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Der Nazis neue Töne. Neuere Entwicklungen im österreichischen Rechtsrock.

Welchen Stellenwert hat Musik für die neonazistische und extreme Rechte Österreichs heute? Welche Bands sind bedeutend und bestehen Strukturen, die musikalischen Erfolg in Geld für die rechtsextreme Szene umwandeln können?

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Aufgepumpte Muskeln, ein „X“ auf dem Handrücken, Kapuzenpullis und Baseball-Kappen; dazu treibende Beats, melodiöse Refrains zum Mitgröhlen und Texte über Bruderschaft, Reinheit und ‚One family‘. Ganz im Stil der Straight Edge-Hardcore Bands der 1990er Jahre, doch gepaart mit professionellem Videoschnitt und Selbstinszenierung in sozialen Medien: Das sind die Elemente, welche die neue Musik der neonazistischen Szene zunehmend prägen. Während ideologische Versatzstücke oft in den Hintergrund rücken, beteuern die Musiker „anders als die meisten Konsumidioten und Säufer in der Szene“ wirklich hinter der nationalen Sache zu stehen. So stellen es zumindest die Musiker von Terrorsphära, dem österreichischen Exportschlager im Bereich des NS-Hardcore (NS-HC), dar.

Am 15. Oktober 2016 im Schweizer Städtchen Unterwasser: Mehrere tausend Neonazis finden sich in einer Sporthalle ein, um zu neonazistischen Bands wie Frontalkraft oder Stahlgewitter abzufeiern. Medien vermelden das größte Nazi-Konzert der letzten Jahre. Aufgrund der Menge der Besucher_innen, die Behörden sprechen von rund 5000 Menschen, greift die sichtlich überrumpelte Polizei nicht ein. Im Laufe des Abends werden massig rechte Arme zum Hitlergruß erhoben, darunter befinden sich nicht gerade wenige Neonazis aus Österreich. Kein Wunder: Die Grenze ist nur zehn Kilometer von der Sporthalle entfernt. In Feldkirch ist man mit dem Auto in einer halben Stunde.

Blood & Honour

Das Konzert in Unterwasser ist ein Beispiel dafür, wie die extreme Rechte Musik nutzt, um neue Anhänger_innen und Aktivist_innen für ihre Ziele zu begeistern. Zu Demonstrationen aus demselben Lager kommen in der Regel weit weniger Menschen. Musik ist schon lange ein Mittel, um Menschen für politische Ziele zu mobilisieren. Der Welser Journalist Thomas Rammerstorfer beschäftigt sich seit Langem mit der extremen Rechten, ihrer Musik und ihren Proponent_innen:

„Im jugend- und subkulturellen Bereich hat Musik generell einen zentralen Stellenwert, nicht nur in der extremen Rechten. Musik ist perfekt zum Unterstreichen von Emotionen, egal ob von Liebe, Wut oder Hass, das ist ihr Geheimnis. Damit trägt Musik wesentlich dazu bei, welchem Lifestyle man sich anschließt.“

Zudem sind Konzerte mit tausenden Besucher_innen wirtschaftlich überaus ertragreich. Bei großen Konzerten konnten die Organisator_innen Schätzungen zufolge über hunderttausend Euro Gewinn einfahren.[1]

Als 1982 die EP „White Power“ der britischen Band Screwdriver erschien, war das „ein Schlag in die Fresse des Musik Establishments“, erinnert sich ein Aktivist von damals im Buch „White Noise: Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour – Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene“. Ein Schlag in die Fresse – nicht nur wegen der Verherrlichung rassistischer Gewalt in den Texten der Band, sondern auch, weil sich die Szene mit der Gründung eines eigenen Labels für ‚RAC – Rock against Communism‘ von der Musikindustrie unabhängig machte und so erst zu einem wirtschaftlichen Faktor im damals noch übersichtlichen Musikbusiness aufsteigen konnte. RAC war ab sofort ein Synonym für offenen Rassismus und Antisemitismus in der Rockmusik und steht bis heute weniger für musikalische Qualität, dafür umso mehr für den Ausdruck von Menschenfeindlichkeit mit E-Gitarren und Drums. Screwdriver, und vielmehr noch ihr 1993 zu Tode gekommener Leadsänger Ian Stuart Donaldson standen an der Spitze des Netzwerks Blood & Honour, eines in Großbritannien gegründeten neonazistischen Zusammenschlusses. Dessen Funktion bestand darin, Konzerte für Naziskins zu organisieren und mit dem dadurch erwirtschafteten Geld die Bewegung und seine Aktionen zu finanzieren. Mit Combat18 hat Blood & Honour zugleich einen bewaffneten Arm. C18, die Zahlen stehen für die Initialien Adolf Hitlers, zeichnet sich verantwortlich für zahlreiche Anschläge auf politische Gegner_innen, Migrant_innen und Journalist_innen in ganz Europa. C18 verfolgt eine Organisierung nach dem Prinzip des „führunglosen Widerstands“, wie etwa der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und ist auch in Deutschland aktiv.[2]

Bis heute reicht das Blood & Honour-Netzwerk in viele europäische Länder, auch nach Österreich, wo es unter seinem an den Hitlerjugend-Slogan „Blut und Ehre“ angelehnten Namen insbesondere Ende der 1990er Jahre sehr umtriebig war. Die aktivsten „Sektionen“ des Netzwerks befanden sich in Vorarlberg, begünstigt durch die unmittelbare Nähe zur Schweiz und Süddeutschland und in Wien. Trauriger Höhepunkt der Karriere der Neonaziorganisation war ein Skinhead-Konzert im Oktober 2002 in Hohenems mit rund 1000 Besucher_innen. Nach internen Streitigkeiten und polizeilicher Repression gingen die Aktivitäten von Blood & Honour in Österreich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurück, in Ostösterreich erreichten sie schon vor Jahren den Nullpunkt.

Erst 2016 war nach einer längeren Pause wieder von einem kleinen Konzert aus dem Blood & Honour-Umfeld in Vorarlberg zu hören: Ein Auftritt einer ungarischen Naziband wurde wegen des Verbots im deutschen Thüringen an einen bisher unbekannten Ort im Ländle verlegt.[3]

Zuletzt machte Blood & Honour Vorarlberg von sich reden, als im Mai 2016 Gregor S. in Nenzing nahe Bludenz bei einem Amoklauf zwei Menschen erschoss und eine große Anzahl weiterer Besucher_innen eines Rockerfestes schwer verletzte. Der schießwütige Mann nahm sich im Anschluss selbst das Leben. Über das Motiv des Amoklaufs ist wenig bekannt, es wird ein Beziehungsstreit kolportiert. Klar ist jedenfalls, dass Gregor S. jahrelang im Umfeld der lokalen Blood & Honour Gruppe war. Außerdem soll er sich an gewalttätigen Aktionen gegen Linke und Andersdenkende beteiligt haben.[4]

Laut Beobachter_innen der Szene sind die österreichischen Nazis aber schon seit längerer Zeit in der Defensive: „Generell waren die österreichischen Bands zahlenmäßig wenige und, mit wenigen Ausnahmen nicht sehr bedeutungsvoll in der internationalen rechtsextremen Szene“, so der Rechtsextremismus-Experte Rammerstorfer. „Die österreichische Szene war immer schon konsumorientiert und wird vor allem vom deutschen Markt völlig dominiert.“

Terrorsphära Konzertflyer2.jpg

 

NS-Hardcore made in Osttirol

Dem dürften die Mitglieder der Osttiroler Metalcore-Band Terrorsphära widersprechen. Die Band avancierte in den letzten zwei Jahren zum Exportschlager, oder zumindest zur einzig aktiven neonazistischen Rockband Österreichs, wobei lediglich ein Teil der Musiker tatsächlich in Osttirol leben. Die Mitglieder von Terrorsphära rekrutieren sich u.a. aus vorbestraften Neonazis aus Sachsen in Deutschland. Die Band rühmt sich bester Kontakte nach Russland und tritt immer wieder auf konspirativ organisierten Konzerten in Deutschland und dem nahen Ausland auf.[5] Erst im Dezember 2017 bestritt die Neonaziband ein Konzert in Portugal. Besonders stolz aber sind die HC-Nazis auf ein 2010 in Osttirol öffentlich beworbenes Nazi-Hardcore-Konzert, das aus dem Umfeld der Band organisiert wurde.[6]

Dem Mainstream im aktuellen Neonazismus folgend sind auch Terrorsphära gegen den sog. „Bruderkrieg“ innerhalb der internationalen extremen Rechten. Vielmehr befürworten sie eine Vernetzung nationalistischer Gruppierungen, auch außerhalb Europas. Der gemeinsame Nenner österreichischer, polnischer, als auch russischer Nazis ist heutzutage „white power“.[7]

Anders als die aus der herkömmlichen Rock against Communism-Szene kommenden Nazis sieht sich die Band Terrorsphära als drogenfrei und dem Sport verpflichtet. Bergsteigen, Kraft- und Kampfsport soll die imaginierten „Krieger für das Volk“ fit halten. So beschwören die Nazis in heroisch-machistischer Pose die eigene Fitness: „Stärke durch Disziplin!“. Textlich arbeitet sich Terrorsphära vor allem am Feindbild ab: Drogen, Alkohol, Flüchtlinge und Antifa.

„’Refugees welcome‘, dafür kämpft ihr unverhohlen, doch wie sieht es aus,
wenn ‚Refugees‘ in euren Häusern wohnen?! (…)
Euer ‚Kampf‘ gegen uns dient einzig und allein dem Völkerfeind,
der euren Geist verpestet und durch euch am Leben bleibt,
weil ihr sein Symbol tragt und „still loving Volkstod“ schreit! (…)
Doch auch ihr wollt unsre Freiheit, hört heimlich unsre CDs.
Habt ihr die Schnauze voll von Antifa und diesem Dreckssystem?“

Die überhöhte Männlichkeit der Bandmitglieder strotzt nur so vor Pathos und Selbstverliebtheit. Nicht gerade zufällig promotet die Band Terrorsphära die Nazi-Bekleidungsmarke Greifvogel Wear[8], für die sie u.a. über die sozialen Medien werben. Greifvogel Wear ist eine rechtsextreme Lifestyle-Marke, die nicht unbeträchtliche Summen abwerfen dürfte. Beim sportlichen „T-Hemden Versand“ der Nazis heißt es nämlich: „Wehrhaftigkeit ist die Pflicht eines jeden einzelnen von uns und euch, die Ihr euch anschickt, einst das germanische Sparta zu errichten.“ Mit dem erwirtschafteten Geld finanziert die Bekleidungsmarke das jährliche Neonazi-Kampfsport-Spektakel ‚Kampf der Nibelungen‘[9], das zuletzt letzten Herbst konspirativ organisiert in Deutschland abgehalten wurde und bei dem in der Vergangenheit auch Mitglieder von Terrorsphära angetreten sind. Zuletzt lassen die HC-Nazis mit ihrer personellen und geschäftlichen Nähe zum rechtsextremen Musiklabel OPOS Records aus Lindenau bei Leipzig keinen Zweifel an ihrer Eingebundenheit in rechtsextreme Kreise.

Rechte Geschäfte

Anders als in Österreich floriert in Deutschland, ebenso wie in Russland und den USA das Geschäft mit der rechtsextremen Subkultur. CDs, bedruckte Bekleidung sowie politisches Propagandamaterial bringen den Händler_innen Millionenbeträge ein[10]. In Österreich gibt es im Rockbereich keine nennenswerten Strukturen wie Labels oder Konzertagenturen, die das Nazivolk bedienen würden. Auch was Rock-Konzerte jenseits der Südtiroler Rechtsaußenrocker von Frei.wild[11] angeht, ist hier wenig zu holen für Rechtsextreme, so Thomas Rammerstorfer:

„Die heimische Nazi-Szene organisiert kaum eigene Konzerte, allein aus dem Grund, weil man von überall in Österreich relativ schnell ins Ausland kommt und in Ungarn, der Schweiz und in Deutschland relativ viele Konzerte stattfinden. Demzufolge sind heimische Nazis auch im Konzertbereich eher konsumorientiert.“

Österreichische Rechtsextremisten waren letzten Sommer auch in Thüringen anzutreffen. Das wohl größte neonazistische Musikevent der letzten Jahre in Deutschland fand im vergangenen Juli in Themar/Thüringen statt und lockte 6000 Besucher_innen an.[12] An der neonazistischen Ausrichtung des Events besteht kein Zweifel. Nicht nur aufgrund der T-Shirt-Aufdrucke Teilnehmender, die neben „HKNKRZ“ und „Adolf war der beste“ auch Stilblüten wie den Pärchenaufdruck „Adolf“ und „Eva“ (in Anlehnung an Adolf Hilter und seiner Lebensgefährtin Eva Braun) präsentierten. Bands und Veranstalter_innen sind eindeutig dem neonazistischen Milieu zuzuordnen und das Publikum tat sein übriges dazu, als vor den Augen der Polizei unzählige Besucher_innen den rechten Arm zum Gruß erhoben. Wenig verwunderlich, dass auch Nazis aus dem Umfeld der NS-Hardcore-Band Terrorsphära anwesend waren, genauso wie bekannte Aktivisten aus den Zusammenhängen von Blood & Honour Vorarlberg.[13]

NSBM: Neonazismus im schwarzen Gewand

Die modernen Hardcore-Nazis von heute haben zwar personelle Überschneidungen mit einer ähnlich gesinnten, aber ansonsten komplett anders ausgerichteten Form der vertonten Menschenverachtung: Dem National Socialist Black Metal (NSBM). Der NSBM ist eine neonazistische Strömung im Black Metal, eine eigentlich durch den Satanismus gekennzeichnete Form des extremen Metal. Schrille Stimmen, rumpelnde Drums und verzerrte Gitarren besingen den Tod und dessen Meister. Etwas anders gestaltet es sich im NSBM: Neben Naturmystizismus und Gewaltverherrlichung orientiert man sich an unterschiedlichsten Auslegungen des Neonazismus; mal in Form eines Blut-und-Boden-Heidentums, ein andermal in der Huldigung deutscher Wehrmachtssoldaten. Auch im Sektor NSBM ist Österreich glücklicherweise kein Land mit breitem Angebot oder Vertriebsstrukturen. Es gibt aber eine Handvoll Projekte, die zumindest hinter vorgehaltener Hand den Ewiggestrigen huldigen und internationale Bekanntheit erlangten.

Eines der explizitesten ist das Ein-Mann-Projekt von Vedran M., der unter dem Bandnamen Totale Vernichtung Black Metal produziert. Songtitel wie „Alle Wege führen nach Auschwitz“, „Beseitigung von lebensunwertem Leben“ oder „Massenmord an Untermenschen“ lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Urheber ist der Wiener M., der alle Instrumente selbst einspielt und unter dem Pseudonym „Der Stacheldrahtzieher“ auftritt. Die Werbung seiner CD, welche bei einem deutschen Neonazi-Label veröffentlicht wurde, titelt mit dem Spruch „Der Stacheldrahtzieher ist wieder da!“. Untermalt wird dies mit einem Bild vom Stacheldrahtzaun eines Konzentrationslagers.[14] M.s Anbindung an das rechtsextreme Milieu besteht auch durch sein zweites Musikprojekt Rostorchester, das er mit dem Schweizer Neonazi Sven B. betreibt. Letzterer macht aus seiner Gesinnung keinen Hehl.

Doch auch die Texte des Projekts Totale Vernichtung lassen nicht zweifeln, wie der Verfasser tickt. Im Lied „Ein Blitz kommt selten allein“, eine Anspielung auf den Doppelblitz, das stilisierte Logo von Hitlers Schutzstaffel (SS), heißt es:

„Ein Blitz kommt selten allein.
Zwei sollten es wenigstens sein. (…)
Wie ein Blitz kommt auch ein Blitzkrieg selten allein.
Alle umliegenden Länder werden Teil des Reiches sein.“

Vedran M. wünscht sich offensichtlich Großdeutschland zurück. An Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen ist aber sein Text von „Das blaue Wunder“:

„Blauer Dunst wurde euch vorgemacht,
und blauen Dunst werdet ihr nun bekommen.
Das Blaue vom Himmel wurde euch versprochen
und wird nun von euch aufgenommen.
Ein Element von solcher Macht, kann nur ein Wunder sein.
Fühlt euch geehrt: Wir sperren euch mit diesem Wunder ein.“

Es ist wenig Interpretation von Nöten, um M.s verklausulierte Huldigung der nationalsozialistischen Vergasungen mit Zyklon B zu durchblicken. Das ‚zivile‘ Musikprojekt des Neonazis-Metallers trägt im übrigen den klingenden Namen Angelcunt und ist in der heimischen Metalszene nicht ganz unbekannt.

Screenshot Youtube Hot Shower Fest Band GOATMOON

Hot Shower Festival

Mit der Konzertkultur steht es für rechtsextreme Black Metal-Fans hierzulande, ebenso wie im Bereich NS-Hardcore schlecht: Einzig im angrenzenden oder ferneren Ausland können sich Fans des neonazistischen Schwarzmetals ihrer Bands auf der Bühne erfreuen. Jährlich strömen fast 1000 rechte Metaller_innen nach Mailand um beim „Hot Shower Festival“ dabei zu sein, ein neonazistisches Festival, das alljährlich die Stars des NSBM aufspielen lässt. Ähnliches spielt sich seit zwei Jahren in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ab. Dass Besucher_innen dieser Veranstaltungen „endlich mal ordentlich abhitlern“ können, schreiben begeisterte User_innen in einschlägigen Foren. Nachdem der Hitlergruß hierzulande große rechtliche Probleme für Nazis nach sich ziehen kann, sind selbstverständlich auch NS-Metaller_innen aus Österreich bereit, eine Reise nach Kiew oder eben Mailand anzutreten. Das italienische Hot Shower Festival, ausgerichtet in einer Kooperation von deutschen und italienischen Neonazis, zeichnet sich besonders durch seine ironische und menschenverachtende Bewerbung aus. Während der Titel des Festivals noch Zweifel am politischen Gehalt lässt, so verdeutlicht die Symbolik auf dem Merchandise-Material sehr klar die Gesinnung der Organisator_innen und Teilnehmenden: Dort wird Mussolini und dem Ku-Klux-Klan gehuldigt. Schnell wird offensichtlich, worauf der Name Hot Shower anzuspielen versucht: Wieder, die mörderischen Gaskammern des Nationalsozialismus.

Egal ob NS-Hardcore oder neonazistischer Black Metal: Musik ist nur ein weiteres Vehikel der extremen Rechten, um für ihre Themen zu mobilisieren. Sie versucht, ihre menschenfeindliche Gesinnung verklausuliert unter die Menschen zu bringen, unter die Musikliebhaber_innen und alle anderen. Wie so oft kommt es einzig auf eine kritische Öffentlichkeit an, dem rechten Treiben ein Ende zu setzen. Dafür müssen aber rechtsextreme Codes erkannt und benannt werden.[15]

Derzeit ist die neonazistische Subkultur in Österreich trotz gegenteiliger Beispiele eindeutig in der Defensive, öffentliche Konzerte sind kaum denkbar. Sorgen wir dafür, dass dies so bleibt!

Zum Weiterlesen

 

Anmerkungen

[1] https://thueringenrechtsaussen.wordpress.com/2017/07/26/neonazi-konzert-mit-6-000-besuchern-am-15-juni-in-themar-auswertung-gelder-strukturen-und-der-umgang-der-behoerden

[2] http://www.tagesschau.de/inland/combat-103.html

[3] www.stopptdierechten.at/2016/03/21/vorarlberg-neonazis-formieren-sich-wieder

[4] www.stopptdierechten.at/2016/05/23/nenzing-vlbg-der-amoklauf-eines-neonazi

[5] https://exif-recherche.org/?p=1919

[6]http://oireszene.blogsport.de/2010/06/11/ns-hardcore-jetzt-auch-in-oesterreich

[7] http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/253972/die-neonazistische-musik-szene-transnational-wie-nie?pk_campaign=nl2017-09-06&pk_kwd=253972

[8] http://oireszene.blogsport.de/2014/07/29/greifvogel-wear-rechte-bekleidungsmarke-aus-dresden

[9] http://www.fussball-gegen-nazis.de/artikel/kampf-der-nibelungen-eine-sportveranstaltung-von-und-f%C3%BCr-neonazis-11267

[10] http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/185061/rechtsrock-millionen-mit-hass

[11] https://www.stopptdierechten.at/2013/04/05/die-kohle-hinter-frei-wild

[12] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-07/themar-rechtsrock-konzert-thueringen-neonazis

[13] http://recherchewien.nordost.mobi/2017/07/oesterreichische-beteiligung-am-neonazi-konzert-in-themar

[14] http://www.profil.at/home/black-metal-rechtsextreme-rockmusik-oesterreich-346200

[15] http://www.mobile-beratung-nrw.de/attachments/article/255/Rechts-oder-was_2016-web-1.pdf

 

 

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Zum Welser Objekt 21-Prozess

Philip Tschentscher Neonazi Philip Tschentscher

Ein Welser Geschworenengericht sprach Anfang November sieben führende und mehrheitlich einschlägig vorbestrafte Aktivisten der oberösterreichischen Neonazi-Gruppe Objekt 21 schuldig, zahlreiche Verstöße gegen das Verbotsgesetz begangen zu haben. Am Anfang des sich über vier Jahre hinziehenden Verfahrens stand wie so oft ein Zufallstreffer: Im Mai 2009 wurden bei einer Polizeikontrolle des Autos von Jürgen Windhofer (Jg. 1984)[1], dem nunmehrigen Hauptangeklagten, verbotene Waffen und zahlreiche NS-Devotionalien[2] gefunden. Am Steuer saß damals Manuel Spindler (Jg. 1980), der formale Objekt 21-Anführer, im Wagen mit dabei waren unter anderem die Wiener NS-„Liedermacherin“ Isabella „Sterbehilfe“ Kordas und der deutsche Neonazi Philip Tschentscher, dem die Justiz in einem gesonderten Verfahren vorhält, seit 2009 als „Reichstrunkenbold“ die Szene mit härtestem NS-Gesang versorgt zu haben. Trotz dieser belastenden Funde sah die Vereinsbehörde im März 2010 keinen Anlass gegeben, um die Zulassung des von Spindler angemeldeten und angeführten „Kulturvereins“ Objekt 21 zu untersagen. Erst nachdem engagierte Antifaschist_innen im Sommer 2010 auf die neonazistischen Umtriebe im Anfang 2009 von Spindler angemieteten Vereinslokal in Desselbrunn 21 hingewiesen und politischen Druck aufgebaut hatten, kam es zu ersten Hausdurchsuchungen und Ende 2010 zum Verbot des Vereins Objekt 21, der es mittlerweile auf mehr als 200 Mitglieder gebracht hatte.

Mehrere der Objekt 21-Neonazis hatten aber schon zuvor in der Organisierten Kriminalität (Prostitution, Erpressung, Brandstiftung, Nötigung, Drogenhandel usw.) Fuß gefasst, was Anfang 2013 in einer großen Polizeiaktion aufflog.[3] Diese rein kriminellen Handlungen wurden und werden in gesonderten Verfahren aufgearbeitet, erste (noch nicht rechtskräftige) Urteile wurden bereits gesprochen.

Im nunmehrigen Verbotsgesetzverfahren warf die Anklage den Neonazis neben dem Tragen von NS-Tätowierungen, der Ausschmückung des Vereinslokals mit NS-Symboliken und -Sprüchen nun vor, sie hätten in ihrem Vereinslokal neonazistische Lieder bereit gehalten, abgespielt und weiter verbreitet. Als Beispiele genannt wurden unter anderem das Album „Geheime Reichssache“ von Kommando Freisler bzw. die Lieder „In Belsen“, „Das Giftgas“, „Bibi Blocksberg“, „Alter Mann“ von Kraftschlag, „Das Unheil“ und „Multikulti“ von Racial Hatred, „Davidstern“ und „Endlösung“ und „Judensau“ von Weisse Jäger. Im Verfahren wurde die Anklage noch auf die Tatsache ausgeweitet, dass die CD Tschentschers alias „Reichstrunkenbold“ mit dem bezeichnenden Titel „Der Untergrund stirbt nie“ (2010) offenbar zum Teil im Objekt 21-Vereinslokal aufgenommen und von Windhofer sowie einem Mitangeklagten vertrieben worden war.[4] Tschentscher, der derzeit in Korneuburg in U-Haft sitzt, wollte als Zeuge im Welser Prozess auf die Frage, ob es stimme, dass er in diversen österreichischen Wohnungen Pakete mit NS-Devotionalien gelagert habe, keine Antwort geben. Nachdem er aus dem Zeugenstand entlassen worden war, rief er den angeklagten „Kameraden“ zu: „Lasst euch nicht unterkriegen! Alles für Deutschland!“[5]

Nach einer engagierten und souveränen Prozessführung der Welser Richterin sprachen die Geschworenen alle Angeklagten schuldig. Windhofer wurde zu sechs, Spindler zu vier Jahren unbedingter Haft verurteilt. Die übrigen fünf Neonazis kamen mit teilbedingten und bedingten Haftstrafen zwischen 18 und 30 Monaten davon. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.


[1] Windhofer, der sich auf facebook „Otto Ernst Remer“ nannte, betätigte sich vor seiner informellen Führerschaft im Objekt 21 bereits mit seinem nicht minder neonazistischen Kampfverband Oberdonau wieder.

[2] Ein halbes Jahr später, im November 2009, gab Nicole Mathias aus Nebra (Sachsen-Anhalt) eine eidesstattliche Erklärung ab, wonach sie die beschlagnahmten NS-Devotionalien auf einem Wiener Flohmarkt erworben habe. Im Welser Prozess kam der Verdacht auf, dass es sich hierbei um eine Schutzbehauptung für Philip Tschentscher, einem vielbeschäftigten Handlungsreisenden in Sachen Nazi-Schrott, handelt.

[3] Vgl. Heribert Schiedel, Objekt 21. Neonazistische trifft auf organisierte Kriminalität, in: AIB 98/2013; auf: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/objekt-21

[4] Die CD, deren Cover mit Adolf Hitler und Robert Ley verziert wurde, halten sogar eingefleischte Neonazis für zu starken Tobak. Ein „Nordglanz“ schrieb etwa im NS-Forum Nationale Revolution: „Die Texte, muss ich ehrlich zugeben, tun weh. Texte ala Kommando Freisler – Geheime Reichssache sind fürs Jahr 2010 doch sehr unpassend. Aber Spiegel TV wird sich wieder freuen wenn die solche Texte präsentiert bekommen und dann wieder ein gefundes [sic!] Fressen haben und schöne Berichte bringen können in denen es heißt das wir alles Andere ausrotten wollen“.

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Nachtrag zu frei.wild

Gegen den geplanten Auftritt der Deutsch-Rechtsrocker von frei.wild in Graz formiert sich zunehmend Widerstand. Bekanntlich halten der Grazer Veranstalter mit Unterstützung von SPÖ, ÖVP und FPÖ bislang an dem Konzert fest, während die Stadt Wels den Norditalienern keine Bühne bot. Den offenen Brief der Initiative kein Frei.Wild Konzert in Graz geben wir im Anschluss wieder.

Darüber hinaus muss frei.wild sich nun auch mit Kritik von rechts außen herumschlagen: Martin Lichtmesz wirft den Norditalienern in der Jungen Freiheit (Nr. 5/2013) vor, „unter dem Sperrfeuer eingeknickt“ zu sein und „der linken Lufthoheit ihren Tribut gezahlt“ zu haben. Das im Oktober 2012 veröffentlichte Distanzierungs-Video, indem Bandleader Philipp Burger nach „Klare[n] Worte“ sucht, ist für den bekennenden Identitären Lichtmesz „stellenweise erbärmlich mit anzusehen: Demnach habe sich die Band nicht nur stets gegen ‚einen Nationalsozialismus’, sondern auch ‚gegen jegliche rechte Gesinnung’ ausgesprochen.“ Im Gegensatz zu den Verantwortlichen in Graz und all der Verharmlosung erkennt Lichtmesz jedoch: „Letzteres ist natürlich angesichts der Texte der Band so unaufrichtig wie unglaubwürdig“.

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Offener Brief „Frei.Wild Konzert in der Stadthalle absagen!“

Am 10. Mai plant die Tiroler Eventagentur „Art entertainment Gmbh“ in der Grazer Stadthalle ein Konzert der Musikgruppe „Frei.Wild“ zu veranstalten. Die BetreiberInnen der Stadthalle Graz, die sich selbst auf den Status des Vermieters berufen und somit den Inhalten der Band Frei.Wild eine Bühne bieten, tragen zur Legitimation von gewaltverherrlichendem und völkisch-nationalistischem Gedankengut bei.

Die Südtiroler Band Frei.Wild erfährt seit geraumer Zeit erhöhte mediale Aufmerksamkeit im deutschen Sprachraum. Sie wurde von der Echo-Nominierung ausgeschlossen, FestivalbetreiberInnen in Deutschland haben, u.a. durch massiven Druck von Seiten der Sponsoren, einen Auftritt der Band abgesagt und zuletzt hat die Stadtverwaltung von Wels ein Konzert der Formation unterbunden.

Zurecht werden der Gruppe in der medialen Diskussion Gewaltverherrlichung, Geschichtsrevisionismus bzw. Verharmlosung des Nationalsozialismus vorgeworfen. Mit aggressiven Anfeindungen in ihren Texten, ihre Selbstdarstellung als Opfer der „Linkslinken Jagdgesellschaft“ (siehe Liedtext zu „Wir reiten in den Untergang“, wo sie ihre eigene Situation in zynischer Weise mit dem Schicksal der Juden und Jüdinnen im NS-Regime
vergleichen), sowie mit ihrer stetigen Gewaltverherrlichung stehen Frei.Wild klar in der Tradition deutschnationaler und rechtsradikaler Propaganda. Die Band behauptet zwar stets den Dialog zu suchen und sich von rechtsextremen Gedankengut zu distanzieren, beschimpfen aber ihre KritikerInnen als „Arschlöcher“ und hetzen gegen Andersdenkende, die sie als „Gutmenschen und Moralapostel“ darstellen.

Refrain aus dem Lied „Gutmenschen und Moralapostel“: „Ich scheiß auf Gutmenschen, Moralapostel selbsternannt, political correct. Der die Schwachen in die Ecke stellt und dem Rest die Ärsche leckt. Ich scheiße auf Gutmenschen, Moralapostel selbsternannt, sie haben immer Recht. Die Übermenschen des Jahrtausends. Ich hasse sie wie die Pest.“

In dem Lied „Rache muss sein“ glorifiziert Frei.Wild körperliche Gewalt gegen Menschen: „Denn heut‘ verhaue ich Dich, schlag Dir mein Knie in deine Fresse rein. Heut‘ vermöbel ich dich, Zähne werden fallen durch mich/ jetzt liegst du am Boden, liegst in deinem Blut. Das Blut auf meinen Fäusten, ich find‘ das steht mir gut/ Ich fang an zu lachen, seh‘ dein entstelltes Gesicht.“

Frei.Wild diskriminiert Aids-Kranke, indem sie ihnen die Schuld an ihrer Krankheit zuschiebt. Refrain aus dem Lied „Aids“: „Wie viele Menschen sind so aus ihrem Leben geschieden? Durch die eigenen Triebe auf der Strecke geblieben?“

In anderen Liedern verbreitet die Band völkischen Nationalismus und nationalistische Feindbilder. Zitat aus „Südtirol“: „Südtirol deinen Brüdern entrissen./ Südtirol du bist noch nicht verlorn, in der Hölle sollen deine Feinde schmorn/ Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist.“

Da Pop- bzw. Jugend- und Subkultur heute eine immer wichtigere Rolle für die
Wirklichkeitskonstruktion und Identitätsfindung Jugendlicher spielen, ist die Legitimation und Aufwertung, welche das völkisch-nationalistische und gewaltverherrlichende Gedankengut durch das Auftreten der Band Frei.Wild in der Stadthalle Graz erfährt, äußerst bedenklich. Dass der Österreichische Verfassungsschutz die Bedenklichkeit in dieser Hinsicht nicht teilt, ist nicht als Persilschein für Konzerte dieser Band anzusehen. Es geht in dieser Angelegenheit viel mehr um die Frage, welchen Inhalten in der Stadthalle, als größte öffentliche Veranstaltungshalle in der zweitgrößten Stadt Österreichs, Raum geboten wird. Wir empfinden die Abhaltung eines derartigen Konzertes als Affront und Verhöhnung des Titels „Stadt der Menschenrechte“.

Wir fordern somit die politischen Verantwortlichen der „Menschenrechtsstadt“ Graz und die BetreiberInnen der Stadthalle Graz dazu auf, das Konzert abzusagen bzw. eine klare Position einzunehmen und sich für eine Absage einzusetzen!

Initiative „kein Frei.Wild Konzert in Graz“

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Weder frei, noch wild: Deutschrock aus Norditalien*

von Heribert Schiedel

Die Erfolge der 2001 gegründeten Südtiroler Rechtsrockband Frei.Wild beweisen einmal mehr, dass und in welchem Ausmaß das kulturindustrielle Produkt „Rock“ mit konformistischen bis autoritären Einstellungen verbunden werden kann. Im Falle der vier Prollrocker aus Brixen/Bressanone kommen völkisch-nationalistische Momente dazu. Das Rebellische erschöpft sich bei Frei.Wild weitgehend in Treuschwüren gegenüber Deutschland und Hass auf den italienischen Staat – als „fremde“ Herrschaft. Aus inneritalienischer Perspektive wirkt der subkulturell-rebellische Habitus der Band weniger aufgesetzt als von außen betrachtet: deutsch-völkischer Nationalismus hat in Italien tatsächlich etwas Oppositionelles.

Politik des „Unpolitischen“

Medien berichten immer wieder über die gewalttätige Neonaziskin-Vergangenheit des Sängers Philipp Burger (Kaiserjäger). Diese wird von diesem aber gar nicht verleugnet, sondern mit Stolz einbekannt. Während man sich in Statements oberflächlich von Nazis(mus) distanziert, werden in den Liedertexten die Ambivalenzen deutlich: „Keine Sage dieser Welt verzichtet auf ihren Held,/weil ein jedes Wesen dieser Welt sich selbst durch sie erhält./Wollte mein eigener Held sein, Stärke zeigen, ohne Rücksicht auf Verluste,/wobei ich damals nicht recht weit gedacht hab und auch wie heute nicht alles wusste./Das Bild von meiner Zukunft war ein Meisterwerk aus Farbe und hellem Licht,/(…)Man denkt und hofft zugleich, mir ging es damals doch recht gut,/das alleine ist die Kraft, die dich zum Kämpfer macht.“

Aber auch schon den öffentlichen Distanzierungen ist anzumerken, wie sie gemeint sind: Als Burger 2008 aus den rechtspopulistischen Südtiroler Freiheitlichen austrat, tat er dies laut Eigenbekunden „nicht etwa deswegen“, weil er „mit dem Parteiprogramm nicht einverstanden“ gewesen wäre, sondern um der Band nicht zu schaden. Im Interview mit laut.de nennt Burger sein Engagement in der Rechten lapidar einen „ziemlichen Schwachsinn, den ich da recht blauäugig angegangen bin“ – die Selbstkritik erschöpfts sich in der Feststellung, naiv gewesen zu sein. Wie bei allen rechten Pseudo-Distanzierungen vom (Neo-)Nazismus zieht sich auch bei Frei.Wild daneben das Muster der Relativierung durch. Die Abgrenzung vom „Extremismus von links und rechts“ relativiert sich nicht nur durch die Gleichsetzung von Unvergleichlichem, sondern auch durch ihre Oberflächlichkeit und Floskelhaftigkeit. Der Widerspruch zwischen den Lippenbekenntnissen der Kitschrocker und ihren Inhalten sticht auch den Rechten in die Augen. Felix Menzel kann ihn sich in Sezession 35/2010 nur mit der Knechtschaft durch das „politisch korrekte Management der Band“ erklären.

Gleich den Böhsen Onkelz, der „geilsten Band der Welt“, und anderen (vormaligen) Rechtsrockbands antworten Frei.Wild auf die Kritik an ihrer Rechtsorientierung mit der Feststellung, „unpolitisch“ zu sein, was einerseits eine reine Schutzbehauptung darstellt, andererseits tatsächlich der Selbstwahrnehmung entspringt. Denn die relevanten Bezugsgrößen der Rechtsrocker sind allesamt nicht politisch, sondern angeblich „organisch“ gewachsen und daher nicht verhandelbar. Auch der Patriotismus, dessen man sich rühmt, entstammt als vermeintlich natürlicher emotionaler Ausdruck von völkischer Gemeinschaft dem Vorpolitischen, darum muss man sich für ihn auch nicht rechtfertigen. Nur „Vollidioten“ würden in „Heimatliebe“ etwas Politisches sehen: „Wir haben immer gesagt,/dass wir das Land hier von Herzen lieben,/Balsam für die Seele, wie wir Euch damit provozieren./Ihr seid dumm, dumm und naiv, wenn Ihr denkt, Heimatliebe = Politik. (…)//Schaut Euch mal um: Das Paradies auf Erden liegt hier mitten in den Bergen,/jeder Volksmusikant/tritt live im Fernsehen auf,/singt über das gleiche Thema,/doch da fällt`s keinem auf./Das ist das Land der Vollidioten,/die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat,/wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten,/wir sind einfach gleich wie Ihr, von hier.“

Jungmannrock

Schon mit der Wahl des Namens wollte man den emotionalen Bedürfnissen männlicher Adoleszenter gehorchen: es handle sich dabei um „zwei Wörter, die typisch für jugendliche Einstellungen sind“, so Bandführer Burger. Gleiches gilt für die Texte: Frei.Wild verbinden erfolgreich völkisch-deutschen Nationalismus mit männlich-pubertären Sehnsüchten, Ängsten und (Gewalt-)Inszenierungen. Diese gelungene Verknüpfung macht den Erfolg von Bands wie Frei.Wild maßgeblich aus.

Das Menschen- und Weltbild von Frei.Wild ist ein völkisch-biologistisches und pessimistisches. Einmal vergleicht man sich mit einem „Baum“, der „ohne Wurzeln (…) nicht bestehen (kann)“, das andere Mal wird der ewige „Kreislauf der Natur“ besungen. Wenn aber alles immer gleich bleibt, grundlegende Veränderung unmöglich ist, kann gesellschaftlich produzierte Wut nicht zur Kritik an den Verhältnissen sublimiert werden, sondern sich nur in unmittelbare Gewalt umsetzen. So zeichnet sich Frei.Wild wie alle Rechtsrockbands durch eine affirmative (Re-)Inszenierung von Gewalt aus. Der einzige Unterschied zu Neonazibands besteht im behaupteten reaktiven Charakter der Gewalt, gemeinsam ist ihnen die offen sadistische Komponente: „(…) Seh‘ deine freche Fresse, oho,/ich erkenne Dich.//Hast auf mich geschlagen,/warst einer dieser drei./Doch in fünf Minuten,/sind’s ja eh nur noch zwei.//Denn heut‘ verhaue ich Dich,/schlag Dir mein Knie in deine Fresse rein./Heut‘ vermöbel ich Dich,/Zähne werden fallen durch mich./Und ich tret‘ Dir in deine Rippen,/schlag mit dem Ellbogen auf Dich ein./Tut mir leid mein Freundchen,/aber Rache muss sein, die muss sein.//Jetzt liegst Du am Boden,/liegst in deinem Blut./Das Blut auf meinen Fäusten,/ich find‘ das steht mir gut.“

Dauernd signalisieren die Bergbauernrocker ihre Bereitschaft „zum Kämpfen“. Nach dem Vorbild der Urgroßväter erlauben sich die (Körper-)Panzer auf zwei Beinen dabei „keine Emotion“ und keine Zweifel am eigenen Sieg. Die narzisstische Größenphantasie steigert sich schließlich zu Allmachtsgefühlen: „Ich bin der Herr der Welt“. Es ist vor allem der gekränkte Narzissmus der jungen Männer, den sich Frei.Wild zu Nutze macht. Gegen deren Erfahrungen von Überzähligkeit, Schwäche und Beschämung setzt man die Phantasie, endlich mal auf der siegreichen Seite zu stehen: „sieger stehen da auf wo verlierer liegen bleiben/nein, du bist kein verlierer,/so schnell machst du dir nicht ins hemd./(…) angst jedoch die kennt ein jeder,/doch selten spürt sie wohl der jäger./rückzug fällt für dich nicht ins gewicht,/ist der feigheit verdammtes arschgesicht./you are the best – fuck the rest,/ du bist stärker als du denkst,/gehst nach vorn, nicht zurück,/eroberst selbstwertdasein nach und nach zurück./angriff, sturm, satz und sieg,/weils kein aufgeben für dich gibt,/wirst du am leben bleiben,/wird man sich vor dir verneigen,/wirst du zwar manchmal leiden,/aber auch stets du selber bleiben.“

Da die äußere Realität nicht immer allen erlaubt, sich als Sieger zu fühlen, flieht man in grandiose Wunschphantasien: „Hast du nie geträumt von 1000 Frauen, die dich alle lieben/Tief drin in dir, tief drin in dir, gibt’s eine Welt, gibt’s eine Welt, die gehört nur dir allein.“ In dieser besungenen Traumwelt sind die Straßen zudem „frei von Perversen und Chaoten“. Während im Tagtraum Frauen zu Tausenden einen anhimmeln, sind sie in der Realität eine Bedrohung für den Männerbund: „Er war dein freund du hast die Zeit mit ihm verbraucht/Er war dein freund und ihr habt viel gelacht/doch durch die Freundin die er hat ist eine Mauer entstanden/(…)Ist es wirklich so hat sie dich umerzogen/(…)so manches Bierchen zusammen gesoffen/Fast 100% die gleichen Entscheidungen getroffen/die selben Freunde und die selben Feinde/Wir und die anderen waren doch so was wie ne Gemeinde/(…)Dein leben lang waren wir deine Freunde und nicht sie/Das darfst du nie vergessen, vergiss das nie“

Der Männerbund wird durch nicht eingestandene Ängste zusammengeschweißt: „wir halten zusammen – Mann für Mann!“ Der Eintritt in die Gruppe gibt Sicherheit und Kraft – um den Preis der Entindividualisierung: „Einheit steht für vieles, steht für Macht/Freundschaft schweißt zusammen, gibt ihr Kraft/Doch wer ewig aus der Reihe tanzt und eigene Wege geht/Ist das schwächste Glied, das auf dem Looser-Teppich steht//Zusammen sind wir stark und hart wie Stein.“

Autoritäre Rebellion

„Patriotische“ Bands wie Frei.Wild und ihre Erfolge sind gleichermaßen Ausdruck wie Motor der rechten Fanatisierung Jugendlicher. Als deren Unterstrom ist eine neoliberale und konservative Hegemonie namhaft zu machen: Die konformistische „Generation Leistung“ hat die „Werte der Heimat“ verinnerlicht, ihre (Über-)Affirmation zieht sich demnach auch durch die Texte der Südtiroler Schmalzrocker. Man bezeichnet sich als „Christen“, beklagt, dass „Kreuze (…) aus Schulen entfernt (werden)“, träumt von „früheren Zeiten“ und behauptet, viel von „den alten Leuten“ lernen zu können. Die Rebellion bleibt auf antiitalienische Statements beschränkt. Provokant dichtete man etwa zur Fußball-WM 2006 die Fanhymne „Deutschland“:„Dieses Jahr holen wir uns den Pokal/Dieses Jahr, Dieses Jahr werden wir ganz oben stehn,/unsere Fahnen in der Hand,/unterstützen wir das Land/Dieses Jahr, Dieses Jahr Holen wir uns den Pokal/zusammen stürmen wir nach vorn/lasst uns den Titel holen, den Titel holen.“

Neben Deutschland eignet sich die verkitschte „Heimat“, verstanden als Dreieinigkeit von „Volk, Tradition und Sprache“ besonders gut für den Ersatzstolz ihrer „Söhne“. Als richtige „Patrioten“ dulden sie „keine Kritik an diesem heiligen Land“, das ihr „Leben“ ist. Die Frei.Wild-Hymne „Südtirol“ gipfelt in einem antiitalienischen Kampfschwur: „Südtirol, wir tragen deine Fahne,/denn du bist das schönste Land der Welt,/Südtirol, sind stolze Söhne von dir,/unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her./Südtirol, deinen Brüdern entrissen,/schreit’s hinaus, dass es alle wissen,/Südtirol, du bist noch nicht verlorn,/in der Hölle sollen deine Feinde schmorn.“

Aber Frei.Wild kultiviert nicht nur pangermanistischen Nationalismus und Heimatkitsch, sondern auch und vor allem das Gefühl der kleinen Leute, dauernd Opfer von „penetrante(n) Meinungsmacher(n)“ zu sein: „Das dumme Volk ist schnell zufrieden/Werft uns noch mehr Scheiße vor, wir fressen sie schon“. Am Ende steht die Auflehnung, die wie stets vor allem eine kulturelle ist: „Weg mit dem Mist, den ihr uns vorwerft, es braucht ihn keiner“. Als ohnmächtige „Durchschnittsleute“ lästern sie gegen die da Oben, die „reichen Säcke“ oder „Schweine“, ein Ausweg aus der Malaise zeigt sich nicht. Diese spezifische Verbindung von Autoritarismus und Unterordnung mit Rebellion und Scheinaufstand ist das Erfolgsrezept auch von Frei.Wild. Anstatt sich auf die Frage zu beschränken, wie weit rechts außen die Band zu verorten ist, sollte sie als verquerer Ausdruck herrschender und gleichzeitig wild gewordener Normalität analysiert und kritisiert werden.

*Langfassung eines Artikels für den Rechten Rand (Nr. 129), veröffentlich anlässlich des frei.wild-Konzertes im Wiener Gasometer am 9. November 2012

Weitere Informationen:

AIB: „Frei.Wild“: Zwischen Kitsch und Subkultur

Publikative.org: Kein Frei.Wild!

Frei.Wild-Dossier der Antifa Meran(o)

egotronic: Die Band der Vollidioten

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