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Ehre, Freiheit, Vatermord – Die Burschenschaft Hysteria

erschienen auf vice.com/alps

von Verena Bogner

Im vergangenen April haben Mitglieder der sogenannten Identitären die Aufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax gestürmt. Daraufhin wurde das Ensemble für eine Aufführung von der Stadt Wien ins Rathaus eingeladen. Bei eben dieser Aufführung hat die Burschenschaft Hysteria, laut Eigenbeschreibung die älteste Burschenschaft Österreichs, den Saalschutz übernommen. „Wir sind die wahren Hüterinnen der österreichischen Kultur und Tradition“, hieß es damals auf der Hysteria-Seite. Außerdem waren Mitglieder der Hysteria beim Bachmann-Preis anwesend, wo die Autorin Stefanie Sargnagel, die selbst Mitglied der Hysteria ist und im Netz immer wieder von Rechten attackiert wird, den Publikumspreis gewonnen hat.

Am 10. Januar 2016 wurde das erste Mal auf der Facebook-Page der Burschenschaft Hysteria gepostet—und zwar das Bild einer schreienden Hyäne, ihres perfekt ausgewählten Wappentiers. Seitdem finden sich dort regelmäßig Postings zu aktuellen Anlässen wie beispielsweise dem traditionellen Fest zur Sommersonnenwende, das die Hysteria am Donauinselfest gefeiert hatte. Die Burschenschaft Hysteria ist die feministische und längst überfällige Antwort auf deutschnationale Burschenschaften, die in Österreich immer noch Tradition haben und jeden Januar mit dem Akademikerball für Gegenproteste sorgen; und im Zuge dessen auch dafür, dass in der Wiener Innenstadt der eine oder andere umgestoßene Mistkübel wieder aufgestellt werden muss.

Die Burschenschaft Hysteria bewegt sich irgendwo zwischen Satire, Kunstprojekt und radikalem, politischen Aktivismus und macht vor allem eines: Sie zeigt durch diese Zuspitzung auf die deutlichste, brachialste Art die Schwachstellen des Gedankenguts von männerbündlerischen Burschenschaften auf. Mit denen ist sie übrigens eher zu vergleichen als mit klassischen Mädelschaften beziehungsweise Damenverbindungen, von denen es in Österreich aktuell etwas mehr als eine Handvoll gibt. Diese nehmen zwar genau wie die Hysteria nur Frauen auf, aber die Hysteria lehnt sich in ihren Werten, Zielen und Traditionen eindeutig an Männerbünde an.

Die Burschenschaft Hysteria distanziert sich (zumindest offiziell) übrigens von der Behauptung, Satire zu sein, wie sie nach einer Erwähnung im Falter als „satirisch-feministische Burschenschaft“ klarstellt. Auch das gehört zu ihren Kerneigenschaften: Die Hysteria bleibt immer „in character“ und fällt nie aus ihrer öffentlichen Rolle.

Das gilt auch für unsere Anfrage, auf die uns die Burschenschaft Hysteria erklärt, dass sie derzeit keine Interviews gibt und uns bittet, das auf ihrer Facebook-Seite zur Verfügung stehende Material zu verwenden.

Laut der dortigen Eigenbeschreibung steht die Hysteria für starke, ideelle Werte, die Unterdrückung Andersdenkender, aktiven Vaterlandsverrat und bietet neben einer Erweiterung des Horizontes auch lebenslange Freundinnenschaften. Männer sind in der Burschenschaft selbstverständlich nicht erlaubt, denn die gehören laut Hysteria nicht in die Öffentlichkeit, vielmehr sieht sie die Sphäre des Mannes klar im Privaten.

Die Hysteria verlangt von ihren Mitgliedern (und in weiterer Folge auch weltweit) die Angleichung der Zyklen, die Einschränkung des Männerwahlrechts, günstige Abtreibungen, Schleierzwang für Männer und Hodenamputation bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr, bei dem die Frau nicht zum Höhepunkt kommt. Kurz gesagt: Das uneingeschränkte Matriarchat. Die Mitglieder der Hysteria tragen Hyänen-Jacken und rote Deckel. Was auf den ersten Blick lustig und absurd wirkt, trägt in Wahrheit zur Entmystifizierung einer Ideologie mit großem Gefahrenpotenzial bei.


Burschenschaften in Österreich:


Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die sich als Mitwirkende der „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ intensiv mit Burschen- und Mädelschaften, beziehungsweise Damenverbindungen beschäftigt, sieht zwischen dem Auftreten und der Organisationsform der Hysteria viele Parallelen zu anderen Burschenschaften.

„Die Burschenschaft Hysteria bezieht sich in ihrer Namensgebung, ihrer Organisationsform als geschlechtshomogene Gruppe und historischen Entstehungsgeschichte nicht nur auf burschenschaftliche Traditionen, sondern auch die vertretenen Werte, Ideale und Forderungen orientieren sich an burschenschaftlichen Vorbildern“, sagt Goetz.

Diese Traditionen und Werte sind laut Goetz unter anderem: Die Verwendung von Couleurnamen (wie Sauhilde oder Sprenghilde), die gegenseitige Anrufung als „Burschen“, strenge Verbindungsprinzipien, der gemeinschaftlich organisierte Alkoholkonsum sowie die Bezugnahme auf das Ritual der Mensur zur Absicherung des eigenen Bundes nach außen. Vor allem das Kämpfen von Mensuren unterscheidet die Hysteria laut Goetz außerdem von gängigen Mädelschaften und Frauenverbindungen, da Frauen dem Weltbild von Burschenschaften zufolge nicht satisfaktionsfähig sind. Im Nichtburschi-Sprech: Sie können nach einer Ehrverletzung die Ehre nicht durch Duellieren wiederherstellen.

Themen, denen sich die Burschenschaft Hysteria immer wieder annimmt, sind auch Sexismus und veraltete Geschlechterrollen—also Konzepte, die Burschenschaften und andere rechte Gruppierungen häufig promoten und beispielsweise mit Kampagnen zum Schutz „unserer Frauen“ vor der Belästigung durch fremde Männer zu festigen versuchen.

Hier sieht Goetz auch die Besonderheit der Hysteria: „Insbesondere der von Burschenschaftern vertretene Sexismus wird von der Hysteria zugespitzt ins Gegenteil verkehrt. Anstelle der Ablehnung von Frauen*-Quoten wird beispielsweise eine Frauen*- und Transgender-Quote von 80 Prozent in öffentlichen Ämtern gefordert. Damit wird auch eine wichtige Kritik am burschenschaftlichen Gedankengut deutlich. Burschenschaften tragen durch ihre männerbündische Organisationsform maßgeblich zur Aufrechterhaltung und Reproduktion biologistischer und hierarchisch gedachter, geschlechterdualistischer Vorstellungen von Gender bei. Die männerbündische Tradition der Burschenschaften verfolgt nicht zuletzt das Ziel, Frauen* aus dem Bund wie auch der Sphäre der Politik fern zu halten. Die Hysteria macht Aspekte zum Thema, die in der Kritik an Burschenschaften lange Zeit ausgespart oder vernachlässigt geblieben sind—wie eben der burschenschaftliche Sexismus und Antifeminismus sowie auch Homo- und Trans-Feindlichkeit. Gerade weil diese Ideologien auch in der so genannten gesellschaftlichen Mitte tief verankert sind, wird oftmals übersehen, dass sie auch einen fixen Bestandteil extrem rechter Denkmuster ausmachen.“

Wie so oft, wenn es um die Diskussion geht, welche Plattform rechten Gruppierungen wie Burschenschaften oder auch den sogenannten Identitären gegeben werden soll, kann auch hier der Eindruck entstehen, dass die Hysteria durch ihr Aufgreifen von burschenschaftlichen Traditionen eben diesen zu viel Bedeutung zumisst, anstatt ihre Mechanismen zu entlarven.

Laut Goetz schenkt die Hysteria Burschenschaften jedoch eben die Aufmerksamkeit, die den oftmals unterschätzten Männerbünden zusteht: „Deutschnationale Burschenschaften wurden und werden in Bezug auf ihre gesellschaftliche wie auch politische Bedeutung bis heute unterschätzt und oftmals als marginalisierte Gruppe Ewiggestriger abgetan. Insofern wird ihnen von Seiten der Hysteria jene Aufmerksamkeit zugemessen, die ihnen tatsächlich auch zukommen sollte.“

Aufgrund ihrer provokanten Inszenierung hat nicht nur Stefanie Sargnagel als Person des öffentlichen Lebens, sondern auch die Hysteria als Ganzes mit Anfeindungen von Rechts zu kämpfen. Erst kürzlich hat die Burschenschaft Hansea zu Wien ein Foto der Hysteria mit dem Text „Besucherinnen vom Planeten der Unbeschlafenen“ und dem Hashtag #linkeweiberausknocken geteilt, was nicht nur das sexistische Gedankengut der Burschenschaft deutlich werden lässt, sondern auch zeigt, dass die Inszenierung der Hysteria am großen Ego der Burschenschaft kratzt. Die Hysteria hat der Burschenschaft daraufhin einen Besuch bei ihrer Bude abgestattet.

Der Hashtag #linkeweiberausknocken hat übrigens eine Vorgeschichte: Auf einer gleichnamigen Webseite wurden Gewaltaufrufe gegen Frauen veröffentlicht, die sich antifaschistisch engagieren, zum Beispiel gegen Natascha Strobl. Außerdem wurden Sticker mit der Aufschrift und ihrem Gesicht darauf in Wien verteilt.

Derartige Untergriffigkeiten von Burschenschaften gegenüber Frauen generell und der Hysteria im Besonderen seien laut Goetz der Versuch, das Fortbestehen der Geschlechterdifferenz und der eigenen Privilegien zu sichern, das durch Gruppierungen wie die Burschenschaft Hysteria mehr denn je infrage gestellt werde: „Mädelschaften und Damenverbindung stellten bislang keine Bedrohung dar, da sie im Rahmen strenger Geschlechterhierachien und klaren Aufgabenverteilungen bestehen. Aufweichungen dieser männerbündischen Strukturen, wie sie jedoch beispielsweise durch die Öffnung von Burschenschaften für Frauen* von statten gehen würden, werden folglich mit einer Bedrohung sowohl für den Fortbestand antiquierter Geschlechterbeziehungen als auch für die eigenen Privilegien in Verbindung gebracht und aktiv bekämpft.“

Die Burschenschaft Hysteria findet einen Weg, Rechte zu entlarven, ohne sich selbst (zumindest was Social Media betrifft) angreifbar zu machen. Sie spielt gezielt mit den Werten und Ansichten „weißer Männer“—denjenigen, die „unsere“ Frauen schützen wollen, aber im nächsten Moment Vergewaltigungsdrohungen auf Facebook verfassen oder die, für die weibliche Emanzipation immer noch der Feind der traditionellen Familie ist. So schafft sie es nicht nur, zu entlarven und uns bewusst zu machen, welches Welt- und Frauenbild ein Teil unserer Gesellschaft eigentlich vertritt, sondern motiviert junge Frauen auch, etwas gegen eben dieses Weltbild zu tun. Nach eigenen Angaben der Hysteria häufen sich inzwischen die Mitgliedsanfragen. Um es mit ihren Worten zu sagen: Noch nie hat Vaterlandsverrat so gut geschmeckt.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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„Diese reproduktive Selbstbestimmung ist nicht emanzipatorisch…“

Kirsten Achtelik im Interview mit Judith Goetz über Probleme pränataler Diagnostik

erschienen in MALMOE 1/2016

Im kürzlich erschienenen Buch „Selbstbestimmte Norm“ analysiert Kirsten Achtelik die Forderung nach Selbstbestimmung und dem Recht auf Abtreibung innerhalb der autonomen Frauen*- und Behinderten- bzw. Krüppelbewegungen sowie die Geschichte der pränatalen Diagnostik (PND) in Deutschland. MALMOE sprach mit der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin über behindertenfeindliche Facetten feministischer Politiken, gesellschaftliche Normierungsprozesse sowie die Änderungen im österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetz.

Du greifst in deinem Buch eine innerhalb feministischer Debatten lange Zeit tabuisierte Frage auf, nämlich welche Problematiken sich durch die Nichtthematisierung von pränataler Diagnostik und selektiven Abtreibungen innerhalb von Pro-Choice-Kämpfen ergeben. Welche Erklärungen hast du bei deinen Recherchen für die mangelnde Bereitschaft von Feminist_innen, sich damit auseinanderzusetzen, gefunden?

Das Thema wird entweder marginalisiert oder dem unbedingten Recht der Frau, über ihren eigenen Körper und ihre Lebensgestaltung zu entscheiden, untergeordnet. Die Forderung geht bei manchen Feminist_innen so weit, dass sie das Recht auf ein genetisch eigenes, gesundes Kind beinhaltet. Das Argument kam auch bei der österreichischen Debatte um das 2015 in Kraft getretene, sehr liberale Fortpflanzungsmedizingesetz.

Ein anderer Grund ist, dass die neue Frauenbewegung in den westlichen Ländern argumentative Strategien entwickelt hat gegen die Infantilisierung von Frauen, deren Entscheidungen als wertlos galten. In den Kampagnen gegen die Abtreibungsparagraphen hat sich der Topos herausgebildet, dass die Schwangere jene Entscheidung treffen wird, die für sie selbst am besten ist. Die Frau muss nicht über ihre Gründe sprechen, soll sich nicht rechtfertigen müssen. Daher wird jede Diskussion darüber, warum abgetrieben wird, abgelehnt und als Infragestellung der Entscheidungsbefugnis der Frau empfunden. Über einen Abbruch nach der pränatalen Feststellung einer Behinderung des Fötus und Fragen wie „Warum will die Frau* überhaupt durch PND eine mögliche Behinderung wissen?“ oder „Was findet sie so schlimm an der Vorstellung eines Lebens mit einem behinderten Kind?“ kann man dann logischerweise auch nicht sprechen.

Du zeigst auf, dass die Forderung nach Selbstbestimmung und jene nach dem Recht auf Abtreibung nicht notwendigerweise das Gleiche bedeuten, sondern sich gerade daran die Widersprüchlichkeiten feministischer Diskussionen aufzeigen lassen. Welche behindertenfeindlichen Komponenten sind (bis heute) innerhalb feministischer Debatten anzutreffen?

Die Idee der Selbstbestimmung ist häufig mit der Vorstellung von einem autonomen Subjekt verbunden, das frei und alleine über sein Leben bestimmt. Ein solches Subjekt gibt es ja aber nun gar nicht und ich finde das auch nicht besonders erstrebenswert. Menschen sind immer aufeinander angewiesen, sind soziale Wesen. Dieses Aufeinander-Angewiesensein zu problematisieren, wertet offensichtlich die Menschen ab, die stärker als andere auf Unterstützung angewiesen sind.

Daneben gibt es das gesellschaftlich tatsächlich vorhandene Problem, dass vor allem Mütter die Verantwortung für die Kinder übernehmen und dass es eine enorme Herausforderung sein kann, ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben. Dieses Problem zu umgehen, indem man versucht, ein Kind mit Behinderung zu vermeiden, mag individuell verständlich sein, besonders feministisch ist es nicht. Diese Bestrebung aber im Sinne der „Selbstbestimmung“ aufzuwerten, statt für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von behinderten Menschen, Kindern mit Behinderung und deren Familien zu kämpfen, ist eher neoliberal als emanzipatorisch.

Feminist_innen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzen, sind entsetzt, wenn es um Abtreibungen aufgrund des Geschlechts geht, und sagen, dass das Diskriminierung sei. Abtreibungen wegen einer diagnostizierten Behinderung würden sie aber nicht als diskriminierend empfinden. Warum? Weil ein Kind mit einer Behinderung eine objektive Belastung sei, ein Mädchen aber nicht. Hier einen Unterschied zu machen, finde ich behindertenfeindlich.

Ob Kinder oder keine, entscheiden Frauen* alleine“, heißt es oftmals kämpferisch auf Pro-Choice-Demos. Übersehen werden dabei allerdings gesellschaftliche Normierungsprozesse, die sich auf die beschworene Wahlfreiheit auf vielfältige Art und Weise auswirken. Welche Faktoren beeinflussen deiner Meinung nach (selbstbestimmte) Entscheidungsprozesse von Frauen*, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen oder abzutreiben, und wie stehen diese in Zusammenhang mit PND?

Die Faktoren sind so vielfältig wie bei den meisten Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf das weitere Leben haben werden: Vorstellungen über das eigene Leben, berufliche Pläne, Einkommen, Beziehungen und Partnerschaften…, ob man sich gesettelt fühlt, oder ob man auf der Suche ist. Die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch ohne PND sind ja auch recht divers: Abgesehen von dem recht klaren Fall, dass eine Frau einfach keine Kinder haben will, ist es oft nicht der richtige Zeitpunkt. Da liegen ökonomische Zwänge schon auf der Hand, weil es ja nicht zwangsläufig ein Problem sein müsste, während der Ausbildung schwanger zu sein oder Kinder zu haben, bevor frau sich zu einer höheren Position vorgearbeitet hat..

Nach der PND verändern sich diese Gründe. Die Föten, die nach der Diagnostizierung einer Behinderung abgetrieben werden, waren ja gewünscht. Das Kind dann nicht zu bekommen, hat schon viel mit Angst vor Behinderung zu tun, die sich die Beteiligten meist auch in den allerschlimmsten Varianten ausmalen. Eines der Argumente, das ich am bedenklichsten finde, behauptet, man erspare damit dem Kind ein unzumutbares Leben. Das verwenden auch Feminist_innen gerne, weil es zeigen soll, wie verantwortungsbewusst diese Frauen handeln. Was sagt das aber über die vermutete Lebensqualität von Menschen aus, die diese Behinderung haben?

Du zeichnest in deinem Buch auch die Geschichte der deutschsprachigen Krüppel- und späteren Behindertenbewegung nach und zeigst dabei auf, dass es in der Vergangenheit durchaus stärkere Zusammenarbeit mit (autonomen) Frauen*/feministischen Bewegungen gab. Warum scheint dies heute anders zu sein und was kann aus der historischen Zusammenarbeit für künftige Bündnisse und gemeinsame Kämpfe gelernt werden?

Nun, zum einen sind beide Bewegungen heute sehr viel kleiner, weniger dynamisch, dafür institutionalisierter als noch in der 1980er Jahren. Dass sich eine neue Generation von Feminist_innen wieder für das Abtreibungsthema interessiert, ist relativ neu. Als wir 2008 in Berlin angefangen haben, gegen den „Marsch für das Leben“ zu mobilisieren, mussten wir uns das ganze Wissen neu aneignen. Das war ja auch einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe: Damit man die Geschichte darin nachschlagen kann und nicht jede Gruppe das selbst ausbuddeln muss. Beide Bewegungen haben sich seit den 1990er Jahren auseinanderentwickelt und ich sehe es schon als Riesenfortschritt, wenn die Aktivist_innen sich jetzt wieder kennen, die jeweiligen Kämpfe auf dem Schirm haben und sich gegenseitig sensibilisieren und unterstützen.

Wie schätzt du aktuelle Entwicklungen in Österreich in Bezug auf die neue Gesetzgebung ein, die zwar einerseits Befruchtungsmöglichkeiten für Lesben regelt, andererseits aber auch Präimplantationsdiagnostik (PID) zulässiger macht?

Der Anlass für die Reform des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes war die Klage von zwei lesbischen Frauen vor dem Verfassungsgerichtshof, die sich durch den Ausschluss von einer Samenspende diskriminiert sahen. Was dann legalisiert wurde, ging allerdings weit über die Nichtdiskriminierung von Lesben hinaus, nämlich Präimplantationsdiagnostik und Eizellen“spende“. Also einerseits eine eindeutig selektive Technik zum Ausschluss von Embryonen mit genetischen Behinderungsdispositionen. Und zum anderen eine Technik, bei der jüngeren Frauen unter starker Hormonbehandlung und mit einem invasiven Eingriff gegen Geld Eizellen entnommen werden. Aber ohne das problematische Ziel eines eigenen, möglichst gesunden Kindes würden alle diese Techniken gar keinen Sinn machen. Diese Art der „reproduktiven Selbstbestimmung“ halte ich nicht für emanzipatorisch, sondern für tendenziell behindertenfeindlich. Schockierend fand ich das Desinteresse der österreichischen Linken, Feminist_innen und Queers an den damit verbundenen Problemen und den Debatten.

In deinem Buch kritisierst du auch, dass Kritik an pränataler Diagnostik nicht christlichen Fundamentalist_innen überlassen werden sollte. Welche Versäumnisse bestehen hier von Feminist_innen, aber auch von Linken allgemein?

Wenn man die radikalen Abtreibungsgegner_innen und „Lebensschützer“ nur mit Selbstbestimmungs-Parolen zu bekämpfen versucht und an PND und PID keinerlei Kritik übt, überlässt man denen das Thema. Menschen mit Behinderung, die eine Kritik an diesen selektiven Techniken haben, aber die Möglichkeiten zu legalen Abtreibungen nicht eingeschränkt sehen wollen, haben dann in den Protesten keinen Platz. „Lebensschützer“ sind konservativ und rechts, Religion und reaktionäre Werte sind keine Antwort auf die Suche nach einem guten Leben für alle.

Wie können und sollten feministische Positionen aussehen, die sich zwar einerseits für Entscheidungsfreiheit und somit für das Recht auf Abtreibung einsetzen, andererseits aber auch gegen selektive Abtreibungen auftreten?

Kurz gesagt: Die Forderung nach der Abschaffung des § 218 in Deutschland bzw. äquivalent des § 96 in Österreich muss zusammen diskutiert werden mit Forderungen nach einem Verbot von selektiven pränataldiagnostischen Untersuchungen. Selektive Untersuchungen haben keinen gesundheitlichen Mehrwert, weder für die Schwangere noch für das spätere Kind, sondern sollen nur „Normabweichungen“ und Anzeichen für Behinderungen aufspüren. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Untersuchungen angeboten, nachgefragt und in Deutschland auch von den Krankenkassen übernommen werden, zeigt die ableistische gesellschaftliche Grundstruktur. Jeder Mensch sollte über seinen eigenen Körper entscheiden können, dafür müssen wir auf allen Ebenen weiter kämpfen. Wir sollten aber das Konzept von Selbstbestimmung nicht so weit ausdehnen, dass darüber eine individuelle Wunscherfüllung nach eigenen, gesunden Kindern abgeleitet werden kann!

Interview: Judith Goetz

Kirsten Achtelik: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“, Verbrecher Verlag, Berlin 2015

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Was aus Wahnfried wurde

Im Juli 2014 wurde der Jenaer Student Josef S. wegen vermeintlicher Vergehen im Rahmen der Demonstrationen gegen den Akademikerball der Wiener FPÖ und der schlagenden Verbindungen Wiens zu einer teilbedingten Haftstrafe verurteilt. Er meldete Berufung an, womit der Fall vor dem Obersten Gerichtshof (OGH) landet. Wie der Journalist Florian Klenk gestern (18. 12.) auf Facebook bekannt machte, ist der zuständige Vertreter der Generalprokuratur (zu deren nicht unmaßgeblicher Rolle in OGH-Verfahren vgl. ihre Aufgabendarstellung hier) Harald Eisenmenger. Dieser war Mitglied des selbst für österreichische Verhältnisse extrem weit rechts stehenden Corps Arminia Turicensis (vormals Europaburschenschaft Arminia Zürich) – vgl. dazu Klenks Artikel von aus dem Falter von 2000 (erster Link oben) sowie den in etwa zeitgleich erschienenen Text Heribert Schiedels hier am Blog. Dass, wie es darin heißt, Eisenmenger aus der Arminia „offiziell ausgetreten“ sei, ist jedenfalls für diesen Zeitpunkt nicht zutreffend. Noch im Dezember 2002 scheint er als Redakteur der Verbindungszeitung „Circular“ auf, auch für eine darüber hinausreichende Mitgliedschaft gibt es Hinweise.

eisenm2002

In anderen Worten: der (nach eigenen Angaben ehemalige) Angehörige einer rechtsextremen Verbindung soll die Rechtswahrung in einem Verfahren gegen einen Antifaschisten überwachen, der für angebliche Aktionen gegen eine Veranstaltung ebenjenes Verbindungsmilieus angeklagt wurde.

Das ist aber noch nicht alles: Eisenmengers Verbindungskarriere beginnt nämlich nicht bei den selbst unter WKR-Verbindungen tendenziell Kopfschütteln hervorrufenden Arminen, sondern bei Aldania Wien. Diese ist in der Wiener FPÖ personell so gut verankert wie keine zweite Verbindung. Aktuell stellt sie den freiheitlichen Landtags-Vizepräsidenten Johann Herzog, den Stadtrat Eduard Schock sowie die Landtagsabgeordneten Armin Blind, Dominik Nepp, Gerald Ebinger und Rudolf Stark.

Nun ließe sich einwenden, dass die Zugehörigkeit zur selben Verbindung nicht notgedrungen ein persönliches Naheverhältnis verbürgt. Ein Argument, dass im Fall Eisenmengers allerdings versagt, denn dieser trat der Aldania just zum selben Zeitpunkt wie Ebinger und Schock bei, gehörte also derselben Aktivengeneration an wie jene. Ob er seinem gesetzlichen Auftrag in einem Verfahren gegen einen Akademikerball-Demonstranten angemessen nachkommen kann bzw. will, dass sich gegen einen Verbindungsgegner richtet, ist nicht nur aufgrund seiner dokumentierten politischen Haltungen zu bezweifeln, sondern auch aufgrund persönlicher Naheverhältnisse zu Vertretern jener Landespartei, die als Veranstalterin des Akademikerballs fungiert.

Aus: 90 Jahre Aldania. Vom Werden und Wirken einer deutschen Korporation (1984), S. 34

Aus: 90 Jahre Aldania. Vom Werden und Wirken einer deutschen Korporation (1984), S. 34

Bernhard Weidinger

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Hände faltern

Nachdem Benedikt Narodoslawsky im Vorjahr die ÖH für ihre logistische Unterstützung der Proteste gegen den Akademikerball rüffelte, da sie damit ihr Mandat überschritten habe, legt er heuer (FALTER vom 22. 1. 2014) nach: im Grunde sei es nämlich generell „nicht gescheit …, gegen die FPÖ zu demonstrieren“, da der Protest diese zusammenschweiße und ihr die Stilisierung als Opfer erlaube, die sie in Sympathie und letztlich WählerInnenzuspruch umzumünzen verstehe. „Jeder Demonstrant, der seine Stimme erhebt, nützt der FPÖ.“ Ergo: Hände falten, Gosch’n halten. Nichts treffe die FPÖ härter, als „beinhart ignoriert“ zu werden.

Dieser Vorstellung liegt offenbar ein eigenwilliges Verständnis der Erfolgsbedingungen des parteiförmigen Rechtsextremismus im Allgemeinen und der FPÖ im Besonderen zugrunde. Selbstverständlich gehört die Selbstviktimisierung zum Standardrepertoire des autoritär-populistischen Politikmodells, begünstigt sie doch die Mobilisierung der sich verfolgt und verraten Wähnenden. Betrieben wird sie freilich ungeachtet der Demonstrationsbereitschaft politischer Gegner_innen, auch wenn solche Demonstrationen ihr als je aktueller Aufhänger dienen mögen. Bleibt die Hamburger Steinewerferin zuhause, steht die paternalistische EU-Kommissarin, die politisch korrekte Frauenministerin oder der unverschämt kritische ORF-Journalist als alternatives Feindbild des Tages schon bereit. Medienmacher_innen, welche die Taktik der Selbstviktimisierung zumindest erschweren möchten, wären gut beraten, den Blick auf die eigene Zunft zu richten – und sich zu fragen, ob die auch in sich FPÖ-kritisch verstehenden Medien mitunter zu beobachtende Übernahme der freiheitlichen Täter-Opfer-Umkehr anlässlich politischer Proteste gegen Parteiveranstaltungen nicht gehörig zum Gelingen dieser Strategie beiträgt.

Selbst wenn es möglich wäre, der Opferstilisierung durch Demonstrationsverweigerung die Grundlage zu entziehen – die in der österreichischen Bevölkerung massenhaft verbreiteten rassistischen Ressentiments, die das politische Kernkapital der FPÖ darstellen, werden wohl schwerlich aus der Welt geschafft, indem eins ihrer Artikulation freien Lauf lässt und ihnen durch Beschweigen Legitimität verschafft. Ein schwieriges Terrain findet der organisierte Rechtsextremismus vielmehr dort vor, wo seiner Agitation der Segen der Normalisierung verweigert und er in eine defensive Position gedrängt wird. Nichts käme der FPÖ mehr zupass, als endlich als Partei wie jede andere wahrgenommen zu werden – und nicht als jene mit den durchlässigen Grenzen nach ganz rechts außen. Dass ersteres (noch) nicht der Fall ist, liegt nicht zuletzt an der ausdauernden Skandalisierung des Skandalösen durch Antifaschist_innen – nicht nur, aber eben auch auf der Straße. Narodoslawskys Rezept erscheint dagegen eher als Anleitung zur Herstellung freiheitlicher Meinungshegemonie.

Eine Vorbedingung solcher Meinungshegemonie ist gesellschaftliche Salonfähigkeit, die kaum eindrucksvoller verbrieft werden könnte als durch eine Ballveranstaltung im staatstragend-mondänen Ambiente der Wiener Hofburg. Die Entscheidung der Verantwortlichen, Burschenschafter dort tanzen zu lassen, ist in diesem Sinne von eminenter symbolischer Tragweite. Narodoslawskys Position, der Appell von Holocaust-Überlebenden zur Ausladung der freiheitlichen Akademiker sei illegitim, da „in einer Demokratie … alle die gleichen Rechte“ hätten – und eben auch „die Rechten“, ist entgegenzuhalten, dass Demokratie ihrer eigenen Aushöhlung vorzubeugen hat, um Bestand zu haben. Dazu gehört eine politische Kultur, die historische Erfahrungen in sich aufnimmt und sich weigert, NS-relativierende Geschichtsklitterung, (Volks)gemeinschaftsdünkel, Antisemitismus oder völkischen Nationalismus als legitime Argumente im öffentlichen Diskurs anzusehen. Ein Ausdruck einer solchen Haltung ist bekanntlich das Verbotsgesetz, das die Propagandafreiheit von Alt- und Neonazis beschränkt. Ein weiterer ist der Staatsvertrag von Wien, in dem Österreich sich – eigentlich, ließe sich anmerken – zur Unterbindung jener großdeutschen Propaganda (Artikel 4) und jener minderheitenfeindlichen Betätigung (Artikel 7) verpflichtet hat, die seit jeher das Kerngeschäft eben der Verbindungen darstellen, die sich alljährlich in der Hofburg ein Stelldichein geben. Dem kann eins schweigend begegnen oder lautstark; was FPÖ und Burschenschaften lieber wäre, dürfte in der Tat auf der Hand liegen.

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Mölzers Opfergang

Dass – so die Darstellung des Wiener Polizeipräsidenten Pürstl – freiheitliche Funktionäre „kurz vor dem Ball [der Wiener FPÖ und völkischen Studentenverbindungen am 1. 2. 2013, Anm.] in ein Lokal außerhalb der Sperrzone essen gehen, obwohl sie wissen, dass Tausende unterwegs sind, die mit dem Ball nicht einverstanden sind“ und „nicht, wie [mit der Polizei, Anm.] ausgemacht, mit dem Taxi oder der U-Bahn auf den freigehaltenen Routen zur Hofburg fahren, sondern mitten durch die Demonstranten spazieren“, lässt sich möglicher Weise über den (in Studentenverbindungen geformten) Männlichkeitsentwurf der Betreffenden erschöpfend erklären. Eher die eigene physische Integrität aufs Spiel zu setzen als Ausweichmanöver zu vollziehen, ist immerhin zentraler Inhalt der Mensur als Erziehungsinstrument.

Was aber treibt andere freiheitliche Funktionäre  (Hans-Jörg Jenewein, Harald Vilimsky) an, einen jener Parteifreunde und Waffenbrüder (Andreas Mölzer) per atemloser Presseaussendung für „schwer“ verletzt zu erklären, nachdem ein mutmaßlich von Linken geworfener Farbbeutel dessen Anzug verunstaltet hat?

Ein durchaus rationales Kalkül, wie Mölzer selbst bereits vor 20 Jahren dokumentierte. In einem von ihm entworfenen Positivszenario (sic) für die weitere Entwicklung der FPÖ hieß es damals u. a.: „Eine Gruppe freiheitlicher Mandatare … wird von Autonomen so brutal attackiert, daß eine freiheitliche Abgeordnete nach schwersten Verletzungen nur knapp dem Tode entgeht und lebenslang an den Rollstuhl gefesselt bleiben wird. Eine Welle der Abscheu gegenüber der linksmilitanten Szene, der Sympathie und des Mitleids mit den Freiheitlichen, geht daraufhin durch Österreich. Der 10. Oktober 1994, Wahltag, bringt für die Freiheitlichen einen beispiellosen Triumph.“ (Die Aula, Nr. 6/1993, S. 30)

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