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Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

Von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen.

Die Bedeutung der Erziehung zur Mündigkeit – oder anders ausgedrückt: der Befähigung zur Ideologiekritik – zieht sich als roter Faden durch den Sammelband. So argumentieren etwa Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger, dass autoritäre Denkweisen und die Vorstellung einer hierarchischen Gesellschaftsordnung durch eine Gesellschaft begünstigt werden, in der alles einem kapitalistischen Konkurrenzprinzip unterworfen ist. An diese Denklogiken könnten rechtsextreme Ideologien leicht anknüpfen. Mayer und Weidinger plädieren dafür, die Projektionsmechanismen des Rechtsextremismus zum Thema zu machen und die Reflexion der eigenen Abwertung anderer in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel davon sei es, „äußere Zumutungen und innere Konflikte in einer Weise zu bearbeiten, die ohne Projektion auf andere und Verfolgen des Projizierten an diesen auskommt.“ Einem ähnlichen Ansatz folgen Elke Rajal und Heribert Schiedel, die der Frage nachgehen, was diese Überlegungen für die rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Schule bedeuten. Eine Schwierigkeit der Selbstreflexion sehen sie darin, dass rechtsextreme Vorstellungen nicht einfach aufgelöst werden können, weil sie oft von grundlegender Bedeutung für das Selbstbild sind und als Problemlösungsstrategien in den Lebenswelten vieler Jugendlicher verankert sind. Die kritische Analysefähigkeit von Kindern und Jugendlichen müsse nach Rajal und Schiedel ebenso gestärkt werden wie ihre Handlungskompetenz. Dadurch werden Ohnmachtsgefühle, die den Rechtsextremismus begünstigen, gemindert.

Neben Selbstermächtigung und Ideologiekritik ist ein zentraler Begriff des Bandes jener der Anerkennung. Da gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oft auf einem Anerkennungsdefizit fuße, sei es wichtig den Jugendlichen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen und sich verstehend auf sie einzulassen. Erst wenn ein Vertrauen hergestellt sei, könne sinnvoll an problematischen Einstellungen gearbeitet werden. Politische Sozialisation erfolge, so Fabian Reicher in seinem Beitrag, durch das Erlernen anhand von dem, was vorgelebt wird. Werden Jugendliche als Problemfälle identifiziert und behandelt, wird ihnen undemokratisches Verhalten vorgelebt. Insofern ist das Buch auch sehr bereichernd für alle, die sinnvolle Reflexionsanregungen für die eigene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen suchen.

Katharina Gruber hat Politikwissenschaft in Wien studiert und ist in der politischen Bildungsarbeit und im Journalismus tätig.

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Rezensionen zum Sammelband Rechtsextremismus – Prävention und politische Bildung (hg. von FIPU)

  • Mit Bildung gegen Rechts?

Von Paul Pumsenberger erschienen auf syntaxblog.at

Welche Bildung braucht es, um die Verbreitung rechtsextremer Ideologien zu verhindern?

Dass Antifaschist_innen nicht ausschließlich durch ‚normale‘ Bildungskarrieren ‚produziert‘ werden, scheint mittlerweile sehr offensichtlich. Doch wie können Jugendliche im Umgang mit diskriminierenden Ideologien geschult werden? Wiener Wissenschafter_innen haben sich damit in einem heuer erschienen Buch beschäftigt. Eine Rezension. Weiterlesen

  • Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen. Weiterlesen

  • Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor. Weiterlesen

  • Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her. Weiterlesen

  • Politische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt. Weiterlesen

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Warum sich immer mehr Frauen rechtsextremen Gruppierungen anschließen

von Magdalena Liedl

erschienen auf Broadly

Das Klischee vom rechten Heimchen am Herd gilt schon lange nicht mehr. Nicht nur Männer, auch rechtsextreme Studentinnen schließen sich an Unis zu Verbindungen zusammen. Die österreichischen deutschnational und völkisch gesinnten „Mädelschaften“ gelten dabei als Hardliner.

Es gibt Interviewabsagen und es gibt Interviewabsagen. Die österreichische Studentinnenverbindung „Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz“ schickte mir zweiteres, als ich sie kontaktierte, um sie um ein Gespräch über ihre Gruppierung zu bitten. „Da Sie auf diversen Sozialen Netzwerken Ihre (partei)politische Einstellung offen zur Schau tragen, befürchten wir das Fehlen einer nötigen Neutralität als Fundament für eine Zusammenarbeit.“

Nach einigem Nachhaken und der Klärung des Unterschieds zwischen „ journalistischer Recherche“ und „Zusammenarbeit“ ließ mich die Führung der Iduna wissen, sie stünden „journalistischer Tätigkeit grundsätzlich skeptisch gegenüber“, man werde das Thema aber nochmals intern besprechen.

Wie ich noch erfahre, wurde bei immerhin zwei Verbindungstreffen der Iduna darüber diskutiert— mit dem Ergebnis, dass es keine Option war, mit jemandem zu sprechen, der möglicherweise eine andere politische Meinung vertrat. Mit dieser Weigerung ist die Studentinnenverbindung, die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Anneliese Kitzmüller zu ihren Mitgliedern zählen kann, nicht alleine. Auch die Wiener Mädelschaften Nike und Freya wollten nicht mit Broadly sprechen.

Dass es unter männlichen Studentenverbindungen einschlägige Gruppen gibt, die deutschnationales und völkisches Gedankengut vertreten, rechtsextreme Redner zu Veranstaltungen einladen und oft nur knapp an NS-Widerbetätigung vorbeischrammen, dafür gibt es ein zunehmenden Bewusstsein. Doch auch Frauen schließen sich, seit sie an deutschen und österreichischen Universitäten zugelassen sind, zu sogenannten Damenverbindungen zusammen.

Die deutschnationalen und völkischen „Mädelschaften“ in Österreich gelten dabei, wie auch die österreichischen Burschenschaften, als Hardliner innerhalb der Studentinnenverbindungslandschaft im deutschen Sprachraum. Liberale Verbindungen, wie es sie in Deutschland gibt—etwa die Fridericiana, die Frauen und Männer aufnimmt—sucht man in Österreich vergeblich. Hier teilen sich die Damenverbindungen in nur zwei Strömungen auf: konservativ-konfessionelle und deutschnationale—die eigentlichen Mädelschaften.

Diese treten als harmlosen Studentinnengruppen auf, die scheinbar unpolitische Partys organisieren, bei Veranstaltungen von Burschenschaften mit Kuchen Backen und Gedichtvorträgen aushelfen und Studienanfängerinnen dabei unterstützen, sich in den ersten Uni-Semestern zurecht zu finden. Tatsächlich verbreiten sie dabei aber rassistische, deutschnationale und völkische Inhalte.

„Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten.“

Gerade diese rechtsextremen Frauengruppen erfahren nun an österreichischen Unis in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Seit 2011 gab es drei Neugründungen von rechtsextremen Frauenverbindungen, darunter auch die Iduna in Linz. „Das ist doch auffallend und ziemlich beeindruckend.“, sagt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die zu rechtsextremen Verbindungen forscht, gegenüber Broadly.

„Die Partizipationsfelder von Frauen sind im modernen Rechtsextremismus breiter geworden.“, erklärt sie dieses Phänomen. „Dadurch steigt auch das Bedürfnis, sich zu organisieren.“ Die klischeehaften Rollen, die rechten Frauen von außen oft zu geschrieben werden, stimmen dabei längst nicht mehr. Sie sind in der rechtsextremen Szene genauso aktiv wie die Männer.

Aber warum es dann so schwer sei, mit Mädelschaften in Kontakt zu treten, frage ich Goetz. Burschenschafter geben durchaus Medieninterviews; rechte Gruppen wie die sogenannten „Identitären“, die aktuell auch in Deutschland Fuß fassen wollen, rufen in Wien auch schon mal zu Demonstrationen auf. „Es gibt schon eine Angst oder gewisse Scheu von Mädelschaften, an die Öffentlichkeit zu treten.“, sagt Goetz. Entscheidend ist aber ein anderer Faktor, erklärt sie: Bisher werden Mädelschaften in der Medienberichterstattung kaum beachtet. Sie waren daher nie in der Situation, ihre Positionen rechtfertigen zu müssen und meinen daher, mit Gesprächsverweigerung durchzukommen.

Rechtsextreme Frauen werden, wenn sie denn überhaupt in den Medien vorkommen, gerne als „rechte Heimchen am Herd“ verharmlost. Die einzigen spitzen Gegenstände, die Mädelschafterinnen in die Hand nehmen würden, seien keine Säbel sondern Messer und Stricknadeln, schrieb etwa die österreichische Tageszeitung Kurier. Als die deutsche Rechtsextreme Beate Zschäpe vor Gericht stand, kommentierten Medien ihre Kleidung. Inhaltlich werden rechtsextreme Frauen in der Öffentlichkeit selten konfrontiert.

Auch dass die Mitglieder von Mädelschaften den Burschenschaftern intern nicht gleichgestellt sind, verleitet dazu, sie zu unterschätzen. Mädel fechten etwa keine Mensuren. Das heißt, sie führen keine rituellen Fechtkämpfe wie ihre männlichen Kollegen in Burschenschaften durch, die so ihre „Ehre“ verteidigen und danach stolz Schnitte und Narben im Gesicht, sogenannte „Schmisse“, zur Schau stellen. „Nach der Ideologie der Burschenschaften haben Frauen keine Ehre, die sie verteidigen könnten.“, erklärt Goetz. Daher bleibt den Mädeln der Zugang zum Fechten verwehrt. Sie sind auf Männer angewiesen, die sie im Falle einer Beleidigung in Fechtduellen vertreten. Daher erhalten Mädelschaften häufig einen sogenannten symbolischen „Ehrschutz“ von befreundeten Burschenschaften.

Warum tritt aber eine junge Frau freiwillig in eine Verbindung ein, die sie dermaßen abwertet? „Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten“, erklärt Goetz. „Im weitesten Sinne kann man sogar sagen: Ausgleich für eigene Diskriminierungserfahrungen.“ Kurz: Sie werden als Frauen zwar diskriminiert, diskriminieren dafür aber andere.

„Frauen können genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Auch Leistungsduck kann ein Faktor sein: In Mädelschaften ist zu Hause bei der Familie zu bleiben ein legitimer Lebensentwurf. „Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich bei verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durchzusetzen, kann das eine attraktive Position sein.“ Gleichzeitig bieten Mädelschaften Netzwerke für die Karriere für diejenigen, die eine solche anstreben—wenn auch mit Einschränkungen. So ist etwa auch die österreichische Nationalratsabgeordnete und frühere Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Mitglied der Mädelschaft Sudetendeutschen Damengilde Edda.

Dennoch sind Mädelschaften weder reine Karrierenetzwerke noch Anhängsel von Burschenschaften, sondern stehen ihren männlichen Gegenstücken um nichts nach, was die ideologische Festigung betrifft. Zwar halten sich die österreichischen Mädelschaften bedeckt und wollten mit mir weder über ihre Ideologie noch ihre Aktivitäten sprechen, doch lassen sie in ihren Online-Auftritten einen kleinen Einblick zu, welche Art von Ideen sie bei ihren Verbindungspartys, Liederabenden und Sonnwendfeiern transportieren.

Sieht man sich beispielsweise die Iduna einmal genauer an, stößt man auf einige interessante Dinge: Eine ihrer Farben ist „kornblumenblau“. Diese Farbe stünde für Freiheit und Freundschaft, heißt es auf ihrer Website. Tatsächlich war die Kornblume Symbol und Erkennungszeichen illegaler österreichischer Nazis vor dem Anschluss 1938. Auch der österreichische FPÖ-Präsidentschaftskandidat und Burschenschafter Norbert Hofer trägt dann und wann eine blaue Kornblume am Revers. Die Mitglieder der Iduna kochen bei Veranstaltungen für die Linzer Burschenschaft „Arminia-Czernowitz“. Gegen diese ermittelte die Staatsanwaltschaft 2010 auf Anzeige der Grünen, weil die Burschenschaft NS-Sujets auf ihren Plakaten benutze. Nur ein Hakenkreuz hatten sie aus dem Originalplakat von 1931 dann doch entfernt. Anstatt „Frohe Weihnachten“ wünscht die Iduna ihren Facebook-Fans „Heil Jul!“. Die Nationalsozialisten hatten versucht, das nordische Julfest anstatt des christlichen Weihnachtsfest zu etablieren.

Aber auch die Wiener Mädelschaften Freya und Nike verwenden NS-Symbole. Die Mädelschaft Freya (mit den Verbindungsfarben Schwarz-Rot-Gold und dem Sitz in der berüchtigten Fuhrmannsgasse in Wien, wo auch mehrere deutschnationale Burschenschaften ihre „Buden“ haben) hat etwa den Text des Deutschlandliedes in der Version, in der es von den Nazis gesungen wurde, auf ihrer Facebook-Seite („Deutschland, Deutschland über alles…“). Wie die Iduna feiern auch die Mitglieder im Dezember das Julfest. Ausflüge gibt es nicht nur zu befreundeten Mädelschaften, sondern auch etwa zu einem Fallschirmjäger-Denkmal, das die Wehrmacht 1941 auf Kreta errichtete.

Die Mädelschaft Nike wiederum verkündet auf ihrer Seite, dass Südtirol zu den „deutschen Landen“ gehöre und sie den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung feiern würden, ihre Großeltern hätten das schließlich auch nicht getan. Nike tut sich auch mit einer ganzen Reihe von rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen und Seitenhieben auf Politiker_innen und Aktivist_innen hervor, die auch mal namentlich inklusive Wohnadresse genannt werden. Die Kommentare dazu können durchaus auch als Drohungen gelesen werden („Da fürchtet sich die Antifa doch glatt vor uns Mädls—na zum Glück sind wir uns am Mittwoch nicht begegnet.“)

All diese Symbole und Aussagen stehen zwar für einschlägiges Gedankengut, sind aber in Österreich nicht verboten, etwa im Gegensatz zum Hakenkreuz. Auf den ersten Blick mögen sie unverfänglich wirken—dass die Kornblume ein Nazi-Symbol ist, ist schließlich nicht unbedingt Allgemeinwissen. Für Mitglieder der rechtsextremen Szene sind derartige Symbole jedoch eindeutig.

Um sich für Frauenangelegenheiten einzusetzen, wegen der Partys oder alleine wegen der Karriere schließt sich jedenfalls niemand einer deutschnationalen Studentinnenverbindung an, schließt Goetz. Junge Frauen, die einer Mädelschaft beitreten, erkennen diese Symbolik ganz genau und schließen sich ihnen genau deshalb an. „Frauen können schließlich genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Titelbild: Illustration von Sarah Schmitt; Bild von Adolf Hitler via Wikipedia | CC BY-SA 3.0 DE

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„Training gegen Stammtischparolen reicht nicht“

Übernommen aus: Der sozialdemokratische Kämpfer Nr. 2/2016

Ende 2015 ist im Mandelbaum-Verlag das zweites Buch der Forschungsgruppe Ideologie und Politiken der Ungleichheit,„Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische
Bildung“, erschienen. Der Band schließt thematisch an den 2014 erschienenen FIPU-Erstling „Rechtsextremismus: Entwicklungen und Analysen“ an. Redakteur Maximilian Zirkowitsch hat mit Mitautorin Eva Grigori gesprochen.
DSK: Vor kurzem erschien der zweite Band der Reihe Rechtsextremismus, die von der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit herausgegeben wird. Worum geht es?
Eva Grigori:Der zweite Bandbeschäftigt sich mehr mit Formen der Prävention von und
politischer Bildung zu Rechtsextremismus, während der erste sich vornehmlich Begrifflichkeiten und Strukturen in Österreich gewidmet hat. Das Buch wirft einen Blick
aufs pädagogische Feld, auf die Schule, allgemein auf politische Bildung in Erziehungszusammenhängen. Dabei geht es unter anderem um Jugendarbeit. Mein Thema ist allerdings die Soziale Arbeit nach der Jugend.
Wie beurteilen Sie den Stellenwert, den die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus inder Pädagogik hat?
Zu Österreich muss man festhalten, dass die Formen von Prävention und politischer Bildung zu Rechsextremismus fast ausnahmslos an Schulen stattfinden. Da sollte es auch 600 vom Ministerium finanzierte Workshops geben, welche meines Wissens nach nie stattgefunden haben. An den Schulen zeigt sich, dass die Initiativen und Akzente die in Prävention und Bildung gesetzt werden vor allem in einer historischen Logik verhaftet sind. Was hier passiert ist meist Holocaust Education, die keineswegs unwichtig ist. Allerdings ist es aufgrund der Verbreitung rechtsextremer Handlungen, Straftaten und Einstellungsmuster damit bei weitem nicht getan. In den letzten Jahren bewegte sich die sogenannte Extremismusprävention vor allem in Richtung Djihadismus und Neosalafismus. Da wurde durchaus Initiativen an Schulen gesetzt. Dazu lässt sich im Chor mit dem Verfassungsschutz sagen, dass es sich um ein abnehmendes und ohnedies
marginales Phänomen handelt.
Aus dem Bereich der Kindergartenpädagogik ist mir gar nichts bekannt. Rechtextremismus ist hier völlig unbearbeitet. In der Jugendarbeit gibt es zwar Angebote, allerdings vor allem was die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen betrifft. Zur rechtsextremen Orientierung Jugendlicher kenne ich drei Projekte. Es könnten auch mehr sein. Die Vernetzung ist schlecht. Präventive Arbeit mit
Erwachsenen findet einfach nicht statt. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen wo politische Bildung und Prävention Platz haben. Sie sind aber von den professionellen Angeboten abgeschieden.
Wie grenzen Sie Djihadismus und Neosalafismus vom Rechtsextremismus ab? Sie verwenden ja den Begriff von Holzer.
In Österreich hat Rechtextremismus nicht zwangsläufig mit einer undemokratischen Haltung zu tun. Er ist durchaus demokratiefähig. Davon unterscheiden sich Djihadismus und Neosalafismus aufgrund ihres religiösen Bezugsrahmens. Das ist universalistischer als ein völkischer Bezug. Faktengebunden muss man es auch quantitativ abgrenzen. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten, Biologismus, Antisemitismus und der Hang zu Verschwörungstheorien etwa. Das scheint mir beachtenswert und soll künftig mehr in den Fokus genommen werden. Auf einer praktischen Ebene ist es gefährlich und verharmlosend, zu sagen, wir hätten mit beidem, Rechtsextremismus und Dijhadismus gleiche Probleme.

Sind rechtsextreme Handlungen und Einstellungen einen Fall für Pädagogik und Soziale Arbeit?
Ja und nein. Ich meine, dass sie nicht der Hauptgegenstand Sozialer Arbeit sind, aber wo
SozialarbeiterInnen vernetzt, sozialraumorientiert tätig sind, haben sie die Möglichkeit demokratiepolitisch zu arbeiten und präventiv zu wirken, nicht erst als Feuerwehr. Eine Kultur des Miteinanders, eine demokratische Gesprächskultur und demokratisches Ausverhandeln sind da zu unterstützen und auf- bzw. auszubauen.
In Anbetracht dessen, wie verbreitet rechtsextreme Einstellungsmuster, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, in Österreich sind wäre es naiv zu glauben, dass die Sozialarbeit keinen rechtsextremen Taten und Erzählungen begegnet. Das hat auch meine Forschung angeleitet: Rechtsextremismus wird als Jugendphänomen verstanden und die Jugend als letzte Phase, in der pädagogisch eingegriffen werden darf. Natürlich gibt es eine gewisse Anfälligkeit in dieser Lebensphase. Allerdings zeigen Studien, dass rechtsextreme Einstellungen sich ungefähr ab dem 35. Lebensjahr verfestigen und zunehmen. Es ist höchst an der Zeit auch auf die Erwachsenen zu schauen! Wie reagieren SozialarbeiterInnen im Altersheim, in der Wohnungslosenhilfe, im Gefängnis, … auf rechtsextreme Aussagen und Selbsterklärungsmuster? Dazu gibt es keine wissenschaftliche Literatur. In meinen Daten hat sich gezeigt, dass alle PraktikerInnen geeint waren in ihrer Lähmung. Sie erinnern sich alle, wussten nicht, was sie tun oder sagen sollten und haben deswegen in der Regel geschwiegen. Unterstützung durch KollegInnen und Vorgesetzten gab es ebenfalls nicht. Meine zweite Frage war, was
Sozialarbeit aus der Jugendarbeit lernen kann, etwa Fall- und Gesprächsführung, Sozialraumorientierung.
Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen reicht nicht, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der sich und seine Lebenswelt rechtsextrem erklärt. Aus der Wiener Jugendarbeit kommt ein ganzheitliches Fallmodell, das sich bei rechten und rechtsextremen Jugendgruppen anwenden lässt.
Ab Herbst werden Sie mehr in Lehre und Forschung tätig sein. Welche Vorhaben nehmen Sie uns ihrer praktischen und Forschungsarbeit mit?
Ab Herbst wird es ein Forschungsprojekt dazu an der FH St. Pölten geben. Dieses Semester hatte ich die Ehre die Lehrveranstaltung zu Gender und Diversity mit Michaela Moser

zu leiten. Es ging sehr viel um Vorurteile und wie sich Rechte durch Vielfalt bedroht fühlen. Da reicht ein Argumentationstraining nicht.
Rechte als Zielgruppe sehe ich nicht, sondern Rechtsextremismus als Querschnittsmaterie die SozialarbeiterInnen überall begegnet. In den Köpfen existiert immer noch vielfach der Stiefelnazi, der erst als rechtsextrem gilt, wenn er „Heil Hitler!“ schreit, anstatt diese Einstellung als ein Bündel von Haltungen zu begreifen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das begegnet uns täglich, steckt in Äußerungen, Perspektiven, Strategien. Da braucht es, meine ich, Grundlagenarbeit, das zu erkennen.
Welchen politischen Auftrag leiten Sie aus Ihren Ergebnissen und den anderen Publikationen des 2. Bandes ab?
Es gibt zwar mittlerweile Beratungshotlines, aber in Österreich fehlen nach wie vor Beratungsangebote für Fachkräfte. In einigen deutschen Bundesländern werden MultiplikatorInnen wie SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen oder ReferentInnen am Sozialamt bewusst fortgebildet und eingesetzt. Deswegen sind österreichische

Projekte immer noch auf die Kooperation mit Deutschland angewiesen. Da gibt es einfach
eine Leerstelle bei uns. In mobilen, deutschen Fachstellen unterstützen Menschen BeratInnen, Familien, KollegInnen. Dafür wird auch genügend Geld zur Verfügung gestellt. Was gänzlich fehlt ist Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt, lediglich allgemeine Opferberatung. Und was eindeutig fehlt ist Ausstiegshilfe. Und damit müsste man im Justizvollzug anfangen.

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Ehre, Freiheit, Vatermord – Die Burschenschaft Hysteria

erschienen auf vice.com/alps

von Verena Bogner

Im vergangenen April haben Mitglieder der sogenannten Identitären die Aufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax gestürmt. Daraufhin wurde das Ensemble für eine Aufführung von der Stadt Wien ins Rathaus eingeladen. Bei eben dieser Aufführung hat die Burschenschaft Hysteria, laut Eigenbeschreibung die älteste Burschenschaft Österreichs, den Saalschutz übernommen. „Wir sind die wahren Hüterinnen der österreichischen Kultur und Tradition“, hieß es damals auf der Hysteria-Seite. Außerdem waren Mitglieder der Hysteria beim Bachmann-Preis anwesend, wo die Autorin Stefanie Sargnagel, die selbst Mitglied der Hysteria ist und im Netz immer wieder von Rechten attackiert wird, den Publikumspreis gewonnen hat.

Am 10. Januar 2016 wurde das erste Mal auf der Facebook-Page der Burschenschaft Hysteria gepostet—und zwar das Bild einer schreienden Hyäne, ihres perfekt ausgewählten Wappentiers. Seitdem finden sich dort regelmäßig Postings zu aktuellen Anlässen wie beispielsweise dem traditionellen Fest zur Sommersonnenwende, das die Hysteria am Donauinselfest gefeiert hatte. Die Burschenschaft Hysteria ist die feministische und längst überfällige Antwort auf deutschnationale Burschenschaften, die in Österreich immer noch Tradition haben und jeden Januar mit dem Akademikerball für Gegenproteste sorgen; und im Zuge dessen auch dafür, dass in der Wiener Innenstadt der eine oder andere umgestoßene Mistkübel wieder aufgestellt werden muss.

Die Burschenschaft Hysteria bewegt sich irgendwo zwischen Satire, Kunstprojekt und radikalem, politischen Aktivismus und macht vor allem eines: Sie zeigt durch diese Zuspitzung auf die deutlichste, brachialste Art die Schwachstellen des Gedankenguts von männerbündlerischen Burschenschaften auf. Mit denen ist sie übrigens eher zu vergleichen als mit klassischen Mädelschaften beziehungsweise Damenverbindungen, von denen es in Österreich aktuell etwas mehr als eine Handvoll gibt. Diese nehmen zwar genau wie die Hysteria nur Frauen auf, aber die Hysteria lehnt sich in ihren Werten, Zielen und Traditionen eindeutig an Männerbünde an.

Die Burschenschaft Hysteria distanziert sich (zumindest offiziell) übrigens von der Behauptung, Satire zu sein, wie sie nach einer Erwähnung im Falter als „satirisch-feministische Burschenschaft“ klarstellt. Auch das gehört zu ihren Kerneigenschaften: Die Hysteria bleibt immer „in character“ und fällt nie aus ihrer öffentlichen Rolle.

Das gilt auch für unsere Anfrage, auf die uns die Burschenschaft Hysteria erklärt, dass sie derzeit keine Interviews gibt und uns bittet, das auf ihrer Facebook-Seite zur Verfügung stehende Material zu verwenden.

Laut der dortigen Eigenbeschreibung steht die Hysteria für starke, ideelle Werte, die Unterdrückung Andersdenkender, aktiven Vaterlandsverrat und bietet neben einer Erweiterung des Horizontes auch lebenslange Freundinnenschaften. Männer sind in der Burschenschaft selbstverständlich nicht erlaubt, denn die gehören laut Hysteria nicht in die Öffentlichkeit, vielmehr sieht sie die Sphäre des Mannes klar im Privaten.

Die Hysteria verlangt von ihren Mitgliedern (und in weiterer Folge auch weltweit) die Angleichung der Zyklen, die Einschränkung des Männerwahlrechts, günstige Abtreibungen, Schleierzwang für Männer und Hodenamputation bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr, bei dem die Frau nicht zum Höhepunkt kommt. Kurz gesagt: Das uneingeschränkte Matriarchat. Die Mitglieder der Hysteria tragen Hyänen-Jacken und rote Deckel. Was auf den ersten Blick lustig und absurd wirkt, trägt in Wahrheit zur Entmystifizierung einer Ideologie mit großem Gefahrenpotenzial bei.


Burschenschaften in Österreich:


Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die sich als Mitwirkende der „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ intensiv mit Burschen- und Mädelschaften, beziehungsweise Damenverbindungen beschäftigt, sieht zwischen dem Auftreten und der Organisationsform der Hysteria viele Parallelen zu anderen Burschenschaften.

„Die Burschenschaft Hysteria bezieht sich in ihrer Namensgebung, ihrer Organisationsform als geschlechtshomogene Gruppe und historischen Entstehungsgeschichte nicht nur auf burschenschaftliche Traditionen, sondern auch die vertretenen Werte, Ideale und Forderungen orientieren sich an burschenschaftlichen Vorbildern“, sagt Goetz.

Diese Traditionen und Werte sind laut Goetz unter anderem: Die Verwendung von Couleurnamen (wie Sauhilde oder Sprenghilde), die gegenseitige Anrufung als „Burschen“, strenge Verbindungsprinzipien, der gemeinschaftlich organisierte Alkoholkonsum sowie die Bezugnahme auf das Ritual der Mensur zur Absicherung des eigenen Bundes nach außen. Vor allem das Kämpfen von Mensuren unterscheidet die Hysteria laut Goetz außerdem von gängigen Mädelschaften und Frauenverbindungen, da Frauen dem Weltbild von Burschenschaften zufolge nicht satisfaktionsfähig sind. Im Nichtburschi-Sprech: Sie können nach einer Ehrverletzung die Ehre nicht durch Duellieren wiederherstellen.

Themen, denen sich die Burschenschaft Hysteria immer wieder annimmt, sind auch Sexismus und veraltete Geschlechterrollen—also Konzepte, die Burschenschaften und andere rechte Gruppierungen häufig promoten und beispielsweise mit Kampagnen zum Schutz „unserer Frauen“ vor der Belästigung durch fremde Männer zu festigen versuchen.

Hier sieht Goetz auch die Besonderheit der Hysteria: „Insbesondere der von Burschenschaftern vertretene Sexismus wird von der Hysteria zugespitzt ins Gegenteil verkehrt. Anstelle der Ablehnung von Frauen*-Quoten wird beispielsweise eine Frauen*- und Transgender-Quote von 80 Prozent in öffentlichen Ämtern gefordert. Damit wird auch eine wichtige Kritik am burschenschaftlichen Gedankengut deutlich. Burschenschaften tragen durch ihre männerbündische Organisationsform maßgeblich zur Aufrechterhaltung und Reproduktion biologistischer und hierarchisch gedachter, geschlechterdualistischer Vorstellungen von Gender bei. Die männerbündische Tradition der Burschenschaften verfolgt nicht zuletzt das Ziel, Frauen* aus dem Bund wie auch der Sphäre der Politik fern zu halten. Die Hysteria macht Aspekte zum Thema, die in der Kritik an Burschenschaften lange Zeit ausgespart oder vernachlässigt geblieben sind—wie eben der burschenschaftliche Sexismus und Antifeminismus sowie auch Homo- und Trans-Feindlichkeit. Gerade weil diese Ideologien auch in der so genannten gesellschaftlichen Mitte tief verankert sind, wird oftmals übersehen, dass sie auch einen fixen Bestandteil extrem rechter Denkmuster ausmachen.“

Wie so oft, wenn es um die Diskussion geht, welche Plattform rechten Gruppierungen wie Burschenschaften oder auch den sogenannten Identitären gegeben werden soll, kann auch hier der Eindruck entstehen, dass die Hysteria durch ihr Aufgreifen von burschenschaftlichen Traditionen eben diesen zu viel Bedeutung zumisst, anstatt ihre Mechanismen zu entlarven.

Laut Goetz schenkt die Hysteria Burschenschaften jedoch eben die Aufmerksamkeit, die den oftmals unterschätzten Männerbünden zusteht: „Deutschnationale Burschenschaften wurden und werden in Bezug auf ihre gesellschaftliche wie auch politische Bedeutung bis heute unterschätzt und oftmals als marginalisierte Gruppe Ewiggestriger abgetan. Insofern wird ihnen von Seiten der Hysteria jene Aufmerksamkeit zugemessen, die ihnen tatsächlich auch zukommen sollte.“

Aufgrund ihrer provokanten Inszenierung hat nicht nur Stefanie Sargnagel als Person des öffentlichen Lebens, sondern auch die Hysteria als Ganzes mit Anfeindungen von Rechts zu kämpfen. Erst kürzlich hat die Burschenschaft Hansea zu Wien ein Foto der Hysteria mit dem Text „Besucherinnen vom Planeten der Unbeschlafenen“ und dem Hashtag #linkeweiberausknocken geteilt, was nicht nur das sexistische Gedankengut der Burschenschaft deutlich werden lässt, sondern auch zeigt, dass die Inszenierung der Hysteria am großen Ego der Burschenschaft kratzt. Die Hysteria hat der Burschenschaft daraufhin einen Besuch bei ihrer Bude abgestattet.

Der Hashtag #linkeweiberausknocken hat übrigens eine Vorgeschichte: Auf einer gleichnamigen Webseite wurden Gewaltaufrufe gegen Frauen veröffentlicht, die sich antifaschistisch engagieren, zum Beispiel gegen Natascha Strobl. Außerdem wurden Sticker mit der Aufschrift und ihrem Gesicht darauf in Wien verteilt.

Derartige Untergriffigkeiten von Burschenschaften gegenüber Frauen generell und der Hysteria im Besonderen seien laut Goetz der Versuch, das Fortbestehen der Geschlechterdifferenz und der eigenen Privilegien zu sichern, das durch Gruppierungen wie die Burschenschaft Hysteria mehr denn je infrage gestellt werde: „Mädelschaften und Damenverbindung stellten bislang keine Bedrohung dar, da sie im Rahmen strenger Geschlechterhierachien und klaren Aufgabenverteilungen bestehen. Aufweichungen dieser männerbündischen Strukturen, wie sie jedoch beispielsweise durch die Öffnung von Burschenschaften für Frauen* von statten gehen würden, werden folglich mit einer Bedrohung sowohl für den Fortbestand antiquierter Geschlechterbeziehungen als auch für die eigenen Privilegien in Verbindung gebracht und aktiv bekämpft.“

Die Burschenschaft Hysteria findet einen Weg, Rechte zu entlarven, ohne sich selbst (zumindest was Social Media betrifft) angreifbar zu machen. Sie spielt gezielt mit den Werten und Ansichten „weißer Männer“—denjenigen, die „unsere“ Frauen schützen wollen, aber im nächsten Moment Vergewaltigungsdrohungen auf Facebook verfassen oder die, für die weibliche Emanzipation immer noch der Feind der traditionellen Familie ist. So schafft sie es nicht nur, zu entlarven und uns bewusst zu machen, welches Welt- und Frauenbild ein Teil unserer Gesellschaft eigentlich vertritt, sondern motiviert junge Frauen auch, etwas gegen eben dieses Weltbild zu tun. Nach eigenen Angaben der Hysteria häufen sich inzwischen die Mitgliedsanfragen. Um es mit ihren Worten zu sagen: Noch nie hat Vaterlandsverrat so gut geschmeckt.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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„Drogenfreier Volkskörper“

erschienen in progress 2/16

von Judith Goetz

Rechtsextreme Drogenpolitiken, rechtsextremer Drogenkonsum.

Wenngleich FPÖ-Politiker_innen sich tagesaktuell immer wieder zu drogenpolitischen Themen positionieren, bleibt die Thematik im Parteiprogramm der FPÖ jedoch weitgehend ausgespart. Anders verhält es sich bei der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), in deren Parteiprogramm Drogenkriminalität „hohe Priorität“ zugeschrieben wird, die „härter zu ahnden“ wäre. Die Alternative für Deutschland (AfD) wiederum fordert „Süchtigen […] im Wege der kontrollierten Abgabe“ Zugang zu Drogen zu ermöglichen und glaubt, damit Kriminalität und „Schwarzmarkt“ bekämpfen zu können. Als gemeinsamer Nenner dieser durchwegs unterschiedlichen Positionen fungieren im rechtsextremen Parteienspektrum vor allem die Ablehnung liberaler Drogenpolitiken sowie die rassistische Aufladung damit verbundener Diskurse. Dabei werden Feindbilder geschaffen, die den Vertrieb von Drogen ausschließlich bei vermeintlich „Fremden“ orten. Es handle sich, so die Konstruktion, um organisierte „ausländische“ Banden, die versuchen würden, den „Volkskörper“ sprichwörtlich zu vergiften. National Gesinnte hingegen würden und müssten jegliche Form der Verbreitung von Drogen aus selbigem Grund ablehnen. Das „eigene Volk“ müsse „sauber“, „rein“ beziehungsweise „drogenfrei“ gehalten werden. Die tiefe Verankerung des Feinbildes des „ausländischen Drogendealers“ in Gesellschaft, Politik und Medien ermöglicht es Vertreter_innen der extremen Rechten, sich als „Saubermacher_ innen“ und „Beschützer_innen des Volks“, insbesondere der angeblich bedrohten Jugend zu inszenieren. Zudem eignet sich das Drogenthema, als vermeintlich politisch wenig belastetes, um in der sogenannten Mitte der Gesellschaft zu punkten.

WIDERSPRÜCHLICH. Dennoch spiegeln sich die prohibitionistischen Forderungen rechtsextremer Parteien nicht unbedingt im Verhalten ihrer Anhänger_innen wider, da in regelmäßigen Abständen gegen Angehörige rechtsextremer und neonazistischer Szenen nicht nur wegen Konsums von, sondern auch Handel mit Drogen ermittelt wird. So war beispielsweise der 2010 aufgeflogene neonazistische Kulturverein Objekt 21 nahe Attnang- Puchheim in Drogen- und Waffenhandel involviert. Auch in Deutschland lag im Zuge von Ermittlungen immer wieder die Vermutung nahe, dass sich neonazistische Szenen über Drogenhandel finanzieren. Zudem sind Fälle bekannt, in denen Rechtsextreme ihre Taten, wie das Zeigen des Hitlergrußes oder auch Gewalt gegen Menschen, (vor Gericht) mit vorangegangenem Drogenkonsum zu entschuldigen versuchten.

Auch in den Reihen der FPÖ selbst kommt es immer wieder zu „Skandalen“ im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch. So standen zum Beispiel letztes Jahr eine Polizeibeamtin und FPÖ-Bezirksfunktionärin sowie ein Mitglied der Polizeigewerkschaft Aktionsgemeinschaft Unabhängiger und Freiheitlicher (AUF) in Innsbruck im Visier von Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Suchtmittelgesetz. Widersprüchlichkeiten in rechtsextremen Drogenpolitiken werden auch in Bezug auf die Haltungen rechtsextremer Parteien zu Tabak und Alkohol evident. Abgesehen davon, dass die „Volksdroge“ Alkohol in den meisten rechtsextremen Kreisen ohnehin nicht als Suchtmittel anerkannt wird, inszeniert sich die FPÖ in Abgrenzung zur Regierung als „Raucher_ innenpartei“. Während in Bezug auf andere Suchtmittel selbstbestimmte Konsummöglichkeiten gänzlich abgelehnt werden, tritt die FPÖ in der von ihr ins Leben gerufenen Petition „Nein zum absoluten Rauchverbot“ für „die Wahlfreiheit der Konsumenten und Gastronomen“ ein.

PANZERSCHOKOLADE. Bereits im Zweiten Weltkrieg dürfte die Haltung der Nationalsozialist_innen gegenüber Drogen alles andere als ablehnend gewesen sein. Adolf Hitler selbst soll mit sogenannten Nachtschattendrogen und Strychnin experimentiert, Josef Goebbels Morphium und Hermann Göring Kokain konsumiert haben. In der deutschen Wehrmacht und Luftwaffe wurde vor allem im Blitzkrieg gegen Polen Pervitin, heute bekannt als Crystal Meth, eingesetzt, um einerseits die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit der Soldaten zu steigern und andererseits ihre Angstgefühle einzudämmen. Über 200 Millionen „Stuka-Tabletten“, „Hermann-Göring- Pillen“, „Panzerschokolade“ und „Fliegermarzipan“, wie die entsprechenden „Aufputscher“ genannt wurden, sollen zwischen 1939 und 1945 eingesetzt worden sein.

STRAFEN STATT HELFEN. Darüber hinaus lässt sich sagen, dass rechtsextreme Ideologie, anstelle von Prävention und Ursachenbekämpfung oder der Förderung eines selbstbestimmten, verantwortungsvollen Konsumverhaltens, auf Repression, härtere Strafen und Ausbau von Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen setzt. Von vielen rechten und rechtsextremen Parteien sowie ihren Anhänger_innen werden jedoch nicht nur liberale Drogenpolitiken abgelehnt, sondern auch Unterstützungsprogramme für Suchterkrankte. Die Forderung nach „Zwangstherapie für Drogenabhängige“, wie sie von der FPÖ-Nationalratsabgeordneten Dagmar Belakowitsch- Jenewein aufgestellt wurde, ignoriert beispielsweise, dass nicht jeder Konsum mit einer Suchterkrankung gleichzusetzen ist und die Wirksamkeit derartiger Maßnahmen nicht durch Zwang, sondern ausschließlich durch (freiwillige) Bereitschaft der Betroffenen erreicht werden kann.

Auch Waldarbeit oder landwirtschaftliche Tätigkeiten, wie es die FPÖ begleitend zum Entzug vorgeschlagen hat, zielen nicht notwendigerweise auf die Heilung ab. Vielmehr wird deutlich, dass sich hinter der Ablehnung von Suchthilfe auch gängige Muster menschenfeindlicher, sozialdarwinistischer Politiken verbergen, in denen schwächere Mitglieder der Gesellschaft nicht unterstützt, sondern im Gegenteil als Last für die Allgemeinheit erachtet werden. Die AfD fordert in ihrem Parteiprogramm beispielsweise, „nicht therapierbare Alkohol- und Drogenabhängige sowie psychisch kranke Täter […] nicht in psychiatrischen Krankenhäusern, sondern in der Sicherungsverwahrung unterzubringen“. Hinzu kommt außerdem, dass sich rechtsextreme und neonazistische Gewalt auch immer wieder gegen soziale Randgruppen wie Konsument_innen von Drogen und Suchterkrankte richtet.

Judith Goetz ist Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit und studiert Politikwissenschaften im Doktorat an der Uni Wien.

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Retter_innen der Kernfamilie

Von Judith Goetz

Erschienen in progress 2/16

Stärker denn je nehmen Rechtsextreme (staatliche) Gleichstellungspolitiken und sexualpädagogische Maßnahmen ins Visier. Besondere Bedeutung kommt dabei den Debatten rund um vermeintliche „Frühsexualisierung“ zu.

Obgleich die Bedeutung des Schlagworts „Frühsexualisierung“ in rechtskonservativen und rechtsextremen Diskursen zumeist nicht näher ausgeführt wird, scheint sich der Terminus in den letzten Jahren zu einem Kampfbegriff entwickelt zu haben. Er wird dabei vor allem zur Abwehr zeitgemäßer pädagogischer Ansätze der Sexualerziehung im frühen Kindesalter zum Einsatz gebracht, die Kindern ein positives Körpergefühl, Abbau von Schamgefühlen und die Entwicklung einer verantwortungsvollen, selbstbestimmten Sexualität ermöglichen sollen. Die Bestrebungen zielen unter anderem auf die Befähigung ab, (sexualisierte) Gewalt zu erkennen und sich gegen diese zur Wehr zu setzen.

In kindergerechter Weise werden Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit nur als eine von vielen gleichberechtigten Möglichkeiten geschlechtlicher und sexueller Lebens- und Begehrensformen präsentiert, von „natürlichen“ Vorstellungen von Sexualität wird Abstand genommen. Grund genug für konservative und rechte Kräfte, Sturm zu laufen. Anlass für Diskussionen lieferten in Deutschland ein Methodenbuch zur „Sexualpädagogik der Vielfalt“ sowie Bestrebungen, „Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten“ in Sexualkunde-Unterrichtspläne zu integrieren.

In Österreich wiederum stand vor allem die 2012 vom Verein Selbstlaut herausgegebene sexualpädagogische Broschüre „Ganz schön intim“, die Lehrer_innen Anregungen für die Thematisierung von Liebe und Sexualität im Unterricht liefert und unter anderem Selbstbefriedigung, Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Beziehungen und Intersexualität selbstverständlich behandelt, im Fokus eines vermeintlichen Skandals. Sowohl von ÖVP, FPÖ, BZÖ als auch (rechts-)katholischen Organisationen wurde die in den Medien als „Sex- Fibel“ (Kurier) oder „Sex-Unterlagen“ (Krone) betitelte Broschüre als „verstörend“ kritisiert, da sie homosexuelle Paare heterosexuellen gleichstellt. Dadurch würde, so die homophobe Argumentation, die „Kernfamilie bedroht“ und „Kindern ein irritierendes Bild von Familie und Sexualität“ (Barbara Rosenkranz) vermittelt.

ALTBEKANNTE MUSTER. In der Diskreditierung derartiger pädagogischer Ansätze bedienen sich Rechtsextreme bekannter Methoden, die von selektiven Darstellungen über die Umdeutung von Diskursen bis hin zur Verbreitung von Unwahrheiten reichen. So ist in einschlägigen Veröffentlichungen und Wortbeiträgen von „ideologischer Stimmungsmache“, „staatlicher Umerziehung“, „Indoktrination“, „Manipulation“ oder der „Trans- und Homosexualisierung“ der Kinder und Schulen zu lesen und zu hören.

Nicht selten inszenieren sich die selbsternannten Retter_innen der „Kernfamilien“ dabei als die eigentlichen Diskriminierten, da „Berufsschwule“ und „Genderbeauftragte“, so die beinahe wahnhaften Vorstellungen, bis in die Klassenzimmer die Erziehung ihrer Kinder bestimmen könnten, während die Rechte der Eltern ausgehebelt würden. Der Diskurs fixiere sich zudem zu stark auf „Diskriminierungen, die in der sexuellen Identität begründet sind“, wohingegen andere Benachteiligungen außer Acht gelassen würden. So wird „Frühsexualisierung“ von der Auflösung der Familie bis hin zum Niedergang des Bildungssystems und des (deutschen) Volkes für so ziemlich alles verantwortlich gemacht. Wenig verwunderlich auch, dass in antifeministischer Manier Vaterlosigkeit als schwerwiegenderes Problem in Stellung gebracht und in weiterer Folge bejammert wird, dass (frauenfeindliche) Väterrechtsorganisationen nicht in gleicher Weise an Schulen dürften wie Sexualpädagog_innen. Umschreibungen wie „unnatürlich“, „pervers“ oder gar „pädophil“ zielen zudem nicht nur darauf ab, Homosexualität damit in Verbindung zu bringen, sondern alles von Heterosexualität Abweichende zu stigmatisieren.

BESORGTE ELTERN. Inszenierte Angst- und Bedrohungsszenarien ermöglichen es der extremen Rechten, ihre Positionen als notwendige, legitime Kritik in öffentlichen und medialen Debatten zu präsentieren. Durch die ohnehin tiefe Verankerung derartiger Denkmuster in der Mitte der Gesellschaft, gelingt es ihnen zudem, ihre antifeministische und homophobe Agenda als mainstreamfähig darzustellen.

Die Hartnäckigkeit, mit der Rechtsextreme hierzulande versuchen, sexualpädagogische Debatten zu beeinflussen, zeigte sich zuletzt auch an Hand einer auf progress-online.at erschienenen Rezension zweier Kinderbücher, „die darauf verzichten, die Mär von Zweigeschlechtlichkeit und Vater- Mutter-Kind-Familien zu zementieren“. Grund genug für manche sowohl auf Facebook wie auch der rechtsextremen, von Martin Graf gegründeten, Internetplattform unzensuriert.at heiß zu laufen und mit biologistischen Argumenten die heterosexuelle Kleinfamilie als einzige zur Reproduktion fähige, „natürliche“ Instanz zu verteidigen.

Der Grund für das unglaubliche Mobilisierungspotential derartiger Diskurse kann vor allem darin gefunden werden, dass durch Sexualerziehung im frühen Kindesalter tatsächlich die Möglichkeit besteht, sexistischen, homo- und transfeindlichen Denkmustern präventiv vorzubeugen. In Aufruhr scheinen Rechtsextreme und ihre Verbündeten jedoch vor allem deswegen zu sein, weil durch derartige Bestrebungen nicht nur dichotome Geschlechtervorstellungen ins Wanken geraten, sondern auch die traditionelle heteronormative, bürgerliche Kleinfamilie. Die Familie wird als „Keimzelle, Rückgrat und Leistungsträger“ der Gesellschaft dagegen in Stellung gebracht, um vermeintlich natürliche Geschlechterordnungen und die damit verbundenen Privilegien aufrechtzuerhalten und abzusichern. Das vermeintliche Wohl der Kinder wird für die eigenen Interessen instrumentalisiert.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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Rechtsextremismus-Chronik 2013

Die „unvollständige Chronik des Rechtsextremismus in Österreich 2013“ von Heribert Schiedel aus unserem ersten Buch, nun hier online: fipu_chronik_2013 (pdf).

Informationen zu den restlichen Inhalten des Buches finden sich hier, solche zum im Feber/März 2016 erscheinenden Nachfolgeband hier.

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„Hausfrau und Teufelin“

in an.schläge I / 2016

BEATE ZSCHÄPE wird medial entweder als unbedarftes „Mädel“ oder als personifiziertes Böses inszeniert. Die Soziologin CHARLIE KAUFHOLD erklärt JUDITH GOETZ im Interview, was feminisierte Darstellungen mit deutschen Schuldabwehrstrategien zu tun haben.

an.schläge: Sie haben in Ihrem Buch zwei mediale Darstellungsweisen von Beate Zschäpe herausgearbeitet: einerseits „dämonisierende Feminisierungen“ und andererseits „bagatellisierende Feminisierungen“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Charlie Kaufhold: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf zwei Extreme gestoßen: Einerseits gab es in den Medien eine starke Bagatellisierung der Rolle von Zschäpe. Sie wurde aus der Verantwortung genommen und als unpolitische Mitläuferin dargestellt, als naive Hausfrau und teilweise verkindlicht und viktimisiert, das geschah vor allem durch vergeschlechtlichte Bilder. Ein Beispiel hierzu ist, dass sie als „liebes Mädel“ bezeichnet wurde oder nur für den Haushalt zuständig gewesen sein soll.
Das andere Extrem ist, dass Zschäpe als von der Norm abweichend, absonderlich und als personifiziertes Böses dargestellt wurde. Auch diese Darstellungsweise wurde durch vergeschlechtlichte Bilder gestützt. Ein Beispiel hierzu ist die Titelseite der „Bild“ zum Prozessbeginn: Neben einem großen Foto von Zschäpe prangte die Überschrift „Der Teufel hat sich schick gemacht“.

Unterschiedliche Zeitungen stellten Zschäpe immer wieder als „Täuscherin“ und „Fassadenfrau“ dar. Haben sich die Darstellungsweisen nach Zschäpes Aussage Anfang Dezember verändert?

Zschäpes erste Aussage, die sie im Dezember von ihrem Anwalt verlesen ließ, war wenig überraschend. Sie hat genau die bagatellisierenden Darstellungsweisen reproduziert, die ihr bisher durch die mediale Berichterstattung angetragen wurden. Mit vergeschlechtlichten Bildern von sich als emotional instabiler und abhängiger Frau versuchte sie sich zu entlasten, was übrigens eine auch im NSU-Prozess durchaus gängige Aussagestrategie von weiblichen Neonazis ist. Dabei hat sie sich jedoch zu keiner Frage geäußert, die Aufklärung in den NSU-Komplex bringen könnte, keine Details zu den Hintergründen der Morde und der Auswahl der Opfer preisgegeben und bspw. keine_n Neonazi belastet, dessen Beteiligung nicht sowieso schon bekannt war. Erstaunlich fand ich hingegen, dass genau die Medien, die diese bagatellisierenden Bilder zuvor noch produziert hatten, sich nun auch kritisch gegenüber Zschäpes Narrativ äußerten. Trotzdem blieb eine vergeschlechtlichte Darstellung von Zschäpe bestehen, sie wurde weiterhin in Bezug auf ihr Erscheinungsbild und ihre Mimik – z. B. ihr Lächeln – beschrieben, ihre vermeintliche Persönlichkeit und ihr Charakter standen im Vordergrund, keineswegs ihre politische Haltung und Vorgeschichte. Auch wurde im Dezember wiederholt der Kontrast zu der Berichterstattung über Wohlleben deutlich. Dieser wurde durchgehend als politisch überzeugter Neonazi dargestellt. Insoweit würde ich sagen, dass es bestimmte Änderungen in der Berichterstattung gibt, aber dass es weiterhin auch bestimmte Konstanten gibt – den Fokus auf Zschäpes Weiblichkeit.

Sie analysieren in Ihrem Buch außerdem, welche Effekte diese Berichterstattung für die deutsche Dominanzgesellschaft hat …

Mich hatte nicht nur interessiert, welche Bilder produziert wurden und welche Rolle Geschlecht dabei spielte. Daran anknüpfend bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen diese vergeschlechtlichte Berichterstattung hat. Was die beiden genannten Darstellungsweisen von Zschäpe angeht, denke ich, dass sie die Möglichkeit bieten, Schuld abzuwehren und mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen, innerhalb derer der NSU überhaupt agieren konnte, zu negieren. Das geschieht durch unterschiedliche Mechanismen: Durch die bagatellisierenden Darstellungsweisen können Zschäpe und ihre Taten als irrelevant dargestellt werden. Deshalb muss man sich also auch gar nicht erst damit beschäftigen. Bei den dämonisierenden Darstellungsweisen wird Zschäpe außerhalb des deutschen Kollektivs verortet, sie wird ja als von der Norm abweichend dargestellt. Dadurch muss keine Auseinandersetzung mit ihr und ihren Taten stattfinden, genauso wenig wie mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen – sie wird ja als weit entfernt von der mehrheitsdeutschen Norm dargestellt. Entsprechend wird auch rassistische Gewalt außerhalb des mehrheitsdeutschen Kollektivs angesiedelt.

Inwiefern knüpfen diese Bilder an Vorstellungen von NS-Täterinnen an?

Es gab sowohl vergeschlechtlichte bagatellisierende als auch dämonisierende Darstellungsweisen in der Berichterstattung über angeklagte nationalsozialistische Täterinnen – in der direkten Nachkriegszeit wie auch in späteren Prozessen. In medialen Repräsentationen des Nationalsozialismus, wie bspw. in Filmen wie „Der Untergang“, finden sich die genannten vergeschlechtlichten Darstellungsweisen bis heute, auch in diesen Fällen natürlich verknüpft mit der Möglichkeit der Schuldabwehr.

Wie kommt es zu dieser Schuldabwehr?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland in keiner auch nur annähernd angemessenen Weise aufgearbeitet wurde. Es gibt Studien zu Folgewirkungen des Nationalsozialismus auf psychosozialer Ebene. Ganz kurz zusammengefasst ist das zentrale Argument, dass die mehrheitsdeutsche Bevölkerung auch emotional stark mit dem nationalsozialistischen System verstrickt war und sich nach 1945 verschiedener Abwehrmechanismen bediente, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Die dadurch entstandene psychosoziale Struktur ist an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden und auch heute noch wirkmächtig.

Und in diesen Zusammenhang steht auch die Berichterstattung über Zschäpe?

Ja, hier findet sich ein möglicher Ansatz, um die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären: Durch die beschriebenen Folgewirkungen des NS gibt es in Deutschland weiterhin die Neigung, Schuld in Zusammenhang mit faschistischen Taten abzuwehren. Genauso wie also durch vergeschlechtlichte Diskurse Schuld nach dem Nationalsozialismus abgewehrt wurde – z. B. in der Berichterstattung über nationalsozialistische Täterinnen – , wird auch heute noch Schuld in Bezug auf rassistische Strukturen abgewehrt. Und das zeigt sich eben auch in der Berichterstattung über Zschäpe.

Gab es auch andere mediale Darstellungen mit anderen Effekten?

Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit verändert und es gibt immer wieder auch Artikel, die sich kritisch mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und die genannten Darstellungsweisen nicht reproduzieren. Allerdings ist die Berichterstattung insgesamt nach wie vor weit entfernt von einer emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Neonazismus und Geschlecht, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft auf ihren verschiedenen Ebenen. Auch das Leid der Angehörigen der Ermordeten und der Überlebenden der Bombenanschläge findet keine angemessene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich finde, dass die Kritik über die konkrete Praxis der Berichterstattung hinausgehen muss: Die Strukturen, die eine solche Berichterstattung nahelegen, müssten verändert werden. Eine tiefgreifende Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der damit verbundenen Schuld wäre ein Anfang.

Von Charlie Kaufhold ist kürzlich „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ in der Reihe Antifaschistische Politik (RAP) der Edition Assemblage erschienen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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[Sbg]25.1., 19h Vortrag mit Judith Goetz: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung“

– Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften

Judith Goetz*

Deutschnationale Burschenschafter fungieren in Österreich sowohl als Sammelbecken für parteiförmig organisierte Rechtsextreme (FPÖ Funktionäre) als auch als Anhänger der militanten Neonazi-Szene und sichern sich durch ihre Männerseilschaften Einfluss, Posten und Privilegien. Die burschenschaftliche Organisation selbst baut dabei auf einer Trias auf, deren Säulen ideologisch aufeinander bezogen und zutiefst antifeministisch und sexistisch konzeptioniert sind. Neben dem völkischen Nationalismus und dem männerbündischen Prinzip vervollständigen Brauchtumsformen wie das in burschenschaftlichen Kreisen kultivierte Mensurwesen diese Trias. So dient der Männerbund und die dahinter stehenden Vorstellungen biologistisch argumentierter Geschlechterdifferenz als sexistisches Ordnungskonzept, das die vermeintlich „natürliche“ Geschlechtertrennung und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen regelt. Auch die ideologische wie auch politische, antifeministische Agenda deutschnationaler Burschenschaftern zielt nicht selten auf die Renaturalisierung, also die „Wiederherstellung“ einer vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung ab. Dieses strikt duale Geschlechtermodell erfüllt dabei bestimmte Funktionen, wie beispielsweise Einflüsse von vermeintlicher Weiblichkeit aus der Sphäre des Politischen, des Männerbundes oder auch der Gesellschaft fernzuhalten.

Im Vortrag mit anschließender Diskussion soll der burschenschaftliche Antifeminismus vor dem Hintergrund der Prinzipien des Männerbundes und dem Wesen der Mensur näher beleuchtet werden.

Montag, 25.01.2016, 19 Uhr
Georg-Eisler-Hörsaal (HS3) im Unipark Nonntal, Erzabt-Klotz-Str. 1, 5020 Salzburg

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem GendUp, der StV Geschichte und dem flit*z Salzburg statt.
Der Eintritt ist frei, der Hörsaal ist barrierefrei zugänglich.

*Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin sowie Mitglied der Forschungsgruppe FIPU (www.fipu.at), sowie Vizeobfrau der LICRA (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), Mauthausen-Außenlager-Guide, (Gruppen-)Trainerin, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen. Lehraufträge an den Universitäten in Klagenfurt/Celovec, Salzburg und Wien.

Facebook-Link zur Veranstaltung: https://www.facebook.com/events/444840212391959/

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