Archiv der Kategorie: Quick Takes

Listensplitter

Bernhard Weidinger

Ohne große Umschweife ein paar Beobachtungen – einige bedeutsamer als andere – zu den nun vorliegenden (Bundes-)Wahlvorschlägen der diversen Rechtsparteien, unter besonderer Berücksichtigung der FPÖ (vgl. auch unseren jüngsten Text zur möglichen Zusammensetzung des neuen FPÖ-Klubs).

  • Wie gewohnt ist der Anteil von Korporierten auf der freiheitlichen Liste extrem hoch, wie ein Blick auf die ersten 25 Positionen zeigt (siehe Bild).
  • Wendelin Mölzer scheint auf Platz 13 der FPÖ-Liste mit der Berufsbezeichnung „Journalist“ auf – sollte es noch eines weiteren Belegs bedurft haben, dass er auch nach dem formalen Rückzug aus dem Impressum von „Zur Zeit“ dort eine tragende Funktion innehat, scheint er nun vorzuliegen.
  • Vier Plätze hinter Mölzer findet sich der Name Norbert Nemeth. Das ist einerseits bemerkenswert, da der langjährige Direktor des FPÖ-Nationalratsklubs bislang nicht in politischer Funktion auftrat – und andererseits, weil es die Möglichkeit eröffnet, dass im kommenden Nationalrat gleich drei Mitglieder der rechtsextremen Burschenschaft Olympia vertreten sein könnten. Allerdings kann von diesen dreien nur Harald Stefan (5.) als gesetzt gelten – sowohl Nemeth (kein Antreten auf Landes- und Regionallisten) als auch Martin Graf (53., Platz 6 in Wien, Platz 2 im Wahlkreis) müssten angesichts ihrer Listenreihung auf Mandatsverzichte oder eine erfolgreiche Vorzugsstimmenkampagne spekulieren.
  • Ein interessanter Name scheint auch unmittelbar vor Graf auf: Volker Knestel, der laut Profil einer der Profiteure der Eurofighter-Anbahnung war. Knestel ist einer der wenigen Freiheitlichen, die ausschließlich auf der Bundesliste kandidieren.
  • Jessi Lintl, 2013 auf der Liste des Team Stronach in den Nationalrat eingezogen und bei ablaufenden Legislaturperiode in den Klub der FPÖ übergetreten, kandidiert nun auch für letztere – auf Platz 86 im Bund und Platz 11 in Wien.
  • Das Ende der Wahlliste ist traditionell der Platz für die Solidaritätskandidaturen verdienter Funktionäre früherer Ären. Die FPÖ-Liste macht hier keine Ausnahme. Gegenüber den Namen von 2013 gab es allerdings einige Veränderungen: Andreas Mölzer und der ehemalige 3. Nationalratspräsident Wilhelm Brauneder sind nicht mehr dabei, dafür wurden einige Veteranen mit Regierungserfahrung heimgeholt: Holger Bauer (aus der rot-blauen Regierung Sinowatz), Herbert Haupt und Reinhart Waneck (beide Schwarz-Blau). Auch Gerulf Stix (3. Nationalratspräsident 1983 bis 1990) ist diesmal mit von der Partie.
  • Die FPÖ hält bekanntlich nichts von quotierten Listen, jedenfalls nicht im üblichen Sinn: auf den Plätzen 20 bis 26 kandidieren sieben Männer hintereinander, darauf folgen sieben Frauen und schließlich 15 (!) weitere Männer ohne Unterbrechung.
  • Ihrem Programm entsprechend, ist ethnische Homogenität auch auf der Liste der FPÖ Trumpf. Die Vornamen der Top-30 lesen sich wie ein Klassenbuch einer Landvolksschule aus den 1970ern: Heinz-Christian, Norbert, Herbert, Marlene, Harald, Dagmar, Susanne, Robert, Maximilian, Carmen, Harald, Anneliese, Wendelin, Edith, Werner, Petra, Norbert, Petra, Monika, Walter, Wolfgang, Hannes, Erwin, Peter, Reinhard, Christian, Andrea, Liane, Sandra. Andeutungen von Diversität finden sich erst spät auf der Liste, und in geringer Zahl: Milina (145), Ricarda (149), Deborah (166), Juanita Desiree (195). In Summe finden sich auf der Liste mehr Herren namens Volker (4) als türkische und serbokroatische Namen zusammen (0).
  • Zwei interessante Namen finden sich auf der Liste der FPÖ-Abspaltung FLÖ von Karl Schnell: neben Barbara Rosenkranz kandidieren hier auch Rudolf Pomaroli und Maria Klingler. Letztere schreibt seit Jahren regelmäßig Leserinnenbriefe an rechtsextreme Zeitschriften, darunter die Mölzersche „Zur Zeit“. Pomaroli ist Obmann des Bündnisses „Neutrales Freies Österreich“, einer Kleingruppierung, die sich seit Jahren für einen EU-Austritt Österreichs einsetzt. 2014 war sie noch in einer Allianz mit der EU-Austrittspartei von Robert Marschall zu den Europaparlamentswahlen angetreten. Obwohl die Austrittspartei auch bei den heurigen Nationalratswahlen kandidiert, hat Pomaroli nicht dort angeheuert, sondern bei Schnell/Rosenkranz.
  • Stark vertreten sind in den Law-and-Order Parteien FPÖ und FLÖ jene, die beides professionell exekutieren. Bei der FLÖ finden sich unter 250 Namen 9 Polizisten, 2 Berufssoldaten und 1 „Sicherheitskontrollorgan“. Bei der FPÖ unter 300 nicht weniger als 14 Polizisten (inkl. 1 Polizeijurist), 3 Justizwache- und 2 Sicherheitswachebeamte sowie 8 Berufssoldaten. Dazu kommen diverse Juristen, Pensonierte und Personen, die ihr gegenwärtiges politisches Amt als Beruf angegeben haben.
  • Bei den Weissen findet sich von den drei Stronach-Abgeordneten, die den Antritt der Liste ermöglichten (Waltraud Dietrich, Leopold Steinbichler, Ulla Weigerstorfer) nur einer unter den KandidatInnen: Leopold Steinbichler kandidiert auf Platz 5 der Bundesliste.

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„»Neue« Rechte“

Ein paar Schnellschüsse zur Jungle World-Debatte um „Identitäre“ und „Neue Rechte“ zwischen Natascha Strobl, Kathrin Glösel und Julian Bruns, Autonome Antifa [Wien] und Michael Bonvalot.

1. Es ist zutreffend, dass „Neue Rechte“ sich inzwischen als Analysebegriff in der Fachdiskussion etabliert hat. Dafür gibt es fraglos Argumente, v. a . den Bruch der französischen „Nouvelle Droite“ und ihrer diversen Nachahmer* anderswo mit positiven NS-Bezügen (wie taktisch motiviert auch immer sie im konkreten Fall einzuschätzen ist) und die rhetorische Modernisierung des von ihnen vertretenen Rassismus.

2. Ob diese Unterschiede tatsächlich eine neue Qualität begründen, die ein Abgehen von älteren Analysebegriffen (Rechtsextremismus, [Neo-]Faschismus) nötig bzw. sinnvoll macht, ist zurecht umstritten.

3. Auch bei einem grundsätzlichen Ja zu dieser Frage spricht doch vieles dafür, die Übernahme des „Neue Rechte“-Begriffs – also einer euphemistischen Selbstbezeichnung Rechtsextremer – durch die kritische Wissenschaft als unnötige Konzession zu werten, die rechtsextremer Selbstinszenierung in die Hände spielt, zumal dort, wo sie ohne Anführungszeichen zur Kennzeichnung des Euphemismus auskommt. (Gleiches gilt für das Label „Identitäre“ selbst.)

4. Ungeachtet der jeweiligen Haltung zur Berechtigung des „Neue Rechte“-Begriffs an sich wäre die in Journalismus und teils auch Wissenschaft seit längerem beobachtbare Entgrenzung des Begriffs zu problematisieren. „Neurechts“ ist für viele schon zum Label für jedes rechtsextreme Phänomen geworden, das irgendwie gegenwärtig ist.

5. Wenn der „Neue Rechte“-Begriff Verwendung finden soll, dann für die Epigonen der historischen „Nouvelle Droite“, denen auch die sogenannten „Identitären“ mit einiger Berechtigung zugerechnet werden. Gerade das Beispiel der österreichischen Jünger-Jünger legt (für mich) aber nahe, dem Faschismusbegriff dort, wo er Analysekraft besitzt, auch heute noch den Vorzug vor modischeren Bezeichnungen zu geben (vgl. dazu die Klassifizierung der Gruppierung durch das DÖW).

Bernhard Weidinger (@bweidin)

* Der Gebrauch männlicher Bezeichnungen negiert nicht die Existenz von Frauen (als klare Minorität) in „neurechten“ und „identitären“ Zusammenhängen, sondern trägt deren Charakter als „kriegerische Männerbünde“ (Mathias Wörsching) Rechnung, der schon für den historischen Faschismus prägend war und sich nicht zuletzt im gewohnten soldatischen Männlichkeitsideal einschließlich der üblichen Sekundärtugenden und Todessehnsucht bzw. -faszination („You only die once“) manifestiert.

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„Überspitzt gesagt…“

Von erigierten Daumen und penetranten Faschismuskeulen: Impressionen zur Psychoanalyse der Freiheitlichen Partei Österreichs.

(Diese Sammlung wird laufend erweitert. Hinweise an @bweidin oder kontakt@fipu.at sind willkommen.)

mölzer strache gudenus phallus

Ohne Worte.

arminia czernowitz eunuch 2015 fb_

Nicht _direkt_ aus der FPÖ, aber angesichts der Vielzahl von kommunal- und landespolitisch in den Reihen der FPÖ tätigen Arminen doch zumindest im Parteivorfeld zu verorten.

strache dreckig rein

16. Juli 2015: „Kicklfiles“ und Reinheitswunsch.

penetrieren

Ein Königreich für eine*n Analytiker*in – oder zumindest für einen Fremdwort-Duden.

 

erigierte daumen collage

Kamerareflex: die „permanent erigierten Daumen“ (Andreas Peham). [Foto: Twitter]


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„Ausländervolksbegehren“ II: der rechte Rand als Stichwortgeber der FPÖ

Die Androhung einer Neuauflage des Volksbegehrens „Österreich zuerst“ (vulgo „Ausländervolksbegehren“) von 1993 zählte zum schlagzeilenträchtigsten, was das diesjährige ORF-Sommergespräch mit FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache (bis auf weiteres nachzusehen hier) hergab. Unter Jörg Haider hatten die Freiheitlichen bekanntlich begonnen, das plebiszitäre Instrument des Volksbegehrens gezielt und einigermaßen exzessiv für parteipolitische Zwecke einzusetzen. Entsprechend dem populistischer Politik eigenen Drang zur Dauermobilisierung und Selbstdarstellung als Anwalt/Anwältin „des Volkes“ gegen „Fremde“ und abgehobene „Eliten“, aber ebenso zur Befriedigung von Haiders narzisstischer Sehnsucht nach dem Bad in der Menge auch zwischen Wahlkämpfen (so Peter Westenthaler in Nathalie Borgers‘ „Fang den Haider“) wurde nun begehrt, was das Zeug hielt: gegen „Privilegien“ (1987), für die „Rundfunkfreiheit“ (1989), gegen „Ausländer“ (1993), für „Tierschutz“ (1996, von freiheitlichen und grünen Abgeordneten gemeinsam eingeleitet), für den Schilling und ein „atomfreies (sic) Österreich“ (beide 1997).

Wie in so vielem folgte Strache nach seiner Übernahme der Parteiobmannschaft 2005 zunächst auch in dieser Hinsicht dem Haiderschen Vorbild. Wie letzterer initiierte er bereits im Jahr nach seinem Amtsantritt sein erstes Volksbegehren („Österreich bleib frei“), ließ es hernach aber dabei bewenden – unter anderem wohl wegen der relativen Erfolglosigkeit sowohl dieses als auch aller sonstigen seither durchgeführten Volksbegehren in Österreich, gemessen an den Spitzenwerten früherer Jahrzehnte. Die heurige rechte bis rechtsextreme Grassroots-Initiative pro EU-Ausritt wurde von freiheitlicher Seite nur sehr schaumgebremst unterstützt. Nun also holt Strache die plebiszitäre Option wieder aus dem politischen Werkzeugkasten. Im Sommergespräch führte er im Zusammenhang mit der Unterbringung von AsylwerberInnen aus, dass die Bevölkerung vor Ort mittels „Volksabstimmungen“ vorab eingebunden werden müsse. „Ich habe nur die Angst, dass Rot und Schwarz und Grün das wieder einmal verweigern. Wenn sie das verweigern sollten, dann kann ich Ihnen heute schon sagen, dann werden wir ein Volksbegehren initiieren, nämlich ‘Österreich zuerst, Teil 2’, weil es wichtiger denn je ist.“ (Volles Transkript verfügbar bei neuwal.)

Nicht nur in Thematik und Benennung (1) der in Aussicht gestellten Kampagne folgt Strache dem Beispiel Haiders, auch seine Inspiration stammt offenbar aus ähnlichen Quellen wie bei jenem. Über die Vorgeschichte des Originals von 1993 schreibt Wolfgang Purtscheller in seinem Standardwerk über den österreichischen Rechtsextremismus nach 1945: „Haider hatte … mit seinem Volksbegehren etwas zustande gebracht, was der rechtsextremen Szene trotz zwei Jahrzehnte währenden Strebens noch nicht geglückt war. Die FAKTEN [rechtsextremes Zeitschriftenprojekt um Horst-Jakob Rosenkranz, Anm. B.W.] warben zwar so wie AULA und IDENTITÄT [damaliger AULA-Jugend-Ableger, Anm.] seit Mitte 1991 eifrig für ein … Volksbegehren Österreicher für Österreich, dessen Kernpunkt so wie bei Haider die Verfassungsbestimmung „Österreich ist kein Einwanderungsland“ hätte sein sollen. Aber die Kameraden hatten Mühe, die nötigen 10.000 Unterschriften zusammenzukratzen.“ (2) „(W)ir … haben das Glück, daß sich spät, aber doch mit Jörg Haider ein Politiker gefunden hat, der sich nicht scheut, gegen den Widerstand aller etablierten gesellschaftlichen Kräfte dieses Volksbegehren in Gang zu bringen“, jubelte H.-J. Rosenkranz dementsprechend in seinem Rechtsaußen-Periodikum. (3)

Auch Strache rennt mit einem „Ausländer-Volksbegehren“ II am rechten Rand offene Türen ein. Das gegenARGUMENT, ein aktuelles Nebenprodukt des rechtsextremen Burschenschafter-Organs AULA, das auf eine jüngere Klientel zielt und sich vorrangig im Kampagnenjournalismus übt, hatte bereits im Februar 2014 eine solche Neuauflage ins Spiel gebracht. Im heurigen Juni nun (Nr. 2/2015) machte es mit dem Titel „ÖSTERREICH ZUERST 2015. ÖSTERREICH IST KEIN EINWANDERUNGSLAND!“ auf – in starker grafischer Anlehnung an das Originalsujet aus den 90er Jahren. Beigelegt waren auch Sticker im selben Design.

Haider-Auftritt in der Wr. Stadthalle 1993 (Bild via http://www.demokratiezentrum.org)

Haider-Auftritt in der Wr. Stadthalle 1993 (Bild via http://www.demokratiezentrum.org)

gegenargumente 22015 volksbeg

gegenARGUMENT, 2/2015

Aufkleber

Aufkleber

„Volksbegehren JETZT!“, wurde im Heftinneren gefordert. „(D)ie Partei, die ein ähnliches Volksbegehren wie Haider mit ‚Österreich zuerst‘ starten würde, kann sich eine sic) Zustimmung immer breiterer Bevölkerungsschichten sicher sein, denn nicht umsonst galoppiert die FPÖ als einzige Kraft, die das Zuwanderungsproblem kritisch sieht, von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.“ (4) In der Juni-AULA selbst war ein entsprechendes ganzseitiges Inserat enthalten. Sowohl dieses als auch das Begleitschreiben an die AbonnentInnen des gegenARGUMENTs enthielt eine Botschaft an den parteipolitischen Arm des österreichischen Rechtsextremismus: „Vielleicht dient diese Ausgabe auch als zeitgerechter Denkanstoß für jene politischen Kräfte in unserem Land, die sich Heimat und direkte Demokratie auf die Fahnen geschrieben haben.“ Das ließ sich die FPÖ offenbar nicht zweimal sagen und erntete damit, wie einst Haider, den zu erwartenden Applaus von ganz rechts außen.
gegenargument volksbegehren

Ob es tatsächlich zur Umsetzung der Ankündigung kommt – FPÖ-Außenpolitiksprecher Hübner hatte bereits im Juni die Existenz entsprechender Überlegungen in der Partei bestätigt, aber eine Entscheidung nicht vor Mitte Oktober (nach den Wahlen in Oberösterreich und Wien) in Aussicht gestellt (5) -, wird sich weisen. Schon jetzt lässt sich anhand dieser Episode festhalten, dass trotz jüngster Bemühungen des FPÖ-Obmannes um ein zumindest im Stil gemäßigteres Auftreten eine freiheitliche Tradition ungebrochen zu sein scheint, die Strache mit dem frühen Haider eint: wie jener nimmt er nach wie vor Flanken von rechtsaußen auf, setzt damit Signale an eine alte Kernklientel der Partei und bekräftigt die Funktion der FPÖ als Sprachrohr und verlängerter Arm des außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Österreich.

Bernhard Weidinger (@bweidin)

(1) Der Parole war man ohnehin stets treu geblieben – u. a. verwendete Strache sie im Nationalratswahlkampf 2006 auf Plakaten und trägt ein parteieigener Youtube-Kanal diesen Titel. Harald Vilimsky wirbt (mit EU-Geldern) für sich unter dem Slogan „Österreich zuerst statt EU- & EURO-Wahnsinn“ (vgl. ZUR ZEIT 26/2015, S. 11). 

(2) Wolfgang Purtscheller (1993): Aufbruch der Völkischen. Das braune Netzwerk. Wien: Picus, 362.

(3) Zit. ebd.

(4) gegenARGUMENT 2/2015, o.S.

(5) Ebd.

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Teutonische Trilogie

Bernhard Weidinger

Das Internetmagazin VICE hat sich einem herausfordernden Unterfangen gestellt, die Wiener Burschenschaft Teutonia über einen längeren Zeitraum begleitet und daraus eine ca. 25-minütige Dokumentation in 3 Teilen gestaltet. Diese bietet seltene Einblicke – und doch kaum Erkenntnis, die das politische (nicht persönliche) Wagnis von embedded journalism unter Burschenschaftern rechtfertigen würde. Dazu ein paar unsystematische Gedanken.

  • Die Frage, ob Rechtsextremen ohne Not (d. h. ohne z.B. durch ein ORF-Gesetz dazu gezwungen zu sein) überhaupt eine Plattform gegeben werden soll – und wenn ja, warum -, soll hier nicht näher erörtert werden (Überlegungen dazu finden sich hier). VICE hat sie offenkundig mit Ja beantwortet, und das nicht zum ersten mal: u. a. wurde dort schon vor zwei Monaten dem in der Doku erneut ausgiebig gefeaturten Teutonen-Sprecher Mayer die Gelegenheit geboten, ausufernd und unkommentiert den Reiz des Burschenlebens zu schildern. In beiden Fällen kam dabei genau jene österreichische Burschenschaft zu Publizität, die in den letzten Jahren (aber etwa auch um 1990) am häufigsten und eindeutigsten im rechtsextremistischen Sinn auffällig wurde.
  • Mit der grundsätzlichen Bereitschaft, Rechtsextremen eine Bühne zu bieten, ist freilich noch nicht entschieden, wie das Ergebnis ausfällt. Variabel erschiene etwa der Anteil der Sendezeit, der den Rechtsextremen verfügbar gemacht wird, um sich in einer Weise darzustellen, die sie für sympathisch halten. (In puncto sympathieträchtiges Auftreten hat man in Burschenkreisen augenscheinlich dazugelernt, wenn eins die vorliegende Teutonen-Performance etwa mit diversen TV-Auftritten von Silesen, Brunen, Cruxen und Teutonen aus den 90er Jahren vergleicht, die eher als nachdrückliche Anti-Werbung in eigener Sache einzustufen waren.) Im vorliegenden Fall wurde ganz offenkundig sehr viel mehr Zeit und Energie in das Sammeln von exklusivem Videomaterial von burschenschaftlichen Veranstaltungen investiert als in die kritische Überprüfung/Kommentierung des dort Vorgefundenen (siehe unten) – was dem Produkt anzumerken ist.
  • Wenn eins sich entscheidet, Rechtsextreme dermaßen ausufernd ins Bild zu rücken, sich dabei aber nicht zum Teil einer Imagekampagne der Portraitierten machen will, schiene es (mir) notwendig, deren Selbstdarstellungen kritisch zu kommentieren – sei es durch die RedakteurInnen selbst, sei es durch ExpertInnen. Eine solche Kommentierung findet hier durch Judith Goetz und einen Aussteiger des katholischen Verbindungswesens auch statt, und das in durchaus kenntnisreicher Weise. Sie verbleibt allerdings weitgehend auf der Ebene des Grundsätzlichen und Allgemeinen, was freilich nicht den Interviewten anzulasten ist: sie beantworten die Fragen, die ihnen gestellt werden. Umgekehrt können die portraitierten Korporierten sehr viel konkretere Angaben machen, die für ZuseherInnen anschaulicher und greifbarer werden als die referierte Kritik – und (zu) wenig kritische Kommentierung erfahren. Eine Reihe burschenschaftlicher Nebelgranaten wird in der Sendung wiedergegeben, ohne dass sie als (falsche) Schutzbehauptungen kenntlich gemacht würden. So darf etwa Jörg Mayer vor der Ahnengalerie SS-uniformierter Teutonen insinuieren, diese seien zu ihrer (lt. Nürnberger Prozess) verbrecherischen Organisation „eingezogen“ worden – anstatt sich (in aller Regel jedenfalls) freiwillig gemeldet zu haben. Er kann die von ihm möglicherweise selbst geglaubte Erzählung der Altherrenschaft wiedergeben, wonach der neonazistischen VAPO Anfang der 90er Jahre nur zwei von zehn Aktiven angehört hätten, was schließlich nicht „repräsentativ“ sei. Tatsächlich fanden sich auf den bei Gottfried Küssel gefundenen Mitgliederlisten nicht weniger als acht Teutonen. Bernhard Rösch wiederum, Gothe und Wiener freiheitlicher Landtagsabgeordneter, darf unwidersprochen die Holocaustleugnung eines nicht namentlich genannten Olympia-Gastvortragenden – gemeint ist wohl David Irving – als „Ente“ bezeichnen.
  • Auf der Faktenebene ist gegen die Dokumentation ansonsten nicht viel einzuwenden – was auch damit zu tun hat, dass VICE selbst nicht allzu viele Fakten präsentiert. Es fehlt dazu aufgrund der gewählten Schwerpunktsetzung auf burschenschaftliche O-Töne schlicht die Zeit. Schief geraten sind allerdings die Zahlenangaben: 4000 Mitglieder erreicht das völkische Verbindungswesen allenfalls insgesamt: in Aufaddierung der Mitgliederzahlen aller akademischen und pennale Verbindungen, von Burschenschaften über Corps bis hin zu den Vereinen Deutscher Studenten. Beschränkt eins sich auf akademische Burschenschaften, ist die Zahl um ein Vielfaches überhöht – dafür wäre in diesem Fall (allerdings nur dann) die Angabe der rund 20 Verbindungen im Einleitungstext annähernd zutreffen, wenn auch etwas zu tief angesetzt.
  • Notabler noch (wenn auch nicht allzu überraschend) als die mutmaßliche Irving-Apologie Röschs scheint mir dessen Rede von der NS-Zeit als den „sechs (sic) schlimmsten Jahren“ der österreichischen Geschichte. Richtig schlimm wurde es in seiner Wahrnehmung offenbar erst mit Kriegsbeginn 1939. Das erste Jahr nationalsozialistischer Herrschaft, jenes der Pogrome, wilden „Arisierungen“ und der Dachau-Transporte, war demnach vergleichsweise erträglich – was für den durchschnittlichen Burschenschafter (männlich, „arisch“ und politisch zuverlässig) auch tatsächlich zutraf, aus dem Mund eines gewählten Mandatars im Österreich von 2015 aber dennoch eine bemerkenswerte Einschätzung darstellt. Es handelt sich um einen der Momente in der Dokumentation, an der eine kritische Nach-Frage wohltuend und interessant gewesen wäre, wie die VICE-Redakteurin sie an anderen Stellen auch tätigt.
  • Wenn aktuelle Aktive der Teutonia vors Mikrofon gebeten werden, wäre meines Erachtens von vorrangigem Interesse gewesen, wie diese sich zu rechtsextremistischen Auffälligkeiten verhalten, die sie selbst aus nächster Nähe erlebt haben oder an denen der eine oder andere von ihnen möglicherweise persönlich beteiligt war – konkret etwa diverse revanchistische, antisemitische und gedenkpolitisch eigenwillige Flugblattaktionen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit; oder die Umtriebe des teutonischen Faktotums der heutigen extremen Rechten in Österreich, Jan Ackermeier (näheres bei Bedarf hier oder oder hier). Stattdessen spricht man über die VAPO, die ein heutiger Aktiver logischerweise nur vom Hören und (offenbar wenig faktengetreuen bis apologetischen) Sagen der Alten Herren kennt.
  • Der hohe Stellenwert von Brauchtumsfragen im Allgemeinen und der Mensur im Besonderen (gemessen an der diesen Fragen gewidmeten Zeit) in der Dokumentation entspricht einem gängigen Muster in der medialen Auseinandersetzung mit Burschenschaften: eine exotistische Herangehensweise, die den Gegenstand in erster Linie geheimnisvoll und faszinierend erscheinen lässt und über diese Faszination ideologische und politische Charakteristika tendenziell in den Hintergrund treten lässt – jedenfalls stärker, als es (mir) angezeigt erschiene. Dabei ließen diese Charakteristika sich anhand des Brauchtums vortrefflich illustrieren. Doch so ausführlich in der Dokumentation auch über das studentische Fechten geredet wird, kommt dessen ideologischer Kern – soldatische Männlichkeit (ihre Einübung, performative Herstellung und Beschwörung) sowie völkischer Nationalismus (versinnbildlicht in der symbolischen Aufopferung des Einzelnen für das völkische Kollektiv) – nicht zur Sprache.

Mein Fazit: die Dokumentation bietet einige interessante Einblicke, v. a. in Form von Charakterstudien, die – das sei fairerweise vermerkt – ohne längere burschenschaftliche Sprechpassagen wohl nicht in dieser Plastizität zu haben gewesen wären. Diese Einblicke wurden von VICE aber mit einem hohen Preis bezahlt. Ob entsprechend etwaiger vorab getroffener Vereinbarungen oder aus eigenem „Verschulden“, bewegt sich das Ergebnis (für meinen Geschmack) allzu nahe am Imagevideo nach Teutonen-Gusto: geeignet, Interesse bei potenziell Rekrutierbaren zu wecken und die restliche Öffentlichkeit zumindest aufgeschlossener (oder auch indifferenter) zu stimmen. Inwieweit das bei ausführlicherer Hinterfragung und Kommentierung der breiten Raum einnehmenden Selbstdarstellungsreden anders ausgefallen wäre, sei dahingestellt. Das Video wird VICE sicherlich viele Klicks bringen – und den Teutonen sonst schwer zu gewinnende Publizität. Insofern eine win-win-Situation. Erkenntnisgewinne für eine kritische Öffentlichkeit drängen sich dagegen wenig auf – jenseits der eher banalen Einsicht, dass Burschenschafter auch nur Menschen sind, sollte irgendjemand daran Zweifel gehegt haben.

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Preisfragen

Seit 1965 verleiht die Österreichische Volkspartei den Leopold-Kunschak-Preis. In der Sparte Wissenschaften wurde heuer auch meine Dissertation über Burschenschaften in Österreich für preiswürdig befunden. Wer sowohl mit meiner Arbeit, als auch mit der politischen Biografie Kunschaks vertraut ist, wird einen scharfen Kontrast nicht übersehen können: während die Kritik von Ideologien der Ungleichheit im Zentrum meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht, verbinden viele Menschen – darunter auch ich selbst – mit dem christlichsozialen Reichsratsabgeordneten, ÖVP-Mitbegründer und Nationalratspräsidenten Kunschak zuallererst wüsten Antisemitismus.

Die sich aus diesem Kontrast für manche/n wohl ergebende Frage, weshalb ich einen solchen Preis anzunehmen gedenke, lässt sich zunächst wie folgt beantworten: weil ich meine Arbeit aus eigenem Antrieb für den Preis eingereicht hatte und es mir inkonsequent erschiene, eine Auszeichnung abzulehnen, um die man sich zuerst beworben hat. Die Bewerbung entsprang einer Motivlage, in der akademische Eitelkeit ebenso eine Rolle spielte wie das meinem halben Jahreseinkommen als Unilektor entsprechende Preisgeld und die Neugier, ob die Auszeichnung einem Werk bzw. Autor verliehen würde, das bzw. der sich dem politischen Konservatismus im Allgemeinen und dem katholischen Verbindungsstudententum im Speziellen gegenüber gänzlich unapologetisch verhält. (Kunschak selbst gehörte dem katholischen Verbindungswesen als Ehrenmitglied einer CV-Verbindung etwa ebenso an wie die Vorsitzenden des Kunschak-Kuratoriums und der diesem beigestellten wissenschaftlichen Begutachtungskommission). Nun, da ich den Preis zuerkannt bekommen habe, freue ich mich darüber, insofern er eine Anerkennung meiner Arbeit darstellt – und aus einem Lager kommt, bei dem kaum von einer politisch motivierten a-priori-Begeisterung für mein Wirken ausgegangen werden kann. Gerade für einen auf politisch umkämpftem Feld Forschenden ist diese Art der Anerkennung von hohem Wert.

Insofern die jährliche Preisverleihung neben der Ehrung der jeweils Ausgezeichneten auch eine – wenn auch differenzierte – Ehrung des Namensgebers einschließt, sehe ich meine Freude über den Preis getrübt. Ja, Kunschak war – Achtung Gemeinplatz – eine facettenreiche Persönlichkeit: sozialpolitisch am linken Flügel seiner Partei angesiedelt, stärker pro-demokratisch und anti-faschistisch eingestellt als der Großteil seines Lagers (wobei seine Gegnerschaft zum Faschismus auch jenen der Heimwehr einschloss), unter NS-Herrschaft zweimal inhaftiert, Kontakte zum katholischen Widerstand; gleichzeitig war Kunschak einer der prononciertesten und fanatischsten Wortführer des politischen Antisemitismus im katholischen Lager, wobei er sich einer Rhetorik befleißigte, die von nationalsozialistischer Agitation kaum zu unterscheiden war.

Die umstrittene Frage, ob Kunschak seinen Antisemitismus auch nach 1945 beibehalten hat*, ist meines Erachtens keineswegs belanglos, nicht aber ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Eignung als Namensgeber einer Ehrung, die nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz und u. a. für Arbeiten zur Förderung des „friedlichen Zusammenlebens der Völker“ verliehen wird. Durchaus im Bewusstsein über Kunschaks Verdienste auf sozialpolitischem Gebiet kann ich die Aufrechterhaltung dieser Benennungspraxis seitens der ÖVP nicht nachvollziehen – umso weniger vor dem Hintergrund, dass wiederholt Arbeiten zur Aufarbeitung des Antisemitismus in Österreich mit dem Preis ausgezeichnet wurden; dass die Auseinandersetzung mit Kunschak seitens des parteieigenen Vogelsang-Instituts oder auch des CV durchaus als differenziert bezeichnet werden kann**; und dass das christlichsoziale Lager fraglos zahlreiche Frauen und Männer hervorgebracht hat, von einer Auszeichnung unter deren Namen sich auch GegnerInnen des Antisemitismus geehrt fühlen könnten.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Zwiespalts freue ich mich, die gesamte Preissumme zu gleichen Teilen den folgenden Einrichtungen bzw. Zwecken zuführen zu können: ESRA, das als psychosoziales Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens die Spätfolgen dessen bearbeitet, was Rhetorik wie jene Kunschaks vorbereiten half; der Realisierung einer geplanten Publikation meiner Forschungsgruppe (FIPU) zu historischen und aktuellen Formen des Antisemitismus; dem Verein Romano Centro, weil er hervorragende Arbeit für die Interessen einer weiteren europäischen Minderheit mit umfangreicher Diskriminierungserfahrung – Roma und Romnja – leistet; sowie dem Projekt Sisters Against Violence Europe, weil es eminent wichtig (und gleichzeitig zuwenig bekannt) ist.

Bernhard Weidinger

* Vgl. zur Debatte und zum Antisemitismus Kunschaks allgemein die 2013 im STANDARD ausgetragene Kontroverse zwischen Kurt Bauer und Paul Mychalewicz.

** Dies gilt interessanter Weise nicht in selbem Maße für den Umgang des Vogelsang-Instituts mit seinem Namensgeber Karl von Vogelsang, einem weiteren katholischen Sozialreformer, und dessen Antisemitismus.

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Eilige Gedanken zu Ball, Verbot, Gewalt und Medien

Ich erhalte in den Tagen und Wochen vor dem WKR-/Akademikerball viele Anfragen – heuer sind es mehr denn je. Das freut mich, weil es Interesse an meiner Arbeit über Burschenschaften bezeugt. Was mich weniger freut ist, dass der Inhalt der Anfragen, je näher der Ball rückt, verlässlich immer weiter von Burschenschaften weg- und zu Demonstrationen, Polizei und juristischem Drumherum hinrückt. Das journalistische Interesse an diesen Belangen ist natürlich legitim, ich bin dafür aber schlicht kein geeigneter Ansprechpartner. Die antifaschistischen Bündnisse, die Proteste organisieren, können sehr gut für sich selbst sprechen. Von Polizeitaktik wiederum hab ich keine und von Versammlungsrecht nur rudimentäre Ahnung.

Nun mag die Vermutung naheliegen, dass erwähnte Fokusverschiebung der (verbal?-)radikalen Linken anzulasten sei, die durch militantes Auftreten die Problematik eines Stelldicheins der äußersten akademischen Rechten in der Hofburg in den Hintergrund dränge. Diese Sichtweise wäre m.E. allerdings zu kurz gegriffen. Zum einen scheint mir in Teilen der journalistischen Zunft eine geradezu reflexhafte Bereitschaft vorhanden, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Stein des Anstoßes ein- oder zumindest hintanzustellen, sobald die redaktionelle Hoffnung auf kamerataugliche Pflastersteinwürfe, Scheibenbrüche und Barrikadenbau erste Nahrung erhält. Zum anderen hat die Veranstaltung selbst, also der nun unter anderem Label abgehaltene WKR-Ball, den österreichischen Journalismus über fünf Jahrzehnte hinweg genau gar nicht interessiert. Das Interesse sowohl der Medien, als auch des bürgerlichen Antifaschismus wurde in dem Moment geweckt, in dem autonome Antifaschist*innen die Veranstaltung in der Hofburg durch erst unangemeldeten und später auch untersagten Protest auf die Agenda setzten. (Jene bürgerlichen/liberalen Antifaschist*innen, die nun durch das üble Wirken der radikalen Linken ihren Protest delegitimiert sehen, könnten sich die Frage stellen, wie viele weitere Jahrzehnte sie ohne Initialzündung durch die radikale Linke zugewartet hätten, diesen Protest in Angriff zu nehmen. Es ist nicht so, dass der Ball bis 2008 im Geheimen stattgefunden hätte.)

Zur Frage der Demountersagung nur eine Bemerkung: die Öffentlichkeitsarbeit des noWKR-Bündnisses mag eins misslungen, kontraproduktiv oder gar skandalös finden. Mir ist heuer aus dieser Ecke allerdings nichts an Militanz oder Gewaltandrohungen zu Ohren gekommen, was über die Ansagen vergangener Jahre hinausginge. Sofern ich nichts überhört habe (was natürlich denkbar ist), schließe ich daraus, dass entweder sämtliche noWKR-Demos der vergangenen Jahre hätten verboten werden müssen – oder aber auch die heurige nicht zu verbieten war. Für letzteres spricht der bekannte Umstand, dass das Demoverbot 2011 vom VfgH nachträglich als verfassungswidrig eingestuft wurde. Auf die rechtliche Einschätzung des heurigen Verbots bin ich dementsprechend gespannt.

Was die Debatte über „Gewalt gegen Sachen“ als politische Aktionsform betrifft, liegen alle Meinungen auf dem Tisch. Nicht dort liegt interessanterweise folgender Aspekt: die Meisterschaft von Burschenschaftern in dieser Disziplin, unter Beweis gestellt u. a. in Südtirol/Alto Adige, werden Antifaschist*innen hierzulande wohl nie erreichen (so sie das überhaupt wollten); geschweige denn die Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, die die burschenschaftlich durchsetzten Südtirol-Bumser in weiterer Folge an den Tag legten – wofür sie in burschenschaftlichen Kreisen bis heute als „Freiheitskämpfer“ glorifiziert werden. Eine Gewaltakzeptanz- und Militanzdebatte, in der Burschenschafter nur noch als Opfer vorkommen, sagt nicht nur vor diesem Hintergrund einiges über die Konfiguration des polit-medialen Diskurses in Österreich aus.

Bernhard Weidinger

PS: Zum populären „Rechtsextremismus ignorieren, dann geht er weg“-Ansatz hat FIPU als Kollektiv vor rund einem Jahr hier Stellung genommen.

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Sachen zum Lachen

@bweidin

Es begann alles damit, dass ich auf Twitter einen Witz erzählte. Der ging so: Treffen sich zwei Grüne. Sagt der eine zum andern: „Unterm Hitler war nicht alles schlecht!“ – Darauf der andere: „Ja, aber das mit den Autobahnen hätt er besser gelassen!“

Nun wäre ich nicht überrascht gewesen, hätten Grüne daraufhin ihr Missfallen geäußert. Tatsächlich gehe ich nicht davon aus, dass Ansichten wie die hier karikierten in grünen Parteikreisen auch nur annähernd salonfähig sind. Die Entrüstung erreichte mich jedoch von gänzlich anderer Seite. Ein Burschenschafter der Innsbrucker Suevia, der – obwohl von mir geblockt – meine Tweets offenbar sehr aufmerksam verfolgt, griff ihn negativ kommentierend auf. Was folgte, war diese Frage/Aufforderung des Journalisten Wolfgang Ainetter an mich:

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Näher über meine vermeintliche Verfehlung unterrichtet wurde ich von vorerwähntem Schwaben:

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Freilich: mit Verharmlosung und NS-bezogenen Schäbigkeiten kennt der Herr sich aus. Dass er als Bundesbruder von Zeitgenossen wie Herbert Fleissner, Doyen rechtsextremer Publizistik im deutschen Sprachraum, neben dem Aufzeigen von NS-Verharmlosungen überhaupt noch zum (Kampf-)Twittern kommt, nötigt Respekt ab. Ebenso, dass er eine so hohe geschichtspolitische Sensibilität in einem akademischen Männerbund ausbilden konnte, der in seiner Chronik Weltkrieg, NS und die Opfer dieser Zeit wie folgt erinnert:

(D)er gewaltige Schicksalskampf des deutschen Volkes um seine weitere Existenz brach von neuem an. Nach 5½jährigem heldenhaftem Ringen um die Verteidigung des deutschen Lebensraumes gegen eine Welt von Feinden folgte das Chaos des Jahres 1945. Deutschland war zertrümmert … Seine Städte lagen in Trümmern und Millionen Deutsche waren an den Fronten und in der Heimat dem Kriege zum Opfer gefallen. Von noch ungeheuerlicherem Ausmaße aber war die deutsche Passion, die dem Kriege folgte, da 18 Millionen Deutsche ausgeplündert und des Letzten beraubt, von ihrer Heimatscholle vertrieben oder in grausamer Weise von diabolischen Rachegelüsten erbarmungsloser Feinde hingemordet wurden. Alle Werte und Ideale schienen vernichtet, die Menschenrechte zu Boden getreten und eine hoffnungslose Zukunft lag vor uns allen.“ (Suevia 1958, 13f.)

Wer nun meint, das sei nun aber doch etwas gar selektiv erinnert, sei beruhigt: schonungslos im Rückblick spart die Chronik freilich auch die Sache mit den Lagern nicht aus. Wie könnte man, angesichts „zahlloser aufrechter Volksgenossen, die [nach 1945, Anm.] für ihre Gesinnung und Treue zu ihrem Volke zu Verbrechern gestempelt, ihrer Existenzen beraubt, mit ihren Familien in Not und Elend gestoßen und in Kerker und Konzentrationslager gezwungen wurden.“ (ebd., 101)

Allerdings hat sich bei den Schwaben seither offenbar etwas getan. Ihre Stellungnahme zur „Schändung“ ihres Denkmals am Innsbrucker Westfriedhof 2013 (wiedergegeben hier) gehört zum gedenkpolitisch Reflektiertesten und im positiven Sinne Unzweideutigsten, das von einer Burschenschaft hierzulande bislang zu haben war. Sie betraf die Haltung der Verbindung zu SS-Studentensturmführer Gerhard Lausegger, der während des Novemberpogroms in Innsbruck 1938 führend an der Ermordung des lokalen Kultusgemeinde-Vorstands Richard Berger – er wurde am Innufer gesteinigt – mitgewirkt hatte. Der Ergänzungsband von 1968 zu vorerwähnter Verbindungschronik verschwieg diesen Umstand und wies stattdessen auf die „harten Schicksalsschläge“ hin, die Lausegger nach dem Krieg habe erdulden müssen. Die Trauerkneipe nach seinem Ableben 1966 habe gezeigt, „wie sehr A.H. [Alter Herr, Anm.] Dr. Lausegger von seinen Bundesbrüdern geschätzt wurde.“ (Suevia 1968, 54f.) Inzwischen hat Suevia – irgendwie – historische Verantwortung übernommen. Nur rund 47 Jahre dauerte es, bis man vor einigen Monaten am Denkmal einen Vermerk anbrachte, der die Rolle Lauseggers offenlegt – und zwar immerhin für jede/n, der/die ein Smartphone bei sich hat und etwas mit QR-Codes anzufangen weiß.

Doch zurück zum Ausgangstweet. Im zunächst impliziten Vorwurf der Geschmacklosigkeit wie auch der Verharmlosung erblickte ich ein Missverständnis Herrn Ainetters (an dessen antifaschistischer Einstellung ich keinen Zweifel hege) die Aussage des Witzes betreffend, und wies darauf hin, dass er keineswegs die nationalsozialistischen Verbrechen oder deren Opfer zum Gegenstand macht, sondern ganz im Gegenteil bestimmte Formen des postnazistischen Umgangs damit kritisch überzeichnet, nämlich NS-Relativierung und -Apologie im Allgemeinen (referenziert durch das Klischee von den Autobahnen) sowie von Seiten jener im Besonderen, denen Bäume mehr bedeuten als Menschen. (Dass das auf die Grüne Partei in Österreich keineswegs zutrifft, sei zur Vermeidung weiterer Missverständnisse an dieser Stelle explizit betont. Mein eigener Autohass übertrifft den des/der durchschnittlichen Grünen übrigens bei weitem.)

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Mein Erklärungsversuch rief Martin Brenner, ehemaliger konservativer Studentenpolitiker und Mitglied des katholischen Cartellverbands (Bajuvaria Wien) auf den Plan. Auch er ging in Sachen empörungswürdiger Einlassungen durch eine harte verbindungsstudentische Schule, gehören seiner Verbindung doch mit Albert Pethö und Matthäus Thun-Hohenstein auch die Herausgeber der fundamentalistisch-katholischen Hetzblatts “Die weisse Rose” an, die Größen des heimischen Nachkriegs-Antisemitismus wie Friedrich Romig zu ihren Autoren zählt. Mit dem Einwand, dass der Witz, von einem Rechten erzählt, andere Reaktionen hervorrufen würde, hat Brenner wohl nicht unrecht. Das halte ich auch für durchaus angemessen, liegt doch nahe, dass Rechte mit dem Erzählen des Witzes keineswegs eine kritische Intention verfolgten, sondern vielmehr die Absicht, von historischen Verstrickungen des eigenen Lagers in Nationalsozialismus und dessen Apologie nach 1945 abzulenken bzw. diese zu relativieren. Dass der Standpunkt die Bedeutung (zumindest mit-)bestimmt, konnte ich Herrn Brenner nicht vermitteln.

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Zuzugestehen ist ihm, dass Sprechposition in der Humorkritik in der Tat nicht allein ausschlaggebend sein sollte. Manches halte auch ich für ungeachtet des Sprechers bzw. der Sprecherin für indiskutabel – nicht zuletzt “Witze” über die Opfer. Nun mag es sein, dass der Bajuvare und der Schwabe, in ihren Verbindungen vermutlich regelmäßig mit “Geschmacklosigkeiten” konfrontiert, schon einmal die Verhöhnung der Opfer mit jener der Täter (und ihrer ApologetInnen) verwechseln. Genauso plausibel scheint freilich, dass sie interessiert daran sind, die Grenze zwischen beiden zu verwischen, um von problematischen Traditionslinien des eigenen Lagers abzulenken (wenn dabei gleichzeitig ein/e Korporationskritiker/in diskreditiert werden kann, umso besser). Der eine als Vertreter eines katholischen Verbindungswesens, das sich bis heute in der “historisierenden” Verharmlosung bis Rechtfertigung des österreichischen Imitationsfaschismus – einschließlich der Arierparagraphen-Forderungen eines Engelbert Dollfuß – übt (siehe Abbildung). Der andere als Angehöriger jenes völkischen Milieus, das dem Nationalsozialismus den Weg an die Hochschulen ebnete, ihn und seine Verbrechen wesentlich trug und dessen Ausläufer bis heute weit in den Neonazismus hineinragen.

Für den Fall, dass auf Seiten meiner Kritiker eine grundsätzliche Bereitschaft zu verstehen vorhanden ist, hier zur Illustration des angesprochenen Unterschieds ein kleines Beispiel: wenn im Rahmen einer verbindungsstudentischen Geburtstagsfeier am 31. 5. 2014 für einen in MKV und CV weidlich bekannten Rechtsauslager der Wiener Borussia (MKV) der Vorsitzende des Wiener MKV-Stadtverbandes eine selbst ersonnene Persiflage von Thomas Bernhards “Heldenplatz” zum Besten gibt, so ist das nichts für geschichtspolitisch sensible Gemüter. Da ist die Rede von der “Borussenverfolgung” durch den Verband, wegen derer der Jubilar habe aus Wien auswandern müssen; von “Hass und Verachtung” gegenüber den Borussen; von der Verbrennung ihrer Verbindungszeitung; vom “Lateinerpogrom”, unter dem der Jubilar als alter Humanist ebenfalls zu leiden gehabt habe. Die Reaktionen von Herrn Brenners Verbandsbrüdern vor Ort? – Nicht allzu irritiert: “(S)eriöseste Herren wieherten rosinantengleich vor Vergnügen” und emittierten “wallende Wogen philantrophischen Gelächters”, berichtet die Verbindungszeitung über diesen “Höhepunkt des Abends”, dargebracht “(z)um allgemeinen Gaudium der anwesenden Festgäste” (Borussenecho Nr. 405, August 2014, S. 6-9).

Mir scheint erwähnte “Bernhardiade” geschmacklos, und zwar ungeachtet der Person des Vortragenden – der, by the way, im November letzten Jahres eine Debatte zwischen MKV/CV und ÖH Uni Wien, let’s just say, „moderierte“ – , des (katholisch-konservativen) Publikums oder ihrer Aufführung in bierdunstig-männerbündischer Atmosphäre im Land der Täter, wiewohl die genannten Umstände kaum geeignet sind, die Geschmacklosigkeit zu mildern. Der Kern letzerer liegt eben darin, dass hier Anspielungen auf die Verbrechen selbst zur Pointe gemacht und dadurch die Opfer der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Angesichts der mir im Zuge der gegenständlichen Twitter-Kontroverse nahegebrachten Einschätzung, ich hätte als Hitler-Witze reißender Rechtsextremismusforscher wohl meinen Beruf verfehlt, möchte ich mit der Offenlegung eines kleinen Berufsgeheimnisses schließen. Es ist nämlich genau umgekehrt: die Arbeitshaltung, die mich solche Witze erzählen lässt, ermöglicht mir erst, den „Beruf“ [insert academic precarity reference here] zu machen, ohne selber Faschist, zynisch oder schwer psychotisch zu werden. Wer sich über einen längeren Zeitraum tagtäglich intensiv mit rechtsextremer Bild- und Textproduktion beschäftigt, braucht Strategien, um Distanz vom Gegenstand zu gewinnen. Eine der effektivsten Strategien ist Humor. Niemand muss sich gezwungen fühlen, mit mir zu lachen. Aber wenn ausgerechnet konservative Verbindungsstudenten aus Österreich meinen, mir die Grenzen des guten Geschmacks in zeitgeschichtlichen Dingen darlegen zu müssen, bleibt mir nur eins zu sagen: ich lach dann später.

Akad. B! Suevia zu Innsbruck (1958): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck 1868 bis 1958, zweite Auflage.

Dies. (1968): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck, Nachtrag 1958-1968.

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Die Awareness der „Alphas“

*Triggerwarnung: dieser Text behandelt den Umgang mit sexualisierter Gewalt bzw. einen misslungenen Versuch, eine Debatte darüber zu initiieren.*

Ich hatte gestern eine Kontroverse auf Twitter – und wie die meisten dort ausgetragenen Kontroversen ging auch diese weitestgehend am eigentlichen Thema vorbei. Sie begann so:

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Die folgende Auseinandersetzung zwischen ZIB2-Moderator Armin Wolf und mir kreiste schließlich um die Frage, ob ich Wolf (und seinen Mitdiskutanten) unterstellt hatte, selbst Vergewaltigungsdrohungen getätigt oder sich irgendwie positiv auf solche bezogen zu haben. Let’s get it out of the way: wie bereits auf Twitter festgehalten, habe ich das nicht und liegt es mir gänzlich fern, das zu tun. Mein Kommentar bezog sich nicht isoliert auf die (im obigen Screenshot nur ausschnitthaft wiedergegebene) Kurzdebatte um die Mitgliedschaft im Alpha-Klub, sondern verortete diese als Fortführung einer Tage zuvor begonnenen, breiteren Debatte (siehe unten). Die Vergewaltigungsdrohung, die an deren Ursprung stand, war den von mir Angesprochenen offenbar verborgen geblieben.

Rückblickend war es, denke ich, ein Fehler, die Debatte auf diese zu Missverständnissen einladende Weise zu eröffnen. Auf dem Feld sexualisierter Gewalt sind solche Missverständnisse folgenschwer, lenken Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem auf Nebengleise ab, und bloß weil große Teile der Twitter-Gemeinde die Thematik mit der selben Rotzigkeit, Arroganz und Ignoranz handhaben wie Diskussionen über Fußball oder übers Wetter, hätte ich mich dem nicht anschließen müssen – nicht anschließen sollen [weswegen der entsprechende Tweet inzwischen von mir gelöscht wurde]. Also: ich schätze Wolf und seine Diskussionspartner für ihre Expertise in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich. Keinem unterstelle ich Sympathien für Gewalttäter oder gar entsprechende eigene Dispositionen. Und dass Wolf sich ereifert, wenn er diesen Vorwurf gegen sich im Raume glaubt, finde ich gut. (Dass er auf Twitter auch stichhaltige Kritik an seiner Person in eher autoritärer Weise zu verarbeiten pflegt, steht auf einem anderen Blatt.)

Worum gings mir also? Es ging mir um diesen Tweet und um die Debatten, die er in Gang setzte:

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Dieser Tweet wurde in zahlreichen Reaktionen als Vergewaltigungsdrohung interpretiert. Und auch wenn der Begriff „Penetrationstest“ in IT-Kreisen eine spezifische abweichende Bedeutung kennt: wer es sich antut, weitere Meldungen desselben Accounts rund um das Wiener FemCamp zu lesen, kann keine Sekunde lang daran zweifeln, dass diese Interpretation zutreffend ist. (Den unterirdischen Inhalt dieser Tweets – explizite sexualisierte Drohungen gegen konkrete Feministinnen, „Witze“ über Gewalt an Frauen und sonstiger misogyner Bullshit der schlimmsten Sorte – gebe ich an dieser Stelle bewusst nicht wieder.) Peter Rabl, kürzlich von PULS4 reaktivierter Grandseigneur der (konservativen) Publizistik in Österreich, widmete dem Account offenbar genau 0 Sekunden seiner Aufmerksamkeit, bevor er den zitierten, von ihm dem Anschein nach als amüsant empfundenen Tweet teilte [Ergänzung: und tags darauf eine Klarstellung dazu vornahm*]. Was folgte, war eine Welle der Kritik an Rabl und – nachdem ein notorischer Troll mit bekannt antifeministischer Neigung sich an Rabls Seite gestellt hatte – auch an diesem.

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fußi

In der Kritik an Rabl und Fußi wurde wiederholt (und in Fortführung früherer Auseinandersetzungen) auf deren Status als „Alphas“ hingewiesen – als, so jedenfalls mein Verständnis des Begriffs, meist männliche Twitterer, die eine für österreichische Verhältnisse große Zahl an Followers aufweisen, untereinander persönlich bekannt (bzw. meist befreundet) sind und eine hohe, nicht themengebundene Twitteraktivität an den Tag legen. (Manche würden als weiteres Kriterium ausgeprägte Kritikresistenz respektive Selbstkritikunfähigkeit ergänzen.) Im weiteren Verlauf der Debatte wurde, über die Erörterung der Rabl- und Fußi-Tweets hinaus, zunehmend auch das (Nicht-)Verhalten anderer Alphas thematisiert. Weshalb, so wurde gefragt, sähen jene, die doch sonst zu alles und jedem eine Meinung absonderten, sich nicht veranlasst, ihre Verhaberung mit Rabl und Fußi für einen Tweet zu unterbrechen und sich explizit gegen deren Männersauna-artigen Umgang mit Vergewaltigungsdrohungen zu stellen [wie es der Politikwissenschafter Hubert Sickinger in einem von mir zunächst übersehenen Tweet tat, in dem er Fußi zu einer Entschuldigung aufforderte]?

Natürlich kann ein solcher Einspruch keinem (keiner) vorgeschrieben werden, und wenn Wolf und andere vor dem Hintergrund der zitierten Äußerungen mit Fußi lieber jovial über dessen neues Profilfoto parlieren, als ihn zu fragen, ob er vielleicht „wo angrennt“ sei (wie Wolf es mit mir tat), dann ist das ihre Sache. Ärgerlich fand und finde ich aber, wenn Alphas schließlich doch in die Kontroversen um das FemCamp einsteigen, dazu aber nur spöttische Kommentare über dort verwendete Begrifflichkeiten („Cis-Männer“ etc.) oder u. a. zur Hintanhaltung von Übergriffen eingesetzte „Awareness-Teams“ beizutragen haben; wenn nach allzu vielen Anlässen, sich über sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung zu entrüsten, Entrüstung erst ausbricht, wenn einer sich persönlich angegriffen fühlt; und wenn Alphas die Kritik an ihnen als ebensolche zwar offensichtlich rezipieren, ihre einzige Reaktion darauf aber darin besteht, sie zum Gegenstand ihrer Scherzereien zu machen. Die von anonymen Antifeministen ausgelöste und von Rabl und Fußi angeheizte Debatte hätte den Alphas die Gelegenheit geboten, von ihrer meinungsbildenden Funktion Gebrauch zu machen, um einen Kontrapunkt zum Umgang vieler Männer (auf und abseits von Twitter) mit der Thematik sexualisierter Gewalt an Frauen zu setzen: einem Umgang, der jegliches Problembewusstsein und jegliche Sensibilität missen lässt, ja viel zu oft – ob in Form der Gutheißung, der Relativierung oder des Kokettierens – selbst als Teil des Problems bestimmt werden muss. Diese Gelegenheit wurde von vielen – nicht nur und vielleicht nicht einmal vorrangig von den im Eingangstweet Angesprochenen – versäumt. Ebenso versäumt wurde offenbar die Gelegenheit, über die eigene Alpharolle und die damit verknüpften Politiken und Privilegien ernsthaft zu reflektieren. Damit sei nicht behauptet, dass diese Reflexion individuell nicht geleistet wird; die Verwitzelung der Alpha-Kritik, die gestern auf Twitter mitzuverfolgen war, war freilich wenig dazu angetan, dahingehende Zweifel zu beseitigen.

Vor diesem Hintergrund mag mein gestriger Eingangstweet jenen etwas verständlicher erscheinen, die ihn unnachvollziehbar, überzogen oder einfach nur jenseitig fanden. Eine solche Klärung auf Twitter herbeizuführen, war offenbar nicht erschöpfend möglich. Wie Twitter – mit seiner Anfälligkeit für Fehldeutungen, seiner beschränkten Eignung zur Ausräumung derselben und seiner generellen Komplexitätsfeindlichkeit – überhaupt denkbar ungeeignet scheint, die Thematik sexualisierter Gewalt auf eine Weise zu bearbeiten, die nicht in einem kommunikativen Fiasko endet. Die Lösung kann selbstverständlich weder im Beschweigen (oft werden einer – und seltener einem – einschlägige Debatten schließlich aufgezwungen) und schon gar nicht in „mehr Gelassenheit“ bestehen. Nötig erscheint stattdessen ein Mehr an Selbstreflexionsbereitschaft, an Vorsicht und an Empathie für die Gefühle der aktiv und passiv an der Diskussion Beteiligten. Jede dritte Frau in der Europäischen Union hat seit ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Zynisch ist vor diesem Hintergrund nicht nur das Leugnen oder Ignorieren des Problems, sondern auch jede Verhaltensweise, die es relativiert oder trivialisiert. Dazu gehört das pubertäre Herrenwitzeln über „Penetrationstests“. Dazu gehört meines Erachtens aber auch das Lächerlichmachen von Präventionsmaßnahmen wie Awareness-Teams. Und möglicherweise gehört dazu auch das wenig selbstreflexive Geplänkel unter Meinungsmachern übers Meinungsmacher-Sein, wenn es klare Worte gegenüber den Herrenwitzlern in den eigenen Reihen ersetzt. Wo, wenn nicht beim Thema sexualisierte Gewalt wäre es angesagt, das für Twitter kennzeichnende, ewige Streben nach dem noch geistreicheren Tweet vorübergehend einzustellen? Manche „Alphas“ haben sich in diesen Tagen zum Teil des Problems gemacht. Andere haben zumindest eine Gelegenheit nicht wahrgenommen, Teil der Lösung zu sein.

-bw- (@bweidin)

* Die Klarstellung Peter Rabls:

rabl

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Mythologia Germanica

Die jüngsten Proteste gegen burschenschaftliche Ballveranstaltungen und das damit einhergehende Medieninteresse haben völkische Korporierte zu einer Reihe von Entgegnungen auf vermeintliche Fehlrepräsentationen veranlasst. Unverändert spiegeln sie die in völkischen Korporiertenkreisen vorherrschende Weigerung wider, auch unangenehme Erkenntnisse der seriösen Geschichtswissenschaft zu akzeptieren und vom Modus trotziger Apologie zu einer selbstkritischeren Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Allgemeinen (und jener zwischen 1930 und 1945 im Besonderen) überzugehen. Der Leserbrief von Wendelin Mölzer an die Zeitschrift PROFIL (7/2014) bildet hier keine Ausnahme. Eine Richtigstellung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Wendelin Mölzer vermeintliche „Klischees und Mythen“ in Christa Zöchlings Artikel mit Halb- und Viertelwahrheiten zu entkräften hofft. Entgegen der von ihm behaupteten ideologischen Unvereinbarkeit von völkischem Verbindungsstudententum und Nationalsozialismus ist auf die (politisch früh realisierte) Kompatibilität beider im fanatischen Irredentismus und Antisemitismus hinzuweisen. Mölzers vermeintlicher Beleg – die Auflösung der Verbindungen durch das NS-Regime – blamiert sich an den Fakten. Nicht wegen demokratischer Gesinnung oder ideologischer Unzuverlässigkeit wurden die völkischen Verbindungen aufgelöst, sondern aufgrund der Grundtendenz des Regimes, keinerlei Organisierung außerhalb seiner eigenen Strukturen zu dulden. Unschwer zu erkennen ist dies für jeden, der es wissen will, daran, dass katholische, liberale und zionistische Korporationen 1938 zerschlagen, die völkischen dagegen in den NS-Studentenbund überführt wurden. Dies nicht zuletzt aus Dank für ihre emsige, bereits Anfang der 1930er Jahre einsetzende Wühlarbeit im Dienste der NS-Bewegung. Die von Mölzer – wohl nicht zum letzten Mal in diesem Jahr – versuchte Vereinnahmung der 1848er-Revolte für die „Waffenstudenten“ erscheint insofern wenig überzeugend, als ein studentisches Verbindungswesen in Österreich zu diesem Zeitpunkt nur in zarten Ansätzen existierte. Wenn Mölzer schließlich darauf pocht, dass Burschenschafter wie Victor Adler und „Friedrich“ (korrekt: Ferdinand) Lassalle mit an der Wiege der Sozialdemokratie standen, wäre er auch daran zu erinnern, weshalb Burschenschaft und Sozialdemokratie keine gemeinsame Zukunft beschieden war: in etwa zeitgleich mit der Herausbildung letzterer wurden völkischer Nationalismus, rabiater Antisemitismus und militanter Anti-Internationalismus unter österreichischen Burschenschaftern hegemonial.

Bernhard Weidinger

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