, aber wo
SozialarbeiterInnen vernetzt, sozialraumorientiert tätig sind, haben sie die Möglichkeit demokratiepolitisch zu arbeiten und präventiv zu wirken, nicht erst als Feuerwehr. Eine Kultur des Miteinanders, eine demokratische Gesprächskultur und demokratisches Ausverhandeln sind da zu unterstützen und auf- bzw. auszubauen.
In Anbetracht dessen, wie verbreitet rechtsextreme Einstellungsmuster, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, in Österreich sind wäre es naiv zu glauben, dass die Sozialarbeit keinen rechtsextremen Taten und Erzählungen begegnet. Das hat auch meine Forschung angeleitet: Rechtsextremismus wird als Jugendphänomen verstanden und die Jugend als letzte Phase, in der pädagogisch eingegriffen werden darf. Natürlich gibt es eine gewisse Anfälligkeit in dieser Lebensphase. Allerdings zeigen Studien, dass rechtsextreme Einstellungen sich ungefähr ab dem 35. Lebensjahr verfestigen und zunehmen. Es ist höchst an der Zeit auch auf die Erwachsenen zu schauen! Wie reagieren SozialarbeiterInnen im Altersheim, in der Wohnungslosenhilfe, im Gefängnis, … auf rechtsextreme Aussagen und Selbsterklärungsmuster? Dazu gibt es keine wissenschaftliche Literatur. In meinen Daten hat sich gezeigt, dass alle PraktikerInnen geeint waren in ihrer Lähmung. Sie erinnern sich alle, wussten nicht, was sie tun oder sagen sollten und haben deswegen in der Regel geschwiegen. Unterstützung durch KollegInnen und Vorgesetzten gab es ebenfalls nicht. Meine zweite Frage war, was
Sozialarbeit aus der Jugendarbeit lernen kann, etwa Fall- und Gesprächsführung, Sozialraumorientierung.
Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen reicht nicht, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der sich und seine Lebenswelt rechtsextrem erklärt. Aus der Wiener Jugendarbeit kommt ein ganzheitliches Fallmodell, das sich bei rechten und rechtsextremen Jugendgruppen anwenden lässt.
Ab Herbst werden Sie mehr in Lehre und Forschung tätig sein. Welche Vorhaben nehmen Sie uns ihrer praktischen und Forschungsarbeit mit?
Ab Herbst wird es ein Forschungsprojekt dazu an der FH St. Pölten geben. Dieses Semester hatte ich die Ehre die Lehrveranstaltung zu Gender und Diversity mit Michaela Moser

zu leiten. Es ging sehr viel um Vorurteile und wie sich Rechte durch Vielfalt bedroht fühlen. Da reicht ein Argumentationstraining nicht.
Rechte als Zielgruppe sehe ich nicht, sondern Rechtsextremismus als Querschnittsmaterie die SozialarbeiterInnen überall begegnet. In den Köpfen existiert immer noch vielfach der Stiefelnazi, der erst als rechtsextrem gilt, wenn er „Heil Hitler!“ schreit, anstatt diese Einstellung als ein Bündel von Haltungen zu begreifen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das begegnet uns täglich, steckt in Äußerungen, Perspektiven, Strategien. Da braucht es, meine ich, Grundlagenarbeit, das zu erkennen.
Welchen politischen Auftrag leiten Sie aus Ihren Ergebnissen und den anderen Publikationen des 2. Bandes ab?
Es gibt zwar mittlerweile Beratungshotlines, aber in Österreich fehlen nach wie vor Beratungsangebote für Fachkräfte. In einigen deutschen Bundesländern werden MultiplikatorInnen wie SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen oder ReferentInnen am Sozialamt bewusst fortgebildet und eingesetzt. Deswegen sind österreichische

Projekte immer noch auf die Kooperation mit Deutschland angewiesen. Da gibt es einfach
eine Leerstelle bei uns. In mobilen, deutschen Fachstellen unterstützen Menschen BeratInnen, Familien, KollegInnen. Dafür wird auch genügend Geld zur Verfügung gestellt. Was gänzlich fehlt ist Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt, lediglich allgemeine Opferberatung. Und was eindeutig fehlt ist Ausstiegshilfe. Und damit müsste man im Justizvollzug anfangen.

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Die ,,Volksgemeinschaft‘‘ bröckelt

erschienen in Progress 5/2015

Der Sammelband „Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts“ versucht theoretische Überlegungen zum Zusammenspiel von Neonazismus, Pädagogik und Geschlecht mit pädagogischen Praxen in Beziehung zu setzen. Mitherausgeber Andreas Hechler spricht mit Judith Goetz über rechte Wortergreifungen gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und den fehlenden Blick auf Opferperspektiven und Alternativen.

Foto von Udi Nir/Sagi Bornstein

 

progress: Ihr schreibt in eurem Buch, dass „Neonazismus nur mit ganz bestimmten Männlichkeiten und Weiblichkeiten“ funktioniert. Was ist damit gemeint?

Andreas Hechler: N(eon)azistische Männlichkeiten und Weiblichkeiten sind exklusiv; sie sind idealtypisch weiß, (seit vielen Generationen) deutsch, christlich oder verwurzelt in der germanisch- nordischen Mythologie, gesund, heterosexuell etc. Was also de facto hyperprivilegiert und nur auf eine kleine Minderheit überhaupt zutreffen kann, ist nach neonazistischer Lesart „normal“.

Darüber hinaus stehen diese Konstruktionen im Dienst einer größeren Sache. Hier greift unter anderem eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, die Frauen und Männern innerhalb der „Volksgemeinschaft“ klar definierte Aufgaben und Orte zuteilt. Zu all dem gesellen sich autoritäre und diktatorische Züge, sowohl als strategisches Element zum Erreichen der politischen Ziele als auch ganz prinzipiell in der Vision, wie Gesellschaft organisiert sein soll. Das Zusammenspiel der genannten gesellschaftlichen Positionierungen, Verhaltensweisen und Einstellungsmuster produziert ganz bestimmte Männlichkeiten und Weiblichkeiten. Anders formuliert: Es werden all diejenigen ausgeschlossen, die davon abweichen.

Stärker denn je machen sich Rechte gegen vermeintliche „Frühsexualisierung“ stark. Warum ist sie bedrohlich für den Rechtsextremismus und was kann eine Sexualerziehung im frühen Kindesalter zu einer geschlechterreflektierten Pädagogik gegen Rechts beisteuern?
„Frühsexualisierung“ ist ein schillernder Kampfbegriff, der nicht näher definiert wird. Eine altersangemessene Sexualerziehung trägt ganz maßgeblich dazu bei, Kinder in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zu unterstützen und zu einer selbstbestimmten, verantwortlichen und gewaltfreien Sexualität zu befähigen. In dieser Hinsicht wirkt Sexualerziehung gegen Scham bzw. Beschämung, für Kinderrechte und für die freie Entscheidung, wen Menschen lieben wollen und mit wem und wie sie Sex haben möchten. Dagegen läuft das rechte Spektrum Sturm, mit den immer gleichen „Argumenten“ einer angeblich „natürlichen Scham“ und des „Elternrechts“. Zudem stören sie sich ganz maßgeblich daran, dass Kinder sich frei entwickeln können sollen, da das eben auch die Möglichkeit beinhaltet, schwul, lesbisch, bi-/pansexuell, queer, trans*geschlechtlich, nicht-binär, nicht-verheiratet, polyamourös oder was auch immer zu leben oder auch abzutreiben. Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als Möglichkeiten gleichberechtigt neben viele andere zu stellen, ist ein fundamentaler Angriff auf ein Verständnis, das Sexualität als „natürlich“ fasst und es darüber hinaus auf Fortpflanzung (der „Volksgemeinschaft“) verengt. Der Wunsch nach Klarheit und Eindeutigkeit löst sich durch das Offenlassen von allen geschlechtlichen und sexuellen Möglichkeiten im Nichts auf – die „Volksgemeinschaft“ beginnt zu bröckeln.

Ein Beitrag behandelt die Modernisierung homofeindlicher Argumentationen. Was hat sich in aktuellen rechten Debatten gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt geändert?

Der angesprochene Artikel argumentiert, dass Homosexualität nicht mehr als Akt „wider die Natur“ diffamiert und die Existenz der anderen (homosexuellen usw.) Kulturen toleriert wird, solange keine „unethischen“ Vermischungen stattfinden – etwa in dem Sinne, dass Heterosexuelle mit Homosexualität „angesteckt“ werden könnten. Gesellschaftlich marginalisierten Gruppen wird so zwar offiziell eine Daseinsberechtigung zugesprochen, jedoch nur dann, wenn sie sich in die etablierte „Kultur“ integrieren, inklusive dem faktischen Verbot, ihre Interessen auch wirksam auszudrücken.

In Anlehnung an die analytischen Perspektiven eines „Postfeminismus“ können wir vielleicht für bestimmte Spektren von einer „Post-Homofeindlichkeit“ sprechen. Diese bejaht Gleichstellung, hält sie aber für erreicht und warnt vor einer angeblichen Umkehrung ins Gegenteil. Diese gesellschaftlichen Akteur_innen kämpfen gegen ihren Macht- und Privilegienverlust.

Ihr betont, dass sich insbesondere die Sozialpädagogik bis heute an einer verengten Vorstellung deklassierter (männlicher) Jugendlicher orientiert. Welche Probleme ergeben sich durch die Vernachlässigung der Erwachsenen in geschlechterreflektierten pädagogischen Auseinandersetzungen mit Neonazismus?
Die Verengung betrifft nicht nur die Sozialpädagogik, sondern auch mediale Diskurse, institutionelles Handeln etc. Große Teile der Gesellschaft bleiben durch die Projektion des Neonazis als „jungmännlichdeklassiertgewalttätigausm Osten“ unberücksichtigt. Dabei weisen gegenwärtig europaweit Menschen ab dem sechzigsten Lebensjahr – und nicht etwa Jugendliche – die höchsten Zustimmungswerte zu neonazistischen Einstellungsmustern auf. Somit wird die zurzeit zahlenmäßig größte problematische Gruppe von vornherein aus dem Aufmerksamkeitsfeld ausgeblendet.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Kinder in aller Regel viel offener und weniger stereotypisierend als Erwachsene sind, wenn es um Geschlecht geht. Erwachsene geben Kindern und Jugendlichen – häufig unbewusst – ihre Vorstellungen von Geschlecht mit. Das trifft in besonderer Weise diejenigen, die sich nicht geschlechtskonform verhalten. Daher muss auch für Pädagog_innen eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen geschlechtlichen Sozialisation und daran gekoppelten Vorstellungen von Geschlecht gefördert werden.

Was ist eurer Meinung nach an täter_innenfokussierten Ansätzen in der Neonazismuspräventionsarbeit zu kritisieren?
In der Neonazismusprävention findet sich fast durchgehend ein Täter_innenfokus. Es ist zwar naheliegend, sich ,,den Neonazis“ – ihren Taten, Strukturen und Ideologien – zuzuwenden. Verloren gehen hingegen zwei andere Ebenen, die für eine Präventionsarbeit von großer Bedeutung sind: Einerseits fehlt der Blick auf Menschen, die von Neonazis real oder potenziell angegriffen werden, in täglicher Angst vor Bedrohungen leben und in ihrem Aktions- und Handlungsradius stark eingeschränkt sind. Wird ihre Perspektive nicht wahrgenommen, werden ihre Verletzungen unsichtbar gemacht mit der Folge, dass Diskriminierungen reproduziert und Gewöhnungseffekte in Kauf genommen werden. In einer solchen Neonazismusprävention ändert sich für die Diskriminierten überhaupt nichts. Ein erfolgreicher Kampf muss aber daran gemessen werden, ob sich real etwas für diskriminierte Gruppen verbessert hat. Andererseits fehlt der notwendige Blick auf Alternativen.

Wie könnten und sollten derartige Alternativen aussehen?
Hierzu gehört insbesondere die Stärkung nicht-neonazistischer, antifaschistischer, nicht- und antirassistischer sowie queerer Lebenswelten und Jugendkulturen. Auch das Einüben nicht-diskriminierender Verhaltensweisen, demokratischer Interessenvertretungen und Konfliktlösungsstrategien zählen dazu. Ohne diese bringt auch die beste Präventionsarbeit nichts. Neonazismusprävention ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines gesamtgesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses.

Zu einer erfolgreichen Neonazismusprävention gehören drei Ebenen und eine Fokusverschiebung: An erster Stelle stehen der Schutz, die Unterstützung und das Empowerment derjenigen, die von Neonazis real oder potenziell bedroht werden. An zweiter Stelle stehen der Aufbau und die Unterstützung von Alternativen zum Neonazismus. An dritter Stelle steht die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Neonazis und rechts orientierten Kindern und Jugendlichen.

Für die Pädagogik gilt es, für diese drei Ebenen zielgruppenspezifische Angebote bereitzustellen. Da die Arbeit mit Täter_innen sowohl der Schutzverpflichtung gegenüber Opfern und Diskriminierten als auch einer Stärkung von Alternativen zuwiderläuft, sollten nicht die selben Personen und Institutionen alle drei Ebenen gleichzeitig bespielen.

Pädagog_innen stecken in dem Dilemma, einerseits Ansprüche pädagogischer Unterstützung in der Arbeit mit rechtsaffinen Jugendlichen zu verfolgen und andererseits wirkungsvolle Arbeit gegen rechtsextreme Orientierungen zu leisten. Wie könnte das gelöst werden?
Ich finde, dass Michaela Köttig in ihrem Buchbeitrag auf der Grundlage ihrer eigenen pädagogischen Arbeit in einer rechten Mädchenclique viele wertvolle Impulse liefert. Das Dilemma lässt sich meines Erachtens nicht auflösen, aber es können Rahmenbedingungen für einen guten Umgang geschaffen werden. Dazu gehören unter anderem ein guter Personalschlüssel, zeitlich fest eingeplante und bezahlte Reflexionsräume (Reflexion, Intervision, fachkundige Supervision), realistisch erfüllbare Anforderungen, finanzielle und räumliche Ressourcen, eine Ausbildung, in der die kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht und Neonazismus Teil des Curriculums ist, regelmäßige Fort- und Weiterbildungen, die Möglichkeit, bei Bedarf Hilfe von außen zu holen und angemessene Erholungszeiten.

Eine geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts kann derzeit nicht gut gemacht werden, wenn Ressourcen dafür schlicht nicht vorhanden sind. Das hat nichts mit persönlichem Scheitern zu tun; die Haltung mag noch so toll, das Wissen um Geschlecht und Neonazismus noch so profund, die Methodik ausgefeilt sein – wenn man* drei Jugendclubs parallel als einzige_r Sozialarbeiter_in betreuen muss, wie es in mehreren Bundesländern der Fall ist, wird all das nicht viel helfen. Es braucht bessere Arbeitsbedingungen für eine erfolgreiche Arbeit.

Judith Goetz ist Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit und studiert Politikwissenschaften im Doktorat an der Uni Wien.

 

Hechler, Andreas/Stuve, Olaf [Hrsg.] (2015): Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich Verlag.

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