Schlagwort-Archive: Sexismus

Zum AGjus-Skandal

Leicht überarbeitete Version des FIPU-Redebeitrags von Bernhard Weidinger auf der Kundgebung „Gegen jede Diskriminierung“ der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JÖH) und der ÖH Uni Wien vor dem Wiener Juridicum am 16. Mai 2017.

Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise. Um den Augenblick der autoritären Freigabe des Verbotenen zu zelebrieren, versammeln sich die Antisemiten, er allein macht sie zum Kollektiv, er konstituiert die Gemeinschaft der Artgenossen. Ihr Getöse ist das organisierte Gelächter.“ (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung – Elemente des Antisemitismus)

Ich habe in meinem Leben viel Zeit in Fußballteams und ihren Umkleiden verbracht – oder in ‚Männerkollektiven‘, wie es im AGjus-Jargon heißt. Dabei habe ich einiges an locker room talk mitbekommen. Aber nichts, was dort in schweissgeschwängerter Atmosphäre gesagt wurde – ob in der USI-Kurs-Umkleide unter Akademikern oder in der Kabine des Obdachlosen-Fußballteams – kam auch nur nahe dem, was in den internen Chats der AGjus zu sehen und zu lesen war. Bekannt ist mir derartiger Stoff aber durchaus, nämlich aus Neonazi-Foren. Bestürzend an der Causa AG ist nicht nur, dass hier von angehenden Juristen einer vermeintlichen Fraktion der „Mitte“ dieselben Memes verbreitet wurden wie in jenen Foren – sondern auch, dass sie auf dieselbe Weise verhandelt (oder nicht verhandelt) wurden: geteilt, geliket und feixend kommentiert. Ich weiß nicht, ob es sich bei den involvierten Personen um Neonazis handelt oder nur um ganz gewöhnliche [zensiert]. Ersteres halte ich zumindest für möglich, zumal das apolitische Selbstverständnis der AG, das Aktivist_innen nicht abverlangt, sich für oder gegen irgendetwas zu bekennen, Platz für Leute unterschiedlichster Weltanschauung lässt. Ich weiß nicht, ob diese Leute auf Basis eines geschlossen rechtsextremen Weltbildes operierten, oder ob hier nur eine umfassende politisch-moralische Verwahrlosung zum Ausdruck kam; und falls letzteres, ob diese Verwahrlosung sich auf einen Teil der AGjus erstreckt, auf die gesamte AGjus, auf die gesamte AG, oder gar auf Teile des Juridicums. Was ich weiß ist, dass mich der Gedanke zutiefst beunruhigt und verstört, dass diese Leute schon in wenigen Jahren Positionen innehaben könnten, in denen sie Entscheidungen im Bereich des Minderheiten- und Diskriminierungsschutzes zu fällen haben.

Ebenfalls bestürzend an der Causa war und ist der Umgang der AG mit den Vorfällen – ein Umgang, der von Abwiegelung, Verschleierung, Relativierung und Verharmlosung gekennzeichnet ist. Das verstört umso mehr, als es sich bei der AG bekanntlich nicht einmal um den rechten Rand des studierendenpolitischen Spektrums handelt, sondern es da ja noch einen RFS gibt, der sich nicht veranlasst sah, inhaltlich auf Distanz zu den skandalösen Postings zu gehen (wohl im Wissen, wie man selbst kommuniziert und welcher Art der „Satire“ man selbst fröhnt, wenn man unter sich ist). Stattdessen wird von den schmissbewehrten Jungfreiheitlichen lediglich versucht, wahlpolitisches Kapital aus dem Skandal zu schlagen, indem man darauf hinweist, dass die AG im Chaos versinke und eine Stimme für den RFS daher das einzig verlässliche Votum „gegen links“ sei.

Angesichts all dessen verwundert es nicht, dass viele sich aktuell an die 50er oder 60er Jahre erinnert fühlen, in denen die österreichischen Unis Horte der Reaktion waren. Oder gar an die Jahrhundertwende und die Zwischenkriegszeit, wo sie als Nährboden des Menschenhasses bis hin zum Vernichtungsantisemitismus dienten. Ich glaube nicht, dass die österreichischen Unis heute eine solche Funktion erfüllen. Sehr wohl aber ist es notwendig, alles zu tun, damit sie sich nicht wieder dahin zurückentwickeln. In diesem Sinne fordert die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit eine konsequente Aufarbeitung und Ahndung des AGjus-Skandals – und konsequent meint: anders als bisher.

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Zum AGjus-Skandal

Eingeordnet unter Interventionen

Warum sich immer mehr Frauen rechtsextremen Gruppierungen anschließen

von Magdalena Liedl

erschienen auf Broadly

Das Klischee vom rechten Heimchen am Herd gilt schon lange nicht mehr. Nicht nur Männer, auch rechtsextreme Studentinnen schließen sich an Unis zu Verbindungen zusammen. Die österreichischen deutschnational und völkisch gesinnten „Mädelschaften“ gelten dabei als Hardliner.

Es gibt Interviewabsagen und es gibt Interviewabsagen. Die österreichische Studentinnenverbindung „Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz“ schickte mir zweiteres, als ich sie kontaktierte, um sie um ein Gespräch über ihre Gruppierung zu bitten. „Da Sie auf diversen Sozialen Netzwerken Ihre (partei)politische Einstellung offen zur Schau tragen, befürchten wir das Fehlen einer nötigen Neutralität als Fundament für eine Zusammenarbeit.“

Nach einigem Nachhaken und der Klärung des Unterschieds zwischen „ journalistischer Recherche“ und „Zusammenarbeit“ ließ mich die Führung der Iduna wissen, sie stünden „journalistischer Tätigkeit grundsätzlich skeptisch gegenüber“, man werde das Thema aber nochmals intern besprechen.

Wie ich noch erfahre, wurde bei immerhin zwei Verbindungstreffen der Iduna darüber diskutiert— mit dem Ergebnis, dass es keine Option war, mit jemandem zu sprechen, der möglicherweise eine andere politische Meinung vertrat. Mit dieser Weigerung ist die Studentinnenverbindung, die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Anneliese Kitzmüller zu ihren Mitgliedern zählen kann, nicht alleine. Auch die Wiener Mädelschaften Nike und Freya wollten nicht mit Broadly sprechen.

Dass es unter männlichen Studentenverbindungen einschlägige Gruppen gibt, die deutschnationales und völkisches Gedankengut vertreten, rechtsextreme Redner zu Veranstaltungen einladen und oft nur knapp an NS-Widerbetätigung vorbeischrammen, dafür gibt es ein zunehmenden Bewusstsein. Doch auch Frauen schließen sich, seit sie an deutschen und österreichischen Universitäten zugelassen sind, zu sogenannten Damenverbindungen zusammen.

Die deutschnationalen und völkischen „Mädelschaften“ in Österreich gelten dabei, wie auch die österreichischen Burschenschaften, als Hardliner innerhalb der Studentinnenverbindungslandschaft im deutschen Sprachraum. Liberale Verbindungen, wie es sie in Deutschland gibt—etwa die Fridericiana, die Frauen und Männer aufnimmt—sucht man in Österreich vergeblich. Hier teilen sich die Damenverbindungen in nur zwei Strömungen auf: konservativ-konfessionelle und deutschnationale—die eigentlichen Mädelschaften.

Diese treten als harmlosen Studentinnengruppen auf, die scheinbar unpolitische Partys organisieren, bei Veranstaltungen von Burschenschaften mit Kuchen Backen und Gedichtvorträgen aushelfen und Studienanfängerinnen dabei unterstützen, sich in den ersten Uni-Semestern zurecht zu finden. Tatsächlich verbreiten sie dabei aber rassistische, deutschnationale und völkische Inhalte.

„Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten.“

Gerade diese rechtsextremen Frauengruppen erfahren nun an österreichischen Unis in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Seit 2011 gab es drei Neugründungen von rechtsextremen Frauenverbindungen, darunter auch die Iduna in Linz. „Das ist doch auffallend und ziemlich beeindruckend.“, sagt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die zu rechtsextremen Verbindungen forscht, gegenüber Broadly.

„Die Partizipationsfelder von Frauen sind im modernen Rechtsextremismus breiter geworden.“, erklärt sie dieses Phänomen. „Dadurch steigt auch das Bedürfnis, sich zu organisieren.“ Die klischeehaften Rollen, die rechten Frauen von außen oft zu geschrieben werden, stimmen dabei längst nicht mehr. Sie sind in der rechtsextremen Szene genauso aktiv wie die Männer.

Aber warum es dann so schwer sei, mit Mädelschaften in Kontakt zu treten, frage ich Goetz. Burschenschafter geben durchaus Medieninterviews; rechte Gruppen wie die sogenannten „Identitären“, die aktuell auch in Deutschland Fuß fassen wollen, rufen in Wien auch schon mal zu Demonstrationen auf. „Es gibt schon eine Angst oder gewisse Scheu von Mädelschaften, an die Öffentlichkeit zu treten.“, sagt Goetz. Entscheidend ist aber ein anderer Faktor, erklärt sie: Bisher werden Mädelschaften in der Medienberichterstattung kaum beachtet. Sie waren daher nie in der Situation, ihre Positionen rechtfertigen zu müssen und meinen daher, mit Gesprächsverweigerung durchzukommen.

Rechtsextreme Frauen werden, wenn sie denn überhaupt in den Medien vorkommen, gerne als „rechte Heimchen am Herd“ verharmlost. Die einzigen spitzen Gegenstände, die Mädelschafterinnen in die Hand nehmen würden, seien keine Säbel sondern Messer und Stricknadeln, schrieb etwa die österreichische Tageszeitung Kurier. Als die deutsche Rechtsextreme Beate Zschäpe vor Gericht stand, kommentierten Medien ihre Kleidung. Inhaltlich werden rechtsextreme Frauen in der Öffentlichkeit selten konfrontiert.

Auch dass die Mitglieder von Mädelschaften den Burschenschaftern intern nicht gleichgestellt sind, verleitet dazu, sie zu unterschätzen. Mädel fechten etwa keine Mensuren. Das heißt, sie führen keine rituellen Fechtkämpfe wie ihre männlichen Kollegen in Burschenschaften durch, die so ihre „Ehre“ verteidigen und danach stolz Schnitte und Narben im Gesicht, sogenannte „Schmisse“, zur Schau stellen. „Nach der Ideologie der Burschenschaften haben Frauen keine Ehre, die sie verteidigen könnten.“, erklärt Goetz. Daher bleibt den Mädeln der Zugang zum Fechten verwehrt. Sie sind auf Männer angewiesen, die sie im Falle einer Beleidigung in Fechtduellen vertreten. Daher erhalten Mädelschaften häufig einen sogenannten symbolischen „Ehrschutz“ von befreundeten Burschenschaften.

Warum tritt aber eine junge Frau freiwillig in eine Verbindung ein, die sie dermaßen abwertet? „Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten“, erklärt Goetz. „Im weitesten Sinne kann man sogar sagen: Ausgleich für eigene Diskriminierungserfahrungen.“ Kurz: Sie werden als Frauen zwar diskriminiert, diskriminieren dafür aber andere.

„Frauen können genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Auch Leistungsduck kann ein Faktor sein: In Mädelschaften ist zu Hause bei der Familie zu bleiben ein legitimer Lebensentwurf. „Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich bei verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durchzusetzen, kann das eine attraktive Position sein.“ Gleichzeitig bieten Mädelschaften Netzwerke für die Karriere für diejenigen, die eine solche anstreben—wenn auch mit Einschränkungen. So ist etwa auch die österreichische Nationalratsabgeordnete und frühere Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Mitglied der Mädelschaft Sudetendeutschen Damengilde Edda.

Dennoch sind Mädelschaften weder reine Karrierenetzwerke noch Anhängsel von Burschenschaften, sondern stehen ihren männlichen Gegenstücken um nichts nach, was die ideologische Festigung betrifft. Zwar halten sich die österreichischen Mädelschaften bedeckt und wollten mit mir weder über ihre Ideologie noch ihre Aktivitäten sprechen, doch lassen sie in ihren Online-Auftritten einen kleinen Einblick zu, welche Art von Ideen sie bei ihren Verbindungspartys, Liederabenden und Sonnwendfeiern transportieren.

Sieht man sich beispielsweise die Iduna einmal genauer an, stößt man auf einige interessante Dinge: Eine ihrer Farben ist „kornblumenblau“. Diese Farbe stünde für Freiheit und Freundschaft, heißt es auf ihrer Website. Tatsächlich war die Kornblume Symbol und Erkennungszeichen illegaler österreichischer Nazis vor dem Anschluss 1938. Auch der österreichische FPÖ-Präsidentschaftskandidat und Burschenschafter Norbert Hofer trägt dann und wann eine blaue Kornblume am Revers. Die Mitglieder der Iduna kochen bei Veranstaltungen für die Linzer Burschenschaft „Arminia-Czernowitz“. Gegen diese ermittelte die Staatsanwaltschaft 2010 auf Anzeige der Grünen, weil die Burschenschaft NS-Sujets auf ihren Plakaten benutze. Nur ein Hakenkreuz hatten sie aus dem Originalplakat von 1931 dann doch entfernt. Anstatt „Frohe Weihnachten“ wünscht die Iduna ihren Facebook-Fans „Heil Jul!“. Die Nationalsozialisten hatten versucht, das nordische Julfest anstatt des christlichen Weihnachtsfest zu etablieren.

Aber auch die Wiener Mädelschaften Freya und Nike verwenden NS-Symbole. Die Mädelschaft Freya (mit den Verbindungsfarben Schwarz-Rot-Gold und dem Sitz in der berüchtigten Fuhrmannsgasse in Wien, wo auch mehrere deutschnationale Burschenschaften ihre „Buden“ haben) hat etwa den Text des Deutschlandliedes in der Version, in der es von den Nazis gesungen wurde, auf ihrer Facebook-Seite („Deutschland, Deutschland über alles…“). Wie die Iduna feiern auch die Mitglieder im Dezember das Julfest. Ausflüge gibt es nicht nur zu befreundeten Mädelschaften, sondern auch etwa zu einem Fallschirmjäger-Denkmal, das die Wehrmacht 1941 auf Kreta errichtete.

Die Mädelschaft Nike wiederum verkündet auf ihrer Seite, dass Südtirol zu den „deutschen Landen“ gehöre und sie den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung feiern würden, ihre Großeltern hätten das schließlich auch nicht getan. Nike tut sich auch mit einer ganzen Reihe von rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen und Seitenhieben auf Politiker_innen und Aktivist_innen hervor, die auch mal namentlich inklusive Wohnadresse genannt werden. Die Kommentare dazu können durchaus auch als Drohungen gelesen werden („Da fürchtet sich die Antifa doch glatt vor uns Mädls—na zum Glück sind wir uns am Mittwoch nicht begegnet.“)

All diese Symbole und Aussagen stehen zwar für einschlägiges Gedankengut, sind aber in Österreich nicht verboten, etwa im Gegensatz zum Hakenkreuz. Auf den ersten Blick mögen sie unverfänglich wirken—dass die Kornblume ein Nazi-Symbol ist, ist schließlich nicht unbedingt Allgemeinwissen. Für Mitglieder der rechtsextremen Szene sind derartige Symbole jedoch eindeutig.

Um sich für Frauenangelegenheiten einzusetzen, wegen der Partys oder alleine wegen der Karriere schließt sich jedenfalls niemand einer deutschnationalen Studentinnenverbindung an, schließt Goetz. Junge Frauen, die einer Mädelschaft beitreten, erkennen diese Symbolik ganz genau und schließen sich ihnen genau deshalb an. „Frauen können schließlich genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Titelbild: Illustration von Sarah Schmitt; Bild von Adolf Hitler via Wikipedia | CC BY-SA 3.0 DE

Kommentare deaktiviert für Warum sich immer mehr Frauen rechtsextremen Gruppierungen anschließen

Eingeordnet unter Hintergründe, Uncategorized

Die Awareness der „Alphas“

*Triggerwarnung: dieser Text behandelt den Umgang mit sexualisierter Gewalt bzw. einen misslungenen Versuch, eine Debatte darüber zu initiieren.*

Ich hatte gestern eine Kontroverse auf Twitter – und wie die meisten dort ausgetragenen Kontroversen ging auch diese weitestgehend am eigentlichen Thema vorbei. Sie begann so:

w1

Die folgende Auseinandersetzung zwischen ZIB2-Moderator Armin Wolf und mir kreiste schließlich um die Frage, ob ich Wolf (und seinen Mitdiskutanten) unterstellt hatte, selbst Vergewaltigungsdrohungen getätigt oder sich irgendwie positiv auf solche bezogen zu haben. Let’s get it out of the way: wie bereits auf Twitter festgehalten, habe ich das nicht und liegt es mir gänzlich fern, das zu tun. Mein Kommentar bezog sich nicht isoliert auf die (im obigen Screenshot nur ausschnitthaft wiedergegebene) Kurzdebatte um die Mitgliedschaft im Alpha-Klub, sondern verortete diese als Fortführung einer Tage zuvor begonnenen, breiteren Debatte (siehe unten). Die Vergewaltigungsdrohung, die an deren Ursprung stand, war den von mir Angesprochenen offenbar verborgen geblieben.

Rückblickend war es, denke ich, ein Fehler, die Debatte auf diese zu Missverständnissen einladende Weise zu eröffnen. Auf dem Feld sexualisierter Gewalt sind solche Missverständnisse folgenschwer, lenken Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem auf Nebengleise ab, und bloß weil große Teile der Twitter-Gemeinde die Thematik mit der selben Rotzigkeit, Arroganz und Ignoranz handhaben wie Diskussionen über Fußball oder übers Wetter, hätte ich mich dem nicht anschließen müssen – nicht anschließen sollen [weswegen der entsprechende Tweet inzwischen von mir gelöscht wurde]. Also: ich schätze Wolf und seine Diskussionspartner für ihre Expertise in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich. Keinem unterstelle ich Sympathien für Gewalttäter oder gar entsprechende eigene Dispositionen. Und dass Wolf sich ereifert, wenn er diesen Vorwurf gegen sich im Raume glaubt, finde ich gut. (Dass er auf Twitter auch stichhaltige Kritik an seiner Person in eher autoritärer Weise zu verarbeiten pflegt, steht auf einem anderen Blatt.)

Worum gings mir also? Es ging mir um diesen Tweet und um die Debatten, die er in Gang setzte:

w2

Dieser Tweet wurde in zahlreichen Reaktionen als Vergewaltigungsdrohung interpretiert. Und auch wenn der Begriff „Penetrationstest“ in IT-Kreisen eine spezifische abweichende Bedeutung kennt: wer es sich antut, weitere Meldungen desselben Accounts rund um das Wiener FemCamp zu lesen, kann keine Sekunde lang daran zweifeln, dass diese Interpretation zutreffend ist. (Den unterirdischen Inhalt dieser Tweets – explizite sexualisierte Drohungen gegen konkrete Feministinnen, „Witze“ über Gewalt an Frauen und sonstiger misogyner Bullshit der schlimmsten Sorte – gebe ich an dieser Stelle bewusst nicht wieder.) Peter Rabl, kürzlich von PULS4 reaktivierter Grandseigneur der (konservativen) Publizistik in Österreich, widmete dem Account offenbar genau 0 Sekunden seiner Aufmerksamkeit, bevor er den zitierten, von ihm dem Anschein nach als amüsant empfundenen Tweet teilte [Ergänzung: und tags darauf eine Klarstellung dazu vornahm*]. Was folgte, war eine Welle der Kritik an Rabl und – nachdem ein notorischer Troll mit bekannt antifeministischer Neigung sich an Rabls Seite gestellt hatte – auch an diesem.

w3

w4

fußi

In der Kritik an Rabl und Fußi wurde wiederholt (und in Fortführung früherer Auseinandersetzungen) auf deren Status als „Alphas“ hingewiesen – als, so jedenfalls mein Verständnis des Begriffs, meist männliche Twitterer, die eine für österreichische Verhältnisse große Zahl an Followers aufweisen, untereinander persönlich bekannt (bzw. meist befreundet) sind und eine hohe, nicht themengebundene Twitteraktivität an den Tag legen. (Manche würden als weiteres Kriterium ausgeprägte Kritikresistenz respektive Selbstkritikunfähigkeit ergänzen.) Im weiteren Verlauf der Debatte wurde, über die Erörterung der Rabl- und Fußi-Tweets hinaus, zunehmend auch das (Nicht-)Verhalten anderer Alphas thematisiert. Weshalb, so wurde gefragt, sähen jene, die doch sonst zu alles und jedem eine Meinung absonderten, sich nicht veranlasst, ihre Verhaberung mit Rabl und Fußi für einen Tweet zu unterbrechen und sich explizit gegen deren Männersauna-artigen Umgang mit Vergewaltigungsdrohungen zu stellen [wie es der Politikwissenschafter Hubert Sickinger in einem von mir zunächst übersehenen Tweet tat, in dem er Fußi zu einer Entschuldigung aufforderte]?

Natürlich kann ein solcher Einspruch keinem (keiner) vorgeschrieben werden, und wenn Wolf und andere vor dem Hintergrund der zitierten Äußerungen mit Fußi lieber jovial über dessen neues Profilfoto parlieren, als ihn zu fragen, ob er vielleicht „wo angrennt“ sei (wie Wolf es mit mir tat), dann ist das ihre Sache. Ärgerlich fand und finde ich aber, wenn Alphas schließlich doch in die Kontroversen um das FemCamp einsteigen, dazu aber nur spöttische Kommentare über dort verwendete Begrifflichkeiten („Cis-Männer“ etc.) oder u. a. zur Hintanhaltung von Übergriffen eingesetzte „Awareness-Teams“ beizutragen haben; wenn nach allzu vielen Anlässen, sich über sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung zu entrüsten, Entrüstung erst ausbricht, wenn einer sich persönlich angegriffen fühlt; und wenn Alphas die Kritik an ihnen als ebensolche zwar offensichtlich rezipieren, ihre einzige Reaktion darauf aber darin besteht, sie zum Gegenstand ihrer Scherzereien zu machen. Die von anonymen Antifeministen ausgelöste und von Rabl und Fußi angeheizte Debatte hätte den Alphas die Gelegenheit geboten, von ihrer meinungsbildenden Funktion Gebrauch zu machen, um einen Kontrapunkt zum Umgang vieler Männer (auf und abseits von Twitter) mit der Thematik sexualisierter Gewalt an Frauen zu setzen: einem Umgang, der jegliches Problembewusstsein und jegliche Sensibilität missen lässt, ja viel zu oft – ob in Form der Gutheißung, der Relativierung oder des Kokettierens – selbst als Teil des Problems bestimmt werden muss. Diese Gelegenheit wurde von vielen – nicht nur und vielleicht nicht einmal vorrangig von den im Eingangstweet Angesprochenen – versäumt. Ebenso versäumt wurde offenbar die Gelegenheit, über die eigene Alpharolle und die damit verknüpften Politiken und Privilegien ernsthaft zu reflektieren. Damit sei nicht behauptet, dass diese Reflexion individuell nicht geleistet wird; die Verwitzelung der Alpha-Kritik, die gestern auf Twitter mitzuverfolgen war, war freilich wenig dazu angetan, dahingehende Zweifel zu beseitigen.

Vor diesem Hintergrund mag mein gestriger Eingangstweet jenen etwas verständlicher erscheinen, die ihn unnachvollziehbar, überzogen oder einfach nur jenseitig fanden. Eine solche Klärung auf Twitter herbeizuführen, war offenbar nicht erschöpfend möglich. Wie Twitter – mit seiner Anfälligkeit für Fehldeutungen, seiner beschränkten Eignung zur Ausräumung derselben und seiner generellen Komplexitätsfeindlichkeit – überhaupt denkbar ungeeignet scheint, die Thematik sexualisierter Gewalt auf eine Weise zu bearbeiten, die nicht in einem kommunikativen Fiasko endet. Die Lösung kann selbstverständlich weder im Beschweigen (oft werden einer – und seltener einem – einschlägige Debatten schließlich aufgezwungen) und schon gar nicht in „mehr Gelassenheit“ bestehen. Nötig erscheint stattdessen ein Mehr an Selbstreflexionsbereitschaft, an Vorsicht und an Empathie für die Gefühle der aktiv und passiv an der Diskussion Beteiligten. Jede dritte Frau in der Europäischen Union hat seit ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Zynisch ist vor diesem Hintergrund nicht nur das Leugnen oder Ignorieren des Problems, sondern auch jede Verhaltensweise, die es relativiert oder trivialisiert. Dazu gehört das pubertäre Herrenwitzeln über „Penetrationstests“. Dazu gehört meines Erachtens aber auch das Lächerlichmachen von Präventionsmaßnahmen wie Awareness-Teams. Und möglicherweise gehört dazu auch das wenig selbstreflexive Geplänkel unter Meinungsmachern übers Meinungsmacher-Sein, wenn es klare Worte gegenüber den Herrenwitzlern in den eigenen Reihen ersetzt. Wo, wenn nicht beim Thema sexualisierte Gewalt wäre es angesagt, das für Twitter kennzeichnende, ewige Streben nach dem noch geistreicheren Tweet vorübergehend einzustellen? Manche „Alphas“ haben sich in diesen Tagen zum Teil des Problems gemacht. Andere haben zumindest eine Gelegenheit nicht wahrgenommen, Teil der Lösung zu sein.

-bw- (@bweidin)

* Die Klarstellung Peter Rabls:

rabl

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Die Awareness der „Alphas“

Eingeordnet unter Quick Takes

„Imaginationen des Untergangs. Zur Konstuktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identiätspolitik der FPÖ.“ Neuerscheinung von Carina Klammer

In ihrem neu erschienenen Buch rekonstruiert die Soziologin Carina Klammer Mechanismen der antimuslimischen Fremdbildproduktion und analysiert deren Stellenwert für Entwicklungen inner- sowie außerhalb der extremen Rechten.
Im Rahmen der jüngsten Aufregung rund um die Facebook Gruppe „Wir stehen zur FPÖ!“ landete die FPÖ erneut in den Schlagzeilen, da am virtuellen Stammtisch u.a. antimuslimische Anfeindungen betrieben und damit einhergehend Morddrohungen ausgesprochen wurden. Insofern büßt die Publikation, die sich antimuslimischen Fremdbilder in der FPÖ seit der Parteispaltung im Jahr 2005 und Heinz-Christian Straches Antritt als Parteiobmann widmet, nicht an Aktualität ein. Anhand von Untergangsimaginationen und dem Appell zur „Abendlandrettung“, so die Conclusio, sollen vornehmlich der altbekannte Rassismus, sowie mehr oder weniger unter der Hand Antisemitismus und Weiblichkeitsabwehr auf die Höhe der Zeit gebracht und salonfähig werden.
Im Rahmen der Analyse werden darüber hinaus Islambilder und antimuslimische Bündnispolitiken innerhalb der extremen Rechten näher beleuchtet, (historische) Referenzen des rechten Abendland-Diskurses aufgezeigt sowie Verflechtungen mit öffentlichen Diskursen und staatlichen Migrations- und Integrationspolitiken betrachtet.
Auch versucht die Autorin den Blick dafür zu stärken, dass innerhalb der Rechtsextremismusforschung Geschlechterverhältnisse als grundlegende Analysekategorie in den meisten Fällen unterbelichtet bleiben. So wird nicht nur ein Blick auf die Instrumentalisierung von Frauenrechten angesichts rassifizierender Politiken geworfen, sondern auch die geschlechterspezfische Struktur von antimuslimischen Ressentiments näher erörtert und mit dem konstitutiven Antifeminismus der FPÖ in Verbindung gebracht.
Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich darüber hinaus der kritischen Auseinandersetzung mit gängigen wissenschaftlichen Begrifflichkeiten und Erklärungsmustern, wobei auch auf Opferkonkurrenz-Debatten Bezug genommen wird, die für die weitere wissenschaftliche Arbeit zum Thema prägend blieben. Dementsprechend wird auch die Frage aufgeworfen, wie unterschiedliche Feindbilder (Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Antifeminismus, Homophobie, etc.) verstärkt in ihrem Zusammenhang gedacht werden können, ohne dass ihre jeweiligen Spezifika und Unterschiede nivilliert werden.

„Es erschien mir – unter anderem angesichts der bestehenden Kontroversen – weder möglich noch erstrebenswert ein Buch über antimuslimische Fremdbilder zu schreiben, welches sich primär an der FPÖ abarbeitet“. Vielmehr sollen Kontextualisierungen und Zusammenhänge herausgearbeitet werden, „die mehr oder weniger weit über die FPÖ hinausreichen, jedoch für ein umfassenderes Verständnis der Thematik bzw. gegenwärtiger antimuslimischer Ressentiments und Rassismen hilfreich bis unabdingbar sind „(S.9).

Über die Autorin:
Carina Klammer ist Soziologin, im Rahmen von FIPU tätig und schreibt ihre Dissertation zum Thema des ideologischen Verhältnisses von „Körper“ und „Geist“ innerhalb der extremen Rechten im Postnazismus. Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in Wien im WS 2013/14: „Geschlecht gegen den (Schluss-)Strich denken – Vergeschlechtlichte Körper-Bilder im Postnazismus“.

Weitere Informationen zum Buch:
Imaginationen des Untergangs.
Zur Konstruktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identitätspolitik der FPÖ
Carina Klammer
Erschienen im LIT-Verlag
Reihe: Soziologie, Band 81, 2013, broschiert, 128 Seiten
ISBN: 978-3-643-50520-0

G:/reihe/umschlag/50520-0.dvi
http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-50520-0

Kommentare deaktiviert für „Imaginationen des Untergangs. Zur Konstuktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identiätspolitik der FPÖ.“ Neuerscheinung von Carina Klammer

Eingeordnet unter Hintergründe